Nachricht trifft ein: „Gendern im Beitrag an einer Stelle vergessen“. Vera wieder, die Genderpolizei. „Müssen wir das gendern? Das sieht so doof aus“, antworte ich. Noch weiß ich nicht, dass ich damit eine Diskussion eröffnen werde.

„Für mich ist das ein emotionales Thema“, sagt Vera.
„Für mich null“, argumentiere ich.
„Für mich ist Sprache umstellen nicht unbedingt das Werkzeug, um die Gesellschaft zu ändern“, meint Issam.

Ich war in Barcelona. Mein Team hatte sich gerade gebildet. Achtlos war ich und mächtig unreflektiert. Das Mädchen aus dem Dorf, das nun sein eigenes Ding – ein Online-Magazin – macht. Wir sind eine Redaktion, in der offen über alles gesprochen wird. Tabus gibt es nicht. Trotzdem ist mir dieser Abend im November, an dem wir uns über diskriminierungsfreie Sprache unterhielten, bis heute peinlich.

Damals war mir nicht bewusst, was Sprache für unsere Gesellschaft bedeutet. Die ist nun mal so, dachte ich. Dass ich dadurch die sprachliche Fiktion, dass die Welt überwiegend nur aus Männern besteht, aufrechterhielt, juckte mich nicht. Und das ist einfach nicht akzeptabel.

Was falsch daran ist?

„Also meiner Ansicht nach ist Sprache eines der wichtigsten Dinge in unserer Gesellschaft. Sie spiegelt Respekt, Interesse und soziales Miteinander. In der Grundschule kam ich das erste Mal in Berührung damit, nicht angesprochen zu werden. Immer war von „Eltern“ die Rede. Ich habe keine Eltern. Mit zunehmendem Wissen habe ich über die Jahre die Zusammenhänge über Transsexualität und Intersexualität verstanden und gesehen. Ich verstand, dass diese Menschen nicht nur in der Schule NICHT, sondern teilweise nie angesprochen werden. So wie ich als Frau nicht Lehrer, sondern Lehrerin genannt werden möchte, ist es mir wichtig, dass jeder Mensch sich angesprochen und damit integriert/nicht ausgeschlossen fühlt. Verstehst du?“, fragt mich Vera.

Ich hatte es nicht verstanden.

„Ich verstehe dich Vera. Aber das sieht halt auch jeder anders. Ich hatte noch nie ein Problem mit Diskriminierung und ich möchte das bei uns nicht zum Thema machen. Ich möchte mich lieber auf andere Dinge konzentrieren“, antwortete ich.

Autsch. So viel zum Thema mächtig unreflektiert.

Wenn ich zurückdenke, war es nicht die sprachliche Veränderung, die mich dabei störte, sondern das Hinterfragen meiner Anschauung. Das sich unter anderem durch das Gendersternchen andeutete. Warum ich entschieden habe, ab jetzt zu gendern?

Weil es Menschen wie Vera gibt, die das Gefühl haben, unsichtbar zu sein. Weil ihnen über die Sprache der Eindruck vermittelt wird, anders zu sein. Für Journalist:innen, die laut Ziffer 12 des Pressekodex niemanden aufgrund des Geschlechts diskriminieren sollen, ist die Auseinandersetzung mit dieser Thematik also unabdingbar. Schließlich bildet Sprache Realität nicht nur ab, sondern trägt auch zu deren Gestaltung bei. Die Wortwahl beeinflusst unser Denken und das wiederum hat Einfluss auf unser Handeln.

Und auch wenn ich mich selbst davon nicht betroffen fühle, liegt die Frage, ob Frauen sprachlich einbezogen werden sollen oder nicht, keineswegs alleine in meiner Hand. Und weil ich mit meiner Arbeit dazu beitragen möchte, dass sich jeder Mensch dazugehörig fühlen kann, fing ich an, Menschen wie Vera einfach mal zuzuhören.

Gendern reduziert Stereotype und Diskriminierung. Und wenn es dafür nicht mehr bedarf, als die eigenen sprachlichen Gewohnheiten in den Hintergrund zu stellen, sehe ich keinen Grund, der dagegenspricht. Damals erschien mir die Diskussion sinnlos, heute weiß ich, wie notwendig sie doch war. Denn wer sich öffentlich äußert, trägt Verantwortung und hat Einfluss. Auch auf die Denkweise anderer.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: Rosa Viktoria Ahlers

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