Als ich für mein Studium von Tirol nach Wien gezogen bin, hielten mich meine Kommiliton:innen aufgrund meines Dialektes, der fast schon wie ein Sprachfehler klingt, für eine Schweizerin. Diese Falschannahme hielt sich, bis sie mit mir Essen gehen wollten und ich sagte, dass 20 Euro für einen Salat zu teuer für mich wäre. „Ahh, dann bist du also doch keine Schweizerin“, witzelten sie stereotyp-gemäß. Meine Mimik musste Bände über mein Unverständnis gesprochen haben, denn sie ergänzten: „Ja, du hast ja kein Geld, dann kannst du auch keine Schweizerin sein!“.

Geld.

Laut dem Online-Duden kommt das Wort „Geld“ vom mittelhochdeutschen „gelt“, was so viel wie Zahlung, Vergütung, Einkommen oder Wert heißen sollte. Aber was hat Wert? „Alles, was man sich nicht mit Geld kaufen kann“, laut den Instagram-Inspiration-Posts, die genauso fad sind wie der 20 Euro Salat, den ich Gott sei Dank nicht gekauft habe.

Das Thema Geld ließ mich nicht mehr los. Inflation, Deflation, Börsen-Crash, Kryptowährungen, Möchtegern-Trader – all diese Schlagwörter begleiten uns Tag für Tag aus nächster Nähe. Ich lebe in Wien auf Kosten meiner Eltern, wofür ich unendlich dankbar bin, aber ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht so genau, was meine Kosten eigentlich sind und wie viel meine Eltern eigentlich verdienen, um ihre und auch meine Kosten zu stillen.

Wenn ich nicht einmal als Kind weiß, wie viel meine Eltern verdienen, wieso sollten dann große Firmen ihre Bezahlungsbilanzen offenlegen? Ich glaube, wir schämen uns oder noch viel schlimmer, wir schämen uns nicht, weil und oder obwohl hinter den ganzen (fehlenden) Nullen Ungleichheit steckt. Gesellschaftliche Ungleichheit reproduziert sich in sozialen Verhältnissen, ausgedrückt durch den heiß begehrten Kommastrich am richtigen Fleck: 10,00 Euro oder 100,000 Euro.

Ich kann deine kurze Aufmerksamkeitsspanne mit meinem Text auch nur in Beschlag nehmen, weil meine Eltern dafür sorgen, dass ich genug Zeit, einen Computer, Ruhe und auch so etwas wie ein halbwegs vernünftiges Gespür für Rechtschreibung aufgrund von langjähriger Bildung habe. Durch immer mehr Publikationen, Praktika oder auch Volontariate könnte ich dann eine größere Chance auf einen vermeintlich besseren Job bekommen, was so viel heißt wie die Chance auf einen mittelmäßig bis gut bezahlten Job, der vielleicht sogar Spaß macht. Um dies zu erreichen, muss ich mich also zuerst entgeltlos abrackern, werde dafür aber reicher an Erfahrung. Fast schon pervers wie ein Gesellschaftssystem, das auf der Akkumulation von Mehrwert basiert, unbezahlte Arbeit normalisiert hat.

Geld ist der Maßstab für Erfolg in einer kapitalistischen Welt, die Monopoly insofern gleicht, als dass nur die Gastgeber:innen die wirklichen Spielregeln kennen. Wo sind die besten Anlege-Plätzchen, welche speziellen Aktionskarten gibt es und wie trickse ich am besten die Bank aus?

Ich rede auch nicht gern über Geld, ob ich welches habe oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Ich weiß noch genau, wie meine Mama früher gesagt hat, dass man Menschen auf gar keinen Fall nach ihrem Einkommen fragen sollte. „Anna, das ist total unhöflich!“, schimpfte sie immer, wenn ich verwundert auf den neuen Benz vom Vater meiner Kindergarten-Freund:innen gezeigt hatte. Deswegen fand ich Dagobert Duck immer absolut unsympathisch: Er hat allen seinen Reichtum ins Gesicht gedrückt, ob sie es nun wissen wollten oder nicht.

Dabei hab ich gar nicht gecheckt, dass wir dasselbe machen: Louis Vuitton Taschen, Gucci-Brillen, iPhone oder AirPods: Wir drücken Passant:innen auch unseren Geld-Swimmingpool mitten in die Fresse und das zumeist ohne größeren Mehraufwand. Geiz ist schon längst nicht mehr geil.

Wer was hat, der präsentiert es unverhohlen in Gucci T-Shirt und Armani Schuhen. Wer viel hat, der trägt weiße Sneakers mit einem kleinen „V“, damit nur die Kenner:innen sehen, dass es Valentino ist.

Ein eingeschworener Kreis aus Polo-Hemden, High-end Make-up und Breitling-Uhren entsteht schon in jungen Jahren. Ein Kreis, in dem ich zwar dank meines beinahe-Sprachfehlers dem Anschein nach reingepasst hätte, aber das Septum und die fehlende Bereitschaft 20 Euro für einen Salat hinzublättern, haben mich als Catfish enttarnt.

Die meisten Menschen, die zu diesem eingeschworenen Kreis gehören, sind weiß (surprise), männlich (no way) und heterosexuell (you kidding, right). Das Geld, mit dem sie flexen, ist geerbt und sie studieren Wirtschaft oder Jus, um in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Natürlich nicht alle. Die Dosis macht bekanntlich das Gift. Manche sind auch weiß und weiblich, andere männlich und homosexuell. Geld wird intersektionell, sobald man es hat.

Der Kunde ist König, in einer Welt, in der man sich alles leisten kann. „Geld regiert die Welt“, ist der größte Bullshit ever, erfunden, um die weniger-betuchte Masse zu passiven Objekten der Wertschöpfung zu dekreditieren.

Menschen regieren die Welt. Menschen mit Macht, was so viel wie Menschen mit Einfluss und Geld bedeutet.

Geld ist ein menschengemachtes Denkkonstrukt, denn welchen Wert hat so ein Papierschein per se oder noch viel schlimmer dein (imaginäres) Bankkonto?

Alles was Geld kostet, hat einen (Mehr-)Wert, wie der eigentliche Ursprung des Wortes aussagt. Demzufolge ist unbezahlte (zumeist weibliche) Care-Arbeit  komplett wertlos in den Augen der Wirtschaft, die die Gesellschaft bestimmt. In Österreich würde unbezahlte Care-Arbeit rund 30 Prozent des BIP ausmachen. Ich weiß, dass viele Ökonom:innen keine lodernden Feminist:innen sind, aber wieso nicht diesen Sektor zumindest teilweise vergüten, damit auch die Wirtschaft davon profitieren kann? Keine Sorge, dadurch werden Frauen auch nicht komplett gleichgestellt, wenn das die Sorge dahinter ist.

Ob die Nathalies und Niklasse dieser Welt wohl wissen, wie viel ihre Eltern verdienen und wie viel ein stinknormaler Caesar-Salat eigentlich kosten sollte?

Ob sie später auch mit so riesigen Summen, so fern von jeglicher Lebensrealität, hantieren werden, dass sie sich wie unser amtierender Finanzminister Gernot Blümel in der Budget-Planung um läppische sechs Nullen vertun werden?

Wir werden es bei der nächsten Neubesetzung der ÖVP erfahren.

Aber, to be honest: who cares?

Für all jene Dagobert Ducks dieser Welt, die genug Geld haben, um sich keine Sorgen darüber machen zu müssen, wird Geld absolut wertlos. Gott sei Dank bin ich auch, zumindest zu einem kleinen Stücken, einer von denen. Ansonsten könnte ich nicht diesen Text über einen zwanzig Euro Salat schreiben, sondern müsste etwas wirklich produktiv-wertvolles zustande bringen. Und das jeden einzelnen verdammten Tag meines Lebens.

Halleluja, es lebe die freie Marktwirtschaft!

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Autorin: Anna-Maria Hirschhuber
Illustration: Marius Korn

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