Vor vier Jahren beendete ich die Schule. Bekam mein Abitur in die Hand gedrückt und zog, mit diesem in der einen und meinem grünen Koffer in der anderen, ein paar Tage später nach Wien. Den einzigen Plan, den ich hatte, war es, dort Politikwissenschaften zu studieren.

Quasi mein einziger Job, den es zu bewältigen galt.

Die Mindeststudienzeit liegt bei sechs Semestern und die Durchschnittsstudienzeit bei acht. Heute bin im achten Semester und mein Bachelor ist immer noch weit und breit nicht in Sicht. Keinen neuen Abschluss, doch stattdessen habe ich einen Traum, der mich die letzten Wochen immer wieder häufiger in meinen Nächten heimsucht.

Ich bin wieder 18 Jahre alt, sitze mit irgendwelchen fremden Statisten in einem Klassenzimmer und bereite mich auf die Abiturprüfungen vor. Alle scheinen den Stoff ganz gut zu beherrschen. Sitzen über ihren Mappen, Büchern und Taschenrechnern völlig darauf fokussiert, was vor ihnen liegt.

Dahinter sitze ich.

Starre auf die Hinterköpfe meiner “Mitschüler:innen” und kann nicht fassen, dass sie checken um was es gerade geht. Eine leise Panik kommt in mir hoch, die Schrift vor mir verschwimmt und die Frage, wie ich den ganzen Stoff noch vor den Prüfungen aufholen soll, wird dagegen nur noch präsenter. Ab dieser Phase meines Traums taucht dann meist eine Lehrperson auf. Beugt sich über meine Schulter, überfliegt das, was vor mir liegt, schüttelt verheißungsvoll den Kopf und legt mir dann nahe, die Klasse zu wiederholen und erst nächstes Jahr zum Abitur anzutreten.

Immer öfter wache ich nun auf und weiß im ersten Moment nicht, ob ich noch in meiner Heimatstadt lebe oder doch schon Wien mein Zuhause nenne. Und mir ist auch klar, warum ich in meinen Träumen wieder 18 bin. Denn auch wenn ich den Schulabschluss schon seit Jahren in der Tasche habe, kenne ich dieses Gefühl auch aus dem Bachelor. Es ist dasselbe wie in meinen Träumen.

Jede:r um mich herum scheint irgendwie schon fertig studiert, oder zumindest so gut wie, und
bewegt sich zielstrebig in Richtung Master. Manche gehen dafür ins Ausland, suchen nach Unis, die sich auf den bevorzugten Studiengang spezialisieren, und scheinen vor allem eines zu haben: einen Plan.

Mein Plan dagegen ist immer noch derselbe. Ich versuche hinter ihm, meinen Prüfungen und meinen Deadlines hinterherzurennen, um mit den anderen mithalten zu können. Dabei bin ich irgendwie nur noch auf Schadensbegrenzung aus. Und da ist es wieder: das verhasste Gefühl aus meinen Träumen.

Doch wie kam es überhaupt dazu, dass ich rennen muss, während es alle um mich herum schaffen, im Schritttempo zu gehen?

Ich bringe das gleich mal auf den Punkt: Ich habe ein Jahr in den Sand gesetzt durch meine Unstrukturiertheit und meine Planlosigkeit, als ich mit meinen jungen Jahren anfing zu studieren und nicht wusste, wie das eigentlich geht. Corona hat mich dazu noch ein Semester gekostet, in dem ich durch die Abwesenheit meiner Kurse irgendwie vergessen hatte, dass ich eigentlich noch Studentin bin.
Doch im Grunde ist das alles scheißegal.

Fakt ist nun mal, dass ich länger brauchen werde wie der Durchschnitt der Politikwissenschaftsstudent:innen. Und ich weiß auch nicht wirklich, was das Schlimmste an dieser Situation für mich ist, wahrscheinlich weniger die Tatsache, nicht vor der Entscheidung zu stehen, für welchen Master ich mich einschreiben werden. Es ist auch nicht der fehlende Bachelor Titel auf den Werbungen, die in meinem Briefkasten landen. Nicht einmal per se die Trauer darüber, noch nicht schon weiter in meiner “Karrierelaufbahn” zu sein.

Viel eher ist es die Scham.

Doch für was schäme ich mich eigentlich? Dafür, dass ich mit 22 noch keinen Abschluss habe?
Ganz rational weiß ich auch, dass es da deutlich Schlimmeres gibt und dennoch komme ich nicht dagegen an. 

Denn egal wo ich hinsehe, überall springen mir Menschen in meinem Alter von illusionierten Werbetafeln entgegen, die nicht nur alle 50k Follower:innen, Buchverträge, EPs, Start-ups etc. gemein haben, sondern auch diesen verfluchten Bachelorabschluss.

Dagegen fühle ich mich, als hätte man mir ein Armutszeugnis in die Hand gedrückt, mitleidig meinen Kopf getätschelt und gesagt: ‘naja nicht jeder kann erfolgreich sein’.

Wie erfolgreich muss ich eigentlich sein, mit gerade mal 22? Und wer entscheidet denn, was man unter Erfolg versteht, was darunter fällt und wer genau es geschafft hat, erfolgreich zu sein?

Wahrscheinlich sollten wir das individuell entscheiden, für uns selbst eine Definition finden, uns auf die Schulter klopfen und sagen: Mensch, sei stolz auf dich und deinen Erfolg.

Ich würde das gerne tun, ja ehrlich, doch dabei fühle ich mich nur lächerlich.

Inmitten einer Gesellschaft, die tagtäglich neue, fast minderjährige Erfolgsgaranten auskotzt, mir nach acht Semestern auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: Ey geil, haste gerockt.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration © Caro Klosson

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