Kinder. Eigene Kinder. Ich habe mir immer welche gewünscht. Und als sie geboren wurden, konnte ich nicht glauben, dass ich dieses Wunder vollbracht hatte. Dass ich es gleich zweimal vollbracht hatte. Schwer zu beschreiben. Weil es irgendwie surreal ist, dass diese kleinen fertigen Menschen von mir sind. Dass sie ohne mich nicht da wären.

Verrückt. Einfach total unglaublich.

Als ich einundzwanzig war, fing sie an. Meine Hypochondrie. Das war auch unglaublich. Unglaublich scheiße. Durch meinen Job sah ich Krankheitsbilder im Endstadium und war täglich mit infausten Prognosen konfrontiert, die ich einfach nicht verkraftete. Inflammatorischer Krebs, der sich durch Brüste fraß. Geschwüre, die ihre Besitzerinnen am Sitzen hinderten. Etwas in mir konnte dieses mannigfaltige Elend nicht ertragen. Nicht in dieser brachialen Endgültigkeit.

Ich, die ich gesund war. Mit einundzwanzig. Noch. Dachte ich.

Nach einer längeren Phase auf einer gynäkologischen Behandlungseinheit fing ich an, mir Sorgen zu machen. Die ständigen Eindrücke onkologischer Erkrankungen infiltrierten zunehmend meine Gedanken. Die bloße Möglichkeit, dass bestimmte Krankheiten einfach unentdeckt in unauffällig aussehenden Körpern wüteten, brachte mich halb um den Verstand. Ich begann Ärzte zu konsultieren und Kontrolltermine wahrzunehmen, bis ich mit meinem Gynäkologen per Du war. Ich weinte. Ich litt unter Schlafstörungen. Ich hatte Panikattacken. Meine Freunde verstanden es. Doch helfen konnten sie mir nicht.

Dieser Zustand vereinnahmte mein Denken volle drei Jahre lang. Bis mir ein eigentlich routinemäßiger Besuch bei meinem geduzten Gyn-Doc völlig unvorhergesehen die Augen öffnete.

»Kind!«, sagte er zu mir, als ich zitternd vor ihm saß, »Dieses Buch ist noch nicht geschrieben!« Mit diesen Worten begann mein neues Leben. Vor über zehn Jahren.

Ich weiß nicht, was es war. Ich weiß nicht, warum ich es nach diesen von purem Wahnsinn geprägten Jahren auf einmal annahm. Aber ich hatte es satt.

Die Angst zerstörte alles. Sie stahl mir meine kostbare Zeit. Meine Lebensqualität. Mein Glück mit mir selbst. Diese Erkenntnis veränderte mein Sein. Machte mich demütig und unsäglich dankbar. Dafür, dass ich jeden Tag, an dem ich keine endgültige Horrordiagnose kredenzt bekam, sorgenfrei leben darf. Das Bewusstsein, sich zu reflektieren und im Jetzt zu leben, setzte ein.

Das Wort Resilienz hatte für mich von nun an eine völlig neue Dimension erreicht.
Es ist nicht so, dass ich jemals einen auffälligen Befund mitgeteilt bekommen habe. Oder dass ich einen wirklich triftigen Grund für diesen Irrsinn gehabt hätte. Medizinisch begründet.

Doch als ich vier Jahre später zum ersten Mal schwanger war, muss ich zugeben, dass ich über die Perfektion der Funktionsweise meines eigenen Körpers komplett irritiert war. Ich dachte nur:

Das kann doch gar nicht sein.

Da es aber doch so war und ich nach dem vierten Test bereits vier positive Ergebnisse anstarrte, begann ich an Wunder zu glauben. Daran, dass alles möglich ist. Daran, dass bei allen Unwägbarkeiten und so viel Leid auf der Welt die Dinge sich ausgleichen können.

Meine Kinder haben andere Freiheiten, als ich sie früher hatte. Ganz andere. Sie dürfen weniger fernsehen. Sie lernen Instrumente und sie gehen regelmäßig zum Sport. Meine eigenen Eltern können darüber nur den Kopf schütteln. Und manchmal wundere ich mich selbst, wie ich so streng werden konnte. In der Erziehung meiner eigenen Kinder.

»Übertreib nicht so«, höre ich mir am Telefon kommentarlos an, wenn ich meine Mutter darauf aufmerksam mache, dass ich auf zuckerreduzierte sowie vegetarische Ernährung Wert lege.

»Die Armen haben überhaupt keinen Spaß«, ist ein anderer Wink mit dem Zaunpfahl, wenn meine Priorität in Bezug auf Disziplin zur Sprache kommt. Ich sei wirklich zu streng, sagen sie.

Doch ich liebe meine Kinder über alles. Und ich meine es nur gut.

Weil irgendwann.. ist alles vorbei.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Foto: SEENO KAMI / Editor: Jens Peters

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