Verhütung ist ein Thema, das uns alle angeht – bzw. betreffen sollte! Neulich erst berichtete ich über meine Erfahrungen mit der Pille und darüber, wie verantwortungslos das Vorgehen mancher Ärzt:innen ist. Hormonbomben verschreiben ohne vollständige Aufklärung? Nein, danke! 60 Jahre ist es nun her, seitdem die kleine Tablette ihr Debüt auf dem deutschen Markt hatte. Mittlerweile ist sie nicht mehr wegzudenken und schmückt die Badezimmer vieler Frauen. Doch mit der Zeit wurden auch die Risiken und Nebenwirkungen immer sichtbarer, die mit der Einnahme der Antibabypille einhergehen. Und trotzdem mangelt es weiter an Aufklärung und sicheren Alternativen. BetterBirthControl, ein Projekt, das für bessere Verhütung für alle kämpft, möchte das ändern. Initiiert wurde die Petition von Jana Pfenning (25) und Rita Maglio (24). Jana, die schon für Katarina Barley arbeitete, macht ihren Master im Bereich internationale Beziehungen in Berlin. Rita studiert in Potsdam Politikwissenschaften und ist nebenbei in einem Berliner Politikinstitut tätig. Ich war mit den Gründerinnen im Gespräch und habe mit ihnen über ihre Kampagne und Verhütung gesprochen.

DIEVERPEILTE: Wann wurde die Verhütung für euch zum Thema?
Rita Maglio: Mit 14 habe ich die Pille verschrieben bekommen, weil meine Periode unregelmäßig kam. Als ich 18 war, ging ich ins Ausland, weshalb ich sie wieder absetzte. Außerdem waren mir die Risiken einfach zu groß. Neben Wesensveränderungen merkte ich, wie mich die Pille beeinflusste. Ich verhütete dann nur noch mit Kondom, weil ich nicht wusste, welches Verhütungsmittel gut für mich ist. Dann habe ich mir den Kupferball einsetzen lassen, der ähnlich wie die Spirale funktioniert. Er hängt frei in der Gebärmutter und das Kupfer tötet die Spermien quasi ab. Für fünf Jahre ist das eine gute und langfristige Alternative, wobei ich auch sagen muss, dass es nicht perfekt ist.

Jana Pfenning: Mit 14 oder 15 kam ich erstmals mit Verhütungsmitteln in Berührung. Da ging ich auch das erste Mal zum Frauenarzt, da meine Periode ebenfalls super unregelmäßig kam. Um das zu bekämpfen, verschrieb mir der Frauenarzt einfach die Pille. Damals hatte ich noch nicht mal Sex. Die Pille war für mich auch wirklich nicht zur Empfängnisverhütung gedacht, sondern nur um meine Periode regelmäßig zu bekommen. Daraufhin las ich mir den Beipackzettel durch, nahm sie aber noch nicht. Dasselbe passierte auch mit 17. Mit meinem damaligen Partner ging ich zu einer anderen Frauenärztin, die mir wieder die Pille verschrieb. Ich nahm sie aber wieder nicht, weil mich der Beipackzettel erneut abgeschreckte. Vor ungefähr einem Jahr fing ich an, die Pille zu nehmen, setzte sie aber kurze Zeit später wieder ab.

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Bild: BetterBirthControl

Welche Verhütungsmittel gibt es?
Rita Maglio: Also in Deutschland ist es tatsächlich so, dass das Kondom und die Pille die meist verwendeten Verhütungsmittel sind. Bei Männern gibt es eben noch die Vasektomie, die man machen könnte. Die ist zum Teil auch reversibel, aber das ist nicht ganz sicher. Deswegen würden wir sagen, dass es auch eher keine Option für jüngere Männer ist, die noch Kinder bekommen möchten. Bei Frauen gibt es noch die Kupferkette, die Kupferspirale und den Kupferball, wobei die Frauenärztin aus unserem Team auch gesagt hat, dass sie diese nicht so gerne bei jungen Frauen einsetzt, weil es eher etwas für nach dem Kinderkriegen ist.

Jana Pfenning:
 Dann gibt es noch die Hormonspirale, das Hormonpflaster und das Hormonimplantat. Das sind so die Mittel, die es in Deutschland auf dem Markt gibt.

Rita Maglio:
Es gibt noch zusätzliche, eher unbekannte Methoden, wie zum Beispiel das Diaphragma. Das wiederum zeigt, dass man mehr Aufklärung betreiben muss. Wir kennen keine Leute, die das jemals benutzt haben. Dann ist die NFP-Methode gerade noch sehr im Kommen, wobei da eher Schwangerschaften entstehen können, weil da alles auf dem natürlichen Rhythmus und Zyklus basiert.

Könnt ihr euch noch an den Moment erinnern, als ihr euch erstmals ein alternatives Verhütungsmittel gewünscht habt?
Jana Pfenning: In meiner letzten Beziehung habe ich mit meinem Partner viel darüber geredet und ich wollte eigentlich keine hormonelle Verhütungsmethode nutzen. Am Ende machte ich es dann doch und nahm die Pille. Es gab einfach einen Mangel an Alternativen. Das Kondom ist in einer monogamen Beziehung auf langfristige Sicht eher etwas unpraktisch und es ist auch nicht ganz so sicher. Es gibt ein hohes Risiko, vor allem bei Anwendungsfehlern und uns war es wichtig, doppelt geschützt zu sein. Die Verhütung mit Kupfer kam für mich nicht infrage, weil dadurch die Menstruationsbeschwerden stärker werden können. Da wünschte ich mir, dass es Alternativen gibt.

Rita Maglio: Bei mir war es in der Zeit, als ich die Pille abgesetzt hatte und nach einer neuen Alternative schaute. Da fühlte ich mich einfach alleingelassen, auch von meiner neuen Beziehung. Es war dann auch so, dass das Kondom letztlich nicht ganz so praktikabel in einer monogamen Beziehung ist. Darauf hatten wir keine Lust. Aber dann wurde der Ball direkt zu mir gespielt. Und ich musste mir dann für uns den Kupferball einsetzen lassen, weil die Pille für mich nicht mehr infrage kam. Da bekam ich das Gefühl „okay, das liegt jetzt alles nur bei mir, aber ich mache das für uns“ und auch in der Hinsicht, dass mein Kupferball in zwei Jahren wieder rausgenommen wird, stellt sich mir auch schon wieder die Frage: Was nehme ich als Nächstes? In solchen Momenten wünsch ich mir, dass mein Partner mir das einfach abnehmen kann oder sich finanziell beteiligt. Das war aber eher ein Tabuthema in früheren Beziehungen.

Und dann kam euch die Idee mit BetterBirthControl?
Jana Pfenning: So in etwa. Rita und ich lernten uns in Brüssel kennen, wo wir mit einigen Kolleg:innen und Politiker:innen in einer Bar waren. Irgendwann kamen wir auf das Thema Verhütung. Alle regten sich darüber auf Das Gespräch ging auch super lang und alle konnten viel zu dem Thema sagen und waren unzufrieden. Nach dem Barabend fragte ich mich, warum sich mit der Verhütung nichts ändert. Schließlich waren alle Anhänger:innen aus den unterschiedlichsten Parteien unzufrieden, was das Thema angeht. Ich fing an, darüber nachzudenken und kam zu der Ansicht, dass Verhütung ein Thema ist, das vor allem junge Menschen unter 35 betrifft. Weil man in dem Alter noch aktiv verhüten muss, wenn man nicht schwanger werden möchte. Menschen, die in Parlamenten sitzen, sind leider in der Regel über 40. Im Durchschnitt ist das Alter im Bundestag bei 50 Jahren.

Und dann?
Jana Pfenning: 
Ich habe dann ein bisschen recherchiert: Was gibt es denn für Interessenverbände, die sich für bessere Verhütung einsetzen? Irgendwie habe ich nicht so viel gefunden. Ich schaute bei Gesundheits- und feministischen Verbänden auf die Websites und auch da fand ich nichts. Da merkte ich, dass es eine Lücke gibt und die wollte ich füllen. Im September fragte ich dann Rita, ob sie mitmachen möchte. Rita war begeistert und motivierte uns, weiter zu machen.

BetterBirthControl ist ja nicht nur die Petition, sondern ihr wollt etwas Größeres aufbauen. Was sind eure weiteren Pläne?
Rita Maglio: Also natürlich, wenn wir jetzt genug Unterschriften haben, dass wir von der Politik angesprochen und eingeladen werden. Dann möchten wir natürlich mit denen und mit der Pharmaindustrie in einen Dialog treten und unsere Forderungen präsentieren. Mit denen sprechen, was überhaupt möglich ist, was gemacht werden sollte und was notwendig ist. Wir haben es uns auch zur Aufgabe gemacht, dass wir mit BetterBirthControl eine Plattform bieten, wo Menschen sich informieren können und aufgeklärt werden. Ebenfalls wollen wir auch die Gesellschaft abbilden. Dafür wollen wir Video Content mit Personen produzieren, die über ihre Verhütungsmethoden reden. Wir wollen auch auf wissenschaftlicher Basis Fakten einbringen, die wichtig für das Thema sind. Und das ist jetzt gerade auch noch eine berechtigte Frage/Kritik, die in den Kommentaren kommt: Ja, aber was ist mit der und der Studie und und und. Das wird alles noch kommen! Wir hätten nicht gedacht, dass der Ansturm so groß ist, aber das ist alles in der Mache.

Welche Ziele und Forderungen verfolgt ihr mit BetterBirthControl?
Jana Pfenning:  Also zum einen wollen wir Verhütung gleichberechtigter gestalten. Es geht darum, dass sowohl Männer als auch Frauen Zugang zu einer ausgewogenen Palette an Verhütungsmitteln haben. Diese sollten auch möglichst nebenwirkungsfrei sein. Das ist unser zweites Ziel. Die Nebenwirkungen von Verhütungsmitteln sollen reduziert werden. Das macht man vor allem mit mehr Forschung und finanziellen Investitionen in die Forschung. Da muss man die Industrie und Politik konkret drauf anheuern!Rita Maglio: Ein weiteres Ziel ist, dass wir eine gezieltere Aufklärung wollen – besonders für junge Leute. Das fängt ja schon in der Schule im Sexualkundeunterricht an. Wie funktioniert der Körper und was richtet die Pille zum Beispiel an. Viele wissen ja gar nicht, wie die Pille in ihrem Körper wirkt. Da wollen wir ansetzen, sodass Menschen mehr über Verhütungsmethoden wissen. Als letzten Punkt haben wir dann noch die Kostenübernahme. Das ist ein sehr wichtiger Punkt für uns, weil der Schutz Geld kostet. Und es sollte an der Zeit sein, dass dieser für alle frei zugänglich ist und es keine finanziellen Barrieren gibt.

Welche Ungerechtigkeiten treten eurer Meinung nach auf, wenn es um das Thema Verhütung geht?
Rita Maglio: Es fängt bei den Kosten an. Da Frauen meistens für die Verhütung zuständig sind, die Pille nehmen oder sich etwas einsetzen lassen und das aus eigener Tasche finanzieren. Wir sind auch der Meinung, dass es ungerecht ist, dass man als Frau mit dem Argument konfrontiert wird, dass sie schwanger werden könne. Sollte dies der Fall sein, bleibt es ja trotzdem das gemeinsame Kind. Deshalb ist das für uns nicht schlüssig, dass man sagt, die Frau ist muss verhüten.

Jana Pfenning:  Das ist das, was immer noch von alten weißen Männern kommt. Verhütung ist auch einfach eine Art unbezahlte Care-Arbeit, die Frauen ja eh schon viel mehr in unserer Gesellschaft tragen und Verhütung ist ein Teilaspekt davon, der leider gesellschaftlich noch nicht so stark beleuchtet ist. Frauen investieren Zeit und Geld. Die Pille abholen, zum Frauenarzt gehen, sich irgendwas einsetzen lassen, sich damit beschäftigen, sich informieren. Das kostet alles Zeit. Zum anderen kostet es Geld. Das ist total ungerecht aufgeteilt. Und natürlich auch, dass Frauen mehr an den Nebenwirkungen leiden als Männer. Ich will damit überhaupt nicht sagen, dass irgendjemand Nebenwirkungen haben sollte. Aber es ist eine ganz ungleiche medizinische Verteilung der Folgen.

Rita Maglio: Da fällt mir noch ein Punkt ein: Es ist unfair, dass Männer nicht selbstbestimmt verhüten können. Ihnen bleibt nur das Kondom. Ich finde auch Männer sollten die Möglichkeit haben, die eine mögliche Schwangerschaft zu unterbinden, indem sie verschiedene Verhütungsmöglichkeiten haben. Und das ist gerade nicht der Fall.

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Bild: BetterBirthControl

Wenn wir schon mal dabei sind: Warum gibt es eigentlich keine Pille für den Mann?
Rita Maglio: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es gab eine Studie zur Pille für den Mann, die letztlich abgebrochen wurde, da die Nebenwirkungen zu stark waren. Um auch noch mal auf das Argument einzugehen, die Pille für die Frau würde so heute nicht auf den Markt gelangen, aufgrund der Begleiterscheinungen.

Das bedeutet, es gibt gar keine Möglichkeiten für den Mann?
Rita Maglio:
Nein! Es gibt es zum Beispiel das Samenleiterventil oder das Vasalgel. Da gibt es auch schon Forschungen, die teilweise auch wirklich sehr weit sind. Aber da sind wir wieder beim Problem: Das Geld fehlt. Die Pharmaindustrie, Pharmakonzerne und die Politik haben bisher kein Geld investiert, sodass diese großen Studien nicht beendet und die Produkte oder die Verhütung nicht marktfähig gemacht werden können.

Jana Pfenning: Es könnte auch so eine Art Hormongel geben, dass man sich auf die Schultern schmiert. Daran wird gerade in Seattle geforscht. Das dauert aber allerdings auch noch ein bisschen und die suchen auch gerade händeringend nach finanzieller Unterstützung.

Was denkt ihr, welche Argumente könnten denn dazu beitragen, dass sich auch Männer mehr mit dem Thema auseinandersetzen?
Rita Maglio: Ich glaube, dass es wichtig ist, einen gesamtgesellschaftlichen Wandel und Diskurs zu haben. Nur wenn wir diesen haben, können Stigmata aufgelöst werden. Und in dem Sinne werden Männer dann auch bestärkt, sich wirklich mit dem Thema auseinanderzusetzen, ohne das Gefühl zu haben, dass sie nicht ernst genommen werden oder dass sie vielleicht sogar dafür belächelt werden.

Jana Pfenning: Männer kann man auf zwischenmenschlicher Ebene abfangen, um sie ins Boot zu holen. Mit Fragen wie: Weißt du überhaupt, wie ich mich damit fühle? Hast du eine Ahnung, wie viel Geld ich dafür bezahle? Ist dir bewusst, wie viel Zeit es mich kostet, dass alles zu machen? Derzeit sind 75 Prozent unserer Follower:innen weiblich, die restlichen 25 Prozent sind Männer.

Da müsste man Männer mehr darauf aufmerksam machen und sagen: Unterstützt das doch mal, das ist ja auch gut für euch!

Gab es Tiefschläge während der Projektentwicklung ?
Rita Maglio: Also ich würde sagen, dass wir was sehr Gutes aus dem Boden gestampft haben. Außerdem haben wir von Anfang an gut geplant. Natürlich brauchten wir ein paar Anläufe, um letztlich da zu sein, wo wir jetzt sind. In dem Sinne, dass wir noch mal überdenken mussten, wie wir die Kampagne angehen. Ein Rückschlag war es, Ärzt:innen zu finden.

Wieso?
Rita Maglio: Weil niemand Interesse daran hatte, mit uns zu reden oder Fact-Checking zu betreiben. Wir haben einige angeschrieben, sowohl Frauenärzt:innen als auch Urolog:innen. Da kam leider keine Antwort bis heute. Außer eben im Fall der Frauenärztin, die uns jetzt unterstützt. An sie kamen wir auch nur über einen privaten Kontakt.

Jana Pfenning: Stimmt, das war echt schade. Es war zwar kein Rückschlag, eher ein ganz, ganz großer Aufbau, aber wir hatten bis vor einem Monat die Kampagne ganz anders geplant. Dann hatten wir ein Gespräch mit Sally Lisa Starken, die kannte ich entfernt und die hatte die Kampagne Statt Blumen gegründet und ich hab sie einfach mal gefragt, ob sie über unsere Petition drüber gucken könnte. Sie gab mir dann so viele Tipps, dass wir unsere halbe Kampagne umwerfen mussten. Nur deswegen sind wir da, wo wir heute sind. Wir haben ihr echt viel zu verdanken, das war ein großer Changing Point.

Jetzt habt ja nicht nur uns überzeugt, sondern zahlreiche Unterstützer:innen mit großer Reichweite ins Boot holen können, wie zum Beispiel Sebastian Hotz (El Hotzo) oder auch Louisa Dellert. Was zeigt euch das?
Rita Maglio: Wir fühlen uns geehrt, dass sie uns unterstützen und sich dafür Zeit genommen über unsere Petition zu informieren. Ich glaube, es zeigt auch, wie aktuell und dringend dieses Thema ist und dass es wirklich alle betrifft. Es ist keine Randgruppe, die betroffen ist – es ist die Jugend. Aber auch alte Menschen, die irgendwann Enkelkinder haben, die sich (nicht) fortpflanzen möchten.

Vielen Dank für die Zeit und das Interview! 

Hier geht es zur Petition und allen Informationen rund um das Thema Verhütung!

Foto: Thilo Kunz

Dieser Text erschien erstmals am 17. Januar 2021 und wurde am 27. September 2021 nochmals aktualisiert.

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