Kurz vor meinem siebzehnten Geburtstag begann ich neben der Schule als Hilfskellnerin zu arbeiten und ich liebte es.

Nicht etwa die heißen, schweren Teller auf meinen Händen zu balancieren, geschweige denn volle Tabletts mit Getränken unversehrt an ihren Platz zu bringen. Es waren im Grunde keine der eigentlichen Aufgaben, die man als Kellner:in verrichten muss, sondern viel mehr der Moment, an dem das Essen und die Getränke heil bei den Gästen ankamen und ich noch etwas Zeit hatte, mit ihnen in ein Gespräch zu kommen.

Mit völlig Fremden ein paar nette Worte zu wechseln, dabei einen fetten Grinser auf meinem Gesicht zu tragen und diesen auch von den Gästen erwidert bekommen. Das Gefühl dabei zu haben, meinem Gegenüber gerade einen schönen und entspannten Aufenthalt zu ermöglichen.

Genau das war es, was ich liebte.

Allerdings erlebt man als Kellner:in auch Situationen, die dieses Gefühl völlig zunichtemachen können.

Ich erinnere mich speziell an einen Moment. An einen Tisch, der meine Freude am Kellnern trübte. Eine Gruppe von Männern, die in unserem Gastgarten saß und mir davor schon durch ihr unangenehm lautes Auftreten aufgefallen waren. Der Tisch lag eigentlich nicht in meinem Zuständigkeitsbereich und doch wurde ich irgendwann mit einem Nachschub an Bier dahin geordert.

Es war ziemlich offensichtlich, dass zuvor schon einige Gläser über diesen Tisch gegangen sind und sich ihren Weg in die Köpfe der Konsumenten gebahnt hatten. Und als ich mit der neuen Runde ankam, wusste ich auch, weshalb meine Arbeitskolleginnen diesen Tisch nicht weiter bedienten und statt ihnen ich nun vor diesen Männern stand.

Eine ekelhaft anzügliche Bemerkung nach der anderen kam lallend aus den Mündern der verschwitzten Mittsechziger. Mein sonst ehrlich freundliches Lächeln verlor sich in einer unsicheren Grimasse, was sofort mit einem »Ach komm schon, Baby.. Lächel doch mal für uns!« kommentiert wurde.

Eingeschüchtert und kommentarlos ließ ich den Tisch hinter mir, nicht aber ohne noch eine Hand von meinem Arsch zu schlagen.

»Na, hat die kleine Kellnerin wohl ihren Beruf verfehlt, wenn sie nicht mal ein paar Witzchen versteht!«, grölte es mir hinterher.

Hatte ich das?
War das mein Beruf?

War ich nur eine kleine Kellnerin, die ihren Ekel über diese sexistischen Bemerkungen hinter einem Lächeln verstecken musste?

Die sich beschimpfen und betatschen lassen muss?

Beschämt versuchte ich ohne weiteres Aufsehen zu erregen, meinen gefühlten Walk of Shame hinter mich zu bringen. Vielleicht ging ich deshalb nicht auf die Frage meines Oberkellners ein, ob alles okay sei oder ob er mit den Männern reden solle. Ich hatte meinen Ekel hinuntergeschluckt, lächelnd abgewunken und ihm den Tisch übergeben.

Ich war ja schließlich nur eine Kellnerin und das war mein Job.
Arlie Hochschild, eine Soziologieprofessorin, bezeichnet diese Arbeit als

Emotional Labour.

Das Verkaufen seiner eigenen Emotionen als Ware in der kapitalistischen Erwerbsarbeit. Vor allem im Dienstleistungssektor. Es beschreibt die Emotionen, die hinter einem Lächeln versteckt werden, um die Kund:innen zufriedenzustellen.

Die Kund:innen sind schließlich König und der Gast hat immer recht, nicht?

Doch was macht das mit den Dienstleister:innen?

Hochschild unterscheidet dahingehend zwischen zwei Arten des verkauften Lächelns. Es gibt das Deep Acting. Das Phänomen, welches den Zustand beschreibt, den ich hatte, wenn ich einen netten Small Talk mit der Kundschaft führen konnte. Wenn mein Lächeln nicht aufgesetzt war, sondern meine Freude daran nach außen trug.

Beim Surface-Acting hingegen geht es um die künstliche Freundlichkeit, die die eigentlichen Gefühle verschleiern soll und sie unter diesem Schleier unterdrückt. In diesem Zustand, gerade wenn dieser lange anhält und nicht durch das Deep Acting ersetzt wird, kann es zu einer Identitätskrise kommen.

Es findet eine Selbstentfremdung statt, denn die eigenen Gefühle und das Selbst werden nur noch als Ware angesehen und damit verfremdet.

Genauso fühlte ich mich damals. Völlig verkauft.

Heute wünschte ich mir, ich hätte diesen Sexisten meine Meinung gesagt. Oder zumindest meinen Oberkellner gebeten, doch mit ihnen zu reden. Stattdessen ließ ich mich durch mein Lächeln zu einer gefügigen Ware machen, die nicht nur entpersonalisiert, sondern auch objektiviert wurde.

Der Unterschied zwischen mir und dem Bier war nur noch, dass es mich gratis on top dazu gab.

Ein Trinkgeld für meine Dienstleistung bekam ich nie.

Und auch wenn, was wäre ich wert gewesen?
Fünf Euro?
Wie unterwürfig hätte ich für fünf Euro sein müssen?

War ich denn nicht gefügig genug?

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Bild: Max Abrosimov

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