In meinem OkCupid-Profil stand das Wort schon, als es sich noch unpassend anfühlte, wie ein schlecht sitzender Anzug: bisexuell. Ich war zurück in Deutschland nach dem Auslandssemester, mitten im zweiten Lockdown und hatte zum zweitausendsten Mal meine Dating-App-Profile reaktiviert. Auswählen konnte man noch viele andere Labels und ehrlicherweise hätte questioning am besten gepasst, aber wenn ich auf OkCupid eines nicht sein wollte, dann war es questioning. Questioning, das klang unsicher, wankelmütig, es offenbarte, dass man sich noch im Findungsprozess befand, und ich war mir sicher, mit Mitte 20 sollte man die eigene sexuelle Orientierung kennen. Nein, ich war bisexuell, glaubte ich, vielleicht wenigstens ein bisschen. Und das durfte jeder wissen, zumindest auf OkCupid. 

Ich hatte im Sommer 2020 das erste Mal eine Frau gedatet, und die Tatsache, dass sie eine Frau war, juckte mich damals nicht. Alles, was ich wollte, war mit S. im Bett rumliegen, dem Trommeln des Sommerregens auf dem Dach zuhören und irgendwann in ihrem Arm einschlafen. S. war die zweite Person in meinem Leben, zu der ich „Ich liebe dich” sagte. Unsere Romanze ging etwa zwei Monate, dann ging ich zurück nach Deutschland und sie nach Kanada. Ein halbes Jahr später fuhr ich morgens mit einem Gedanken aus dem Bett: „Heißt das, ich bin bisexuell?“ 

Bisexuell. Das klang aufregend und außerdem sehr lässig. Ich hatte mich zuvor nie als straight bezeichnet, – aber eher, weil ich nie über meine Sexualität nachgedacht hatte. Die überwältigende Mehrheit meiner Dates waren weiße cis-Männer, abgesehen von einigen Frauen, mit denen ich auf Partys rumgeknutscht hatte und die sich nie mehr bei mir meldeten. Frauen* fand ich hübsch, smart und weniger einschüchternd als Männer, aber ich bekam keine weichen Knie in ihrer Anwesenheit. „Yeah, you’re probably not a 100 % straight“, hatte S. eines Abends kichernd zu mir gesagt, aber reichte das, um mich als bisexuell zu bezeichnen? Ich tippte eine Frage ein, die sich in verschiedenen Varianten wieder und wieder in meinem Google-Verlauf finden sollte: „How to tell you’re bisexual.“ 

Ich stieß schnell auf die bekanntesten Ressourcen queerer Popkultur: Lesbian TikTok Compilations, queerer YouTuber:innen, die Serie The L Word“, Artikel über compulsory heterosexuality  (kurz: comphet, also der Zwang, sich in einer heteronormativen Gesellschaft zum anderen Geschlecht hingezogen zu fühlen) und das Lesbian Masterdoc (eine Art Guide für Frauen*, die ihre Heterosexualität anzweifeln). Das ABC der Bisexualität lernte ich dabei sehr schnell: Nein, bisexuelle Menschen sind nicht gierig, verwirrt oder unfähig, sich zu entscheiden. Nein, bisexuelle Menschen sind nicht schuld an der Gender-Binarität und suchen auch nicht nach Aufmerksamkeit. Ja, bisexuelle Männer existieren. You don’t owe anyone your dating history. Bisexualität ist nicht die Vorstufe zur Homosexualität, bisexuelle Anziehung ist selten fifty fifty und außerdem fluide. 

Ein Lockdown und ein größtenteils straighter Freundeskreis waren die denkbar schlechtesten Voraussetzungen, der eigenen Sexualität auf die Spur zu kommen. Also lief meine queer sex education erst mal online weiter. Wenn ich angetrunken nach Hause kam und irgendwas zum Einschlafen gucken wollte, schlug mir YouTube-Videos mit Titeln wie wlw Tiktoks for when she doesn’t text back vor. Ich ertappte mich anfangs bei dem Gedanken, dass die TikTok-Lesben in den Videos ja gar nicht „lesbisch“ aussahen, außerdem beneidete ich sie um das Selbstbewusstsein, mit dem sie ihre Sexualität in Szene setzten: „Fuck!“, dachte ich und schluckte, „Die sind mir Jahre innerer Arbeit zur eigenen Sexualität voraus.“

Also las ich weiter das Lesbian Masterdoc, so oft, bis ich es auswendig konnte, „Queer Phenomenology“ von Sarah Ahmed und alte Nachrichten von S. und mir. Danach heulte ich mir die Augen aus. „Alles gut bei dir?“, fragte mein Mitbewohner beim Kochen vorsichtig, als er bemerkte, dass ich starr auf den Topf Curry blickte, um meine rot geweinten Augen zu verbergen. „Ich hab gerade alte Nachrichten von S. und mir gelesen, und…“, schluchzte ich, „irgendwie fehlt sie mir so. Ich hab damals gar nicht wertgeschätzt, was ich an ihr hatte.“ Er umarmte mich, verteilte das Curry auf zwei Teller und hörte meinem Geschluchze zu. Dann drehte er einen Joint, machte eine Folge „Adventure Time“ an und meine Tränen ließen langsam nach.

Irgendwann fragte ich mich: „Wie oft war ich eigentlich wirklich verliebt, und wie oft war ich bloß in den Gedanken verliebt, ein Typ könnte mich toll finden?“ Ich war entzückt, als ich diesen Gedanken in einem Tagebucheintrag wiederfand, aus einer Zeit, lange bevor ich mich mit meiner Sexualität auseinandersetzte. Wenn ich eine attraktive Frau sah, fragte ich mich: „Do I want to be her, or do I want to be with her?” Ich sehnte mich nach dem einen entscheidenden Hinweis, der es mir erlaubte, von dem ominösen „probably not a 100 % straight“ hin zu „bisexuell“ zu wechseln. Ich wollte ein Teil der queeren Community sein.

Doch eine Frage nagte ständig weiter an mir: „Was, wenn ich einfach straight bin?“

Denn trotz allem, was ich über queer sein, Sexualität und Heteronormativität lernte, verliebte ich mich weiter in Männer. Ich fühlte mich jedes Mal schrecklich, wenn ein Augenkontakt zwischen mir und einem Mann einen Moment länger dauerte als nötig und mir das gefiel. Binnen Sekunden stürzte meine queere Identität in sich zusammen und ich war mir sicher: Ich bin eine Hochstaplerin. Ich will nur Aufmerksamkeit. Ich bilde mir meine Bisexualität einfach ein. 

Und das, obwohl ich wusste, comphet is a bitch und als bisexuelle Frau darf ich mich – breaking news! – auch in Männer verlieben. I’m just scared of coming out as bi, then apparently being straight, kommentierte jemand unter einem Video mit dem Titel “How do you know you‘re bisexual?” mit 3025 Likes. Ich wusste, viele waren ähnlich überfordert wie ich. Aber jedes Mal, wenn ich mich zu einem Mann hingezogen fühlte, verwarf ich die Idee mit der Bisexualität wieder, – bis der YouTube-Algorithmus mir erneut ein queeres Video in den Feed spülte oder ich an S. dachte. Und damit das Fragen, Zweifeln und Abgleichen wieder anfing. 

Heute fühlt sich mein Label „bisexuell“ an wie ein gut eingelaufener Schuh, der an manchen Stellen noch ein bisschen drückt. Ich weiß mittlerweile, dass es für meine Verwirrtheit einen Namen gibt: queer imposter syndrome – das Gefühl, nicht queer genug zu sein. Ich weiß auch: Den einen entscheidenden Hinweis gibt es nicht, aber wenn ich mich bisexuell fühle, dann darf ich mich auch so nennen. Es gibt immer noch viele Dinge, über die ich mir nicht sicher bin – fühle ich mich nur sexuell oder auch romantisch zu Frauen hingezogen? Warum habe ich mich bisher fast nur in weiße cis-Männer verliebt? Und wenn mein Liebesleben bisher vor allem von disneyfizierter Liebesvorstellung, emotionaler Abhängigkeit und rassistischen Vorlieben geprägt war, wie kann ich dann eigentlich von Liebe sprechen? Antworten auf diese Fragen habe ich (noch) keine. Aber zumindest habe ich auf dem Weg so viel über Anziehung, Heteronormativität und Selbstakzeptanz gelernt, dass sich all das auch gelohnt hat, wenn ich am Ende doch straight sein sollte. 

Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich mir fast sicher: Ich bin nicht 100 Prozent straight! Ich bin wahrscheinlich bisexuell. Und ich fühle mich nicht mehr wie eine Hochstaplerin, wenn ich das sage.

Autorin: Emily Kossak
Illustration: Laura Sistig

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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