Ich trage Hausschuhe; wahrscheinlich Filz. Meistens waren es Filz oder ähnlich dick-warme Schlappen. Ich habe zwei Elternteile aus Lateinamerika, wo man immer mit Schuhen ins Haus geht und dennoch bin ich das Kind, das die meisten Hausschuhe in ihrem Leben besessen hat. Ich bekomme sie bis heute von Mama geschenkt und es ist ihre erste Frage, wenn man sie besuchen kommt: „Brauchst du Hausschuhe?“

Also zurück: Ich trage Hausschuhe. Ich bin acht, neun, zehn, elf, zwölf; bin in Santiago, bin in Hallbergmoos, bin in Allershausen, bin in Nandlstadt. Die Häuser vermischen sich. Der Boden ist aus Holz, der Eingang jedoch gefliest. Richtig matschig wird der, wenn man im Winter reinkommt und Matscheschnee mitbringt. In Santiago hat die Poli auch ohne Schnee viel Matsch ins Haus gebracht.
Der Boden ist heilig, muss gepflegt, gebohnert, geölt werden. Der Papo nimmt den Boden sehr genau – bloß nicht kratzen – alle Stühle haben Filz.

Ich kann immer rundherum gehen – Gang – Wohnzimmer – Esszimmer – Küche – Gang – immer im Kreis. Danach tapp tapp tapp, Treppe hoch. Mein Zimmer ist mal links, mal rechts – aber es gibt egal wo immer gleich viele Zimmer: Mamis und Papos Schlafzimmer, Polis Zimmer und meins; oder Poli und mein Schlafzimmer und Polis und mein Spielzimmer, ein Bad. Egal wo kann man nicht schleichen oder heimlich wohin gehen. Wenn man nachts aufsteht, steht die Mami an der Tür. Wenn sie die Treppen hochkommt, weiß ich schon beim ersten Schritt, dass es sie ist und bei Papos erstem Schritt, dass es er ist. Es sind eigene Melodien. Ob wohl meine auch einen solchen Wiedererkennungswert hat?

Ich bin 15, 16, 17 und schleiche die Treppen hoch ins Bett, aber da ist die Mami schon wach und man muss noch einmal zu ihr rein und gute Nacht sagen und hoffen, dass sie nicht merkt, dass man Bier getrunken oder Shisha geraucht hat. Natürlich hat sie es gemerkt.

Ich bin alle Jahre alt und schleiche mit der Poli morgens runter, um Wochenend-Überraschungsfrühstück für Mami und Papo zu machen oder um den Geburtstagstisch vorzubereiten. Ich bin 20, 21, 22 und eigentlich zu Besuch und schleiche nachts zur Poli, die 17, 18, 19 ist und noch zu Hause wohnt und die letzten Schul- und ersten Erwachsenensorgen mit mir im Bett bespricht. Dieses Schleichen liebe ich, weil es nie ein echtes Schleichen war; jeder wusste stets, was die andere macht.

Ich bin neun, zehn, elf und stehe mit meinen Hausschuhen in Papos großen Schuhen drin, habe einen Schlafanzug an – Farbe unterschiedlich, aber „oben“ und „unten“ passen immer zusammen – und muss mit der Poli nochmal raus zu den Hasen, weil wir vergessen haben sie zu füttern, wie so oft.

Ich bin alle Alter und habe immer einen Schlafanzug an, jedes Jahr am Geburtstagstisch.
Ich bin alle Alter und muss nachts aufs Klo, mich übergeben, plötzlich bluten – zum ersten Mal oder schon wieder mal, Blasenentzündung, schlecht sein und weitere Aua Momente. Wieder mit Hausschuhen, wieder im Schlafanzug wieder schleichend und wieder immer mit der Mami nach zwei Minuten an der Tür, um mir zu helfen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE / Foto: Nils Heck

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