Kennengelernt haben Robin und ich uns auf Instagram. Durch meine täglichen Musikpostings erhielt ich seine Aufmerksamkeit. So entstand eine Art Musikfreundschaft zwischen uns. Dann, ein paar Monate später, trafen wir uns auf einem Secret Beach Festival auf Rhodos, das er mit organisierte. Knapp eine Woche verbrachten wir dort zusammen, lernten uns auf ungewöhnliche Weise kennen. Wie Hippies lebten wir an einem verlassenen Strand und hatten so die Möglichkeit, uns anzufreunden. Nach einer langen Unterhaltung im Meer, erweckte er schließlich mein Interesse. Ich wusste zwar, dass Robin Produzent ist und sein eigenes Label betreibt, doch welche musikalische Geschichte dahinter steckt, hatte ich nicht erwartet. Gerade einmal zwei Jahre war er alt, als seine Finger zum ersten Mal eine Klaviertastatur berührten. Mit elf Jahren nahm er an dem deutschen Musikwettbewerb Jugend musiziert teil. Auch heute noch ist er in der Musikbranche tätig, wechselte jedoch das Genre. Als Co-Founder des Technolabels Tiefdruckgebeat, Mitveranstalter des Festivals Mystikavos und Mitbegründer des gemeinnützigen Vereins Rave for Good hat er allerhand zu tun. Nebenbei schloss er das Studium zum Ingenieur erfolgreich ab und arbeitet nun im Influencermarketing. Mittlerweile lebt er in Berlin und verbringt seine Freizeit unter anderem mit Demoshören, dem Organisieren von Veranstaltungen und aktiver Unterstützung der Fridays for Future Bewegung. Im Interview spricht er mit mir über seine Kindheit und den harten Weg, den er ging, um Musiker zu werden.

Musik ist etwas, das alle Menschen verbindet und zusammenkommen lässt. – Robin Alef

Moin Robin, wann hast du zum ersten Mal an einem Klavier gesessen?
Den genauen Zeitpunkt kann ich dir gar nicht sagen, aber es muss sehr früh gewesen sein. Ich kann mich daran erinnern, dass mich Musik schon als kleiner Junge sehr fasziniert hat. Mein Vater schätzt, dass ich mit etwa zwei Jahren, also im Jahr 1993, die ersten melodischen Tonfolgen gespielt habe. Ich bin mir sicher, dass er damit recht hat, sein größtes Hobby ist die Ahnenforschung und “Tagebuch” schreiben (lacht). Das war am Klavier meiner Oma, unter deren Anleitung ich das erste Mal strukturierten Klavierunterricht erhalten habe. 

Und wie ging es dann weiter?
Erst einmal gar nicht. Zu Kindergartenzeiten lief ich lieber mit einer Blechtrommel herum. Ganz nach dem Vorbild diverser Blaskappellen, die ich damals auf den jährlichen Umzügen im Sommerurlaub bewunderte. Bevor ich in die Schule kam, war mir klar, dass ich Schlagzeug spielen lernen wollte. Meine Eltern stimmten aber nur unter der Bedingung zu, dass ich zuerst ein Jahr lang professionellem Klavierunterricht nehme, bevor ich mich umentscheide. Das Schlagzeugspielen habe ich dann über das Klavierspielen vergessen, denn bald war es mir wichtiger, das schöne Soldaten- oder Wanderlied “ Muss i denn zum Städt’le hinaus” im Original von Friedrich Silcher und das Rondo “Alla Turca” von W. A. Mozart spielen zu lernen. Zudem wurde mir gesagt, wer Klavier spielen kann, könne auch jedes andere Instrument spielen – und damals habe ich es auch geglaubt. Heute sehe ich es etwas differenzierter, aber dennoch halte ich das Klavier auch weiterhin für das beste Einstiegsinstrument. Man lernt sehr früh die Harmonielehre (Musiktheorie) kennen und man braucht nicht zwingend weitere Personen als Begleitung – dafür ist ja die linke Hand da. So kann man ohne Abhängigkeiten spielen, wann immer einen die Lust dazu packt.

Woher kam der Wunsch, vor Publikum zu spielen?
Ich kann nicht wirklich sagen, dass es mein expliziter Wunsch war, vor Publikum zu spielen. Es war eine logische Konsequenz. Ich musste diszipliniert und vorbereitet sein und im richtigen Moment alle Aufregung und meine zittrigen Hände beiseitelegen können. Außerdem wurde ich schon früh von meinem damaligen Klavierlehrer motiviert, bei allen möglichen Festen und Konzerten in der Musikschule, bei den Bochumer Symphonikern, aber auch bei größer angelegten, öffentlichen und privaten Feiern vorzuspielen. Meine Oma war für mich ein großes Vorbild. Sie spielte einmal in der Woche Orgel in der Kirche, trat auf vielen Veranstaltungen auf und begleitete das Singen meiner Familie sowohl spontan als auch geplant auf Geburtstagen, Weihnachtsfeiern oder Ähnlichem. Und sie war diejenige, die mit mir zu Hause jeden Tag nach Möglichkeit und Motivation etwa eine halbe Stunde Klavier übte. Außerdem wurde ich schon früh von meinem damaligen Klavierlehrer motiviert, bei allen möglichen Festen und Konzerten in der Musikschule, bei den Bochumer Symphonikern, aber auch bei größer angelegten, öffentlichen und privaten Feiern vorzuspielen. Ohne diesen eher positiven Druck, aber halt dennoch Druck und diese Anregung wäre ich nicht alleine auf die Idee gekommen, vor Publikum zu spielen.

Erinnerst du dich noch an den Moment, als du zum ersten Mal vor Publikum gespielt hast?
Konzerte waren schon immer Höhepunkte in meinem Leben. Mein erster Auftritt war ein Konzert an meiner Musikschule mit sechs Jahren. Ich war furchtbar aufgeregt, noch heute kann ich mich in die Situation emotional hineinversetzen. Mein erstes größeres Konzert war wohl mit acht Jahren, als ich vor einer Rede des späteren Bundestagspräsidenten Dr. Norbert Lammert spielen durfte. Das Live-Gefühl ist etwas Besonderes und Einzigartiges, das man nirgendwo anders als auf der Bühne erfahren kann. Es ist wie ein Rausch – die Aufregung und Nervosität, der Respekt vor dem Publikum, der wahnähnliche Zustand, während man spielt; die Erleichterung, es geschafft zu haben und nicht zu vergessen der Applaus, der dich bestätigt und zu immer mehr treibt. 

Wie hast du dich dabei gefühlt?
Ich war ein kleines Kind, noch nicht lange in der Schule und es nicht gewohnt, im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen; ich war unheimlich aufgeregt. Meine präsenteste Erinnerung an meine ersten Konzerte ist der eiserne Wille, unbedingt fehlerfrei spielen zu wollen. Das machte die Auftritte zu einer Art Test, vergleichbar mit einem Diktat oder Mathetest in der Schule. Ich möchte nicht lügen, anfangs hatte ich ungemeinen Respekt vor den ganzen fremden Menschen im Zuschauerraum. Das war sehr einschüchternd. Meine Eltern, Geschwister, Großeltern und mein Klavierlehrer, der bei den ersten Konzerten immer neben mir am Flügel saß, gaben mir allerdings Sicherheit. Nach und nach wurde der ehrfürchtige Respekt eher zur Spannung. Vor einem Auftritt ist es immer aufregend und alle Sinne sind auf das Äußerste geschärft. Bevor man anfängt zu spielen, gibt es diesen einen Moment, in dem komplette Stille herrscht. Wenn man diesen Moment überwindet und es schafft loszulassen, hat man meistens das Schwierigste überwunden. Das wurde mir mit der Erfahrung immer bewusster und gab mir ein Gefühl von Kontrolle.

Wie erging es dir weiter vor Wettbewerben oder Auftritten?
Der Druck mehr zu wollen, mehr zu lernen und regelmäßig zu üben war da. Ob nun von mir, meiner Oma, meinen Klavierlehrern und meinen Eltern; aber er war nicht gleichmäßig stark ausgeprägt. Alle gewöhnten sich irgendwann daran, dass ich mit Erfolg ablieferte, was von mir gefordert wurde. Später – ich fühlte mich selbst nicht mehr ganz als Kind – wurde „der Fleiß vor dem Preis“ immer höher. Professionelles Klavierspielen ist ein Vollzeitjob. Ich hatte noch andere Interessen und hätte meine Zeit lieber in Freunde, Spaß und Sport investiert; anstatt den einen Triller stundenlang zu perfektionieren. Ich begann an meinen Motiven zu zweifeln, warum ich mir die Mühe machen sollte, an Klavierwettbewerben teilzunehmen und für Auftritte zu üben, obwohl ich keine weiteren professionellen Ambitionen hegte. Also fragte ich meine Familie, warum ich denn so viel Klavier spielen muss, wenn das doch gar nicht mein Berufswunsch ist. Meine Eltern stellten mich daraufhin vor die Wahl, dass ich weiterhin für die Klavierstunden übe oder sie würden die Stunden beenden. Sie sind beide humanistische Verfechter von Mündigkeit und Eigenverantwortung und wollten mir somit nur ihre Prämissen klären. Meine Oma hätte mich gerne als Musiker gesehen, auch wenn sie das nie ausgesprochen hat. Letztendlich nahmen mir meine Eltern die Wahl nicht ab und ich entschied mich dafür, weiterhin wöchentlichen Klavierunterricht zu nehmen. Ganz aufgeben konnte ich es  nicht, allerdings war das nicht so einfach neben dem Abitur. Doch die Gründung meiner ersten Band, die ich mit 12 Jahren gründete, motivierte mich, nicht aufzugeben. 

Wie kamst du zu Jugend musiziert?
Mein Klavierlehrer hat mich mit 11 Jahren dafür angemeldet. Ich weiß noch, dass ich das Gefühl hatte, etwas sehr Wichtiges in Angriff genommen zu haben, das die Macht hatte, über mein weiteres Leben zu entscheiden. Ich übte etwa ein halbes Jahr lang nur für diesen Auftritt. 

Bereust du es, dass du teilgenommen hast?
Ich bereue es absolut nicht. Dieser Auftritt hat mir einiges ermöglicht, wovon ich damals  nicht einmal geträumt habe. Es eröffnete mir viele Türen, durch die ich vielfach auch gegangen bin. Ich durfte im Anschluss mit den renommierten Bochumer Symphonikern spielen, für mich damals eine große Ehre und einmalige Erfahrung. Außerdem sorgte die Erfolgswelle dafür, dass ich meine Blickwinkel weitete. Aus unterschiedlichen Gründen wechselte ich auch meinen Klavierlehrer. Durch meine neue Klavierlehrerin erhielt ich die Chance, bei größeren Projekten wie dem Kindermusical Momo mitzuspielen, mit dem wir mehrfach vor über 1000 Leuten auftraten. Dort wurde auch der Grundstein für meine Band gelegt. Mit den Auftritten, der gewonnenen Routine und mit dem Zuspruch und Erfolg wurden ich und meine Musik selbstständiger. Ich entwickelte nun vor allem durch die Band(s) getragen eine ganz individuelle Beziehung und Begeisterung für Musik. Ohne Klavier gäbe es keine Band, ohne Band nicht den Robin, den es heute gibt. Das ist tatsächlich der wichtigste Punkt. Denn wenn der Übergangspunkt zwischen Kind- und Erwachsensein erreicht wird, sollte man selbst eine intrinsische Motivation und Überzeugung gewinnen, sonst ist die weitere Entwicklung von Zwang oder Aufgabe geprägt.

Jugend musiziert war für mich der Ausgangspunkt dafür, die Band auch mit ihren Auftritten daraufhin der tragende Faktor.

Was war das für eine Band?
Als ich 12 Jahre alt war, gründete ich zusammen mit vier Schulfreunden meine eigene Band. Wir nannten uns Logic Insanity und sollten zu Beginn den Song “Nichts bleibt für die Ewigkeit” von den Toten Hosen covern. Danach machten wir hauptsächlich unsere eigene Musik, in Richtung Alternative Rock. Ende 2013 lösten wir uns auf, nur noch der Drummer und ich blieben übrig. Anfangs wollten wir noch wie 30 Seconds To Mars oder Linking Park klingen, doch entwickelten uns dann zu einer Art Pop-Elektro-Band. Live klangen wir jedoch wesentlich rockiger. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt. Später bewegte ich mich in Richtung Ghostproduction und Auftragsarbeit. Auf einmal wurde das real, gegen das ich mich als Kind so gewährt hatte. Denn Musik wurde zum Job. Jedoch übte ich nicht das, was ich üben sollte. Vielmehr lernte ich Improvisation, Songwriting und später das Produzieren von Musik. 

Wie hat sich der Stress, den Wettbewerbe mit sich führen, auf dich ausgewirkt?
Ich hatte das Glück, dass meine Familie immer zu mir gestanden hat und sich bemüht hat, ausschließlich positiven Druck zu äußern. Ich wurde nie überfordert und mir wurde auch nie meine eigene Entscheidungskraft genommen. Ich bin von Natur aus ein eher ruhiger Typ und mache mich selten verrückt. Eine damalige Freundin hat ‘Jugend musiziert’ beispielsweise nur weinend überstanden, obwohl sie hervorragend spielen konnte. Es ist also von vielen Umständen und der eigenen Persönlichkeit abhängig, ob Wettbewerbe sich positiv auswirken. Dabei spielt mentale Überforderung und zu großer, negativer Druck eine große Rolle – es ist eine Gratwanderung. Meiner Meinung nach sollten sich Eltern, Erzieher, Freunde und Lehrer immer fragen, wessen Ehrgeiz sie befriedigen wollen. Üben ist ganz sicher nicht immer eine Freude, aber ein positives Ergebnis kann einen sehr weit tragen und man kann viel für sein weiteres Leben lernen. Wettbewerbe können einen gut für Auftritte vor Publikum jeglicher Art trainieren. Man lernt, konzentriert auf ein Ziel hinzuarbeiten. Das Wichtigste ist aber wohl, dass es einem auch eine Menge ehrliches Selbstbewusstsein schenken kann. 

Wie steht es heute um dich, was machst du, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen?
Ich bin immer noch im Musikbusiness unterwegs und habe mit einem Freund das Technolabel Tiefdruckgebeat gegründet, zudem bauen wir gerade mit einem größeren Team ein eigenes Festival auf Rhodos namens Mystikavos auf, bin Co-Founder des gemeinnützigen Vereins Rave for Good aus Berlin und produziere elektronische Musik. Zwischenzeitlich habe ich sehr lange in Bands Keyboard gespielt. Und auch Schlagzeug spielen habe ich dann doch auch noch gelernt, sehr zum Leidwesen unseres damaligen Drummers! Ich habe ich Elektrotechnik studiert, arbeite heute jedoch im Influencermarketing. Ein Herzensprojekt ist dabei im Moment die Unterstützung und Vernetzung der Klimabewegung Fridays For Future mitsamt derer Subgruppen. 

Wie viel Zeit verbringst du noch am Klavier?
Klavier zu spielen ist für mich heute das allerbeste Mittel, um abzuschalten und mich in schwierigeren Phasen zu stärken. Es macht mich immer glücklich und beruhigt mich hypnotisch. Tatsächlich habe ich 2020 auch nach sehr langer Zeit wieder einen Auftritt als Pianist, dieses Mal auf einem sehr großen Techno-Festival. Das wird noch einmal eine ganz neue Herausforderung, aber ich freue mich auch schon riesig. Ich finde es super interessant, mir bewusst zu machen, wie sich meine Liebe zur Musik entwickelt und transformiert hat – und wie sie mich entwickelt und transformiert hat. Das macht mir die Beschäftigung mit meiner Musikvergangenheit wieder deutlich klar. Musik ist etwas, das alle Menschen verbindet und zusammenkommen lässt.

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