Gestern hatte mein Vater Geburtstag. 52 Jahre ist er alt geworden. Vorgestern war ich mir noch nicht darüber bewusst, dass morgen sein Geburtstag ist. Ich sitze auf dem Klo und denke darüber nach, wie es wohl wäre, wenn wir diesen Tag gemeinsam gefeiert hätten. Vielleicht hätte er mir gesagt, dass ich eine gute Entscheidung treffe, indem ich mit meinem Freund zusammen ziehe. Hätte mich gefragt, was wir noch so brauchen, und hätte mir das Nötigste bei Amazon bestellt. In meinem ganzen Leben habe ich noch nichts bei Amazon bestellt. Mir tun die Postboten irgendwie leid und ich gebe meine Daten nur ungerne im Internet an. Ich bürste mein Haar, drücke noch ein paar Mitesser aus und stelle mich vor meinen Kleiderschrank.  Momentan besteht er aus zwei aufklappbaren Schränken und einer selbst gebauten Kleiderstange. Vor lauter Ungeduld habe ich sie in fünfzehn Minuten zusammen geschraubt, sodass sie jetzt wackelt. Also stehe ich nun da, wähle einen grauen Pullover mit Basketballaufdruck. Ich muss an einen bekannten Basketballspieler denken, von dem mein Freund mir eben erzählte, dass er bei einem Hubschrauberabsturz gemeinsam mit seiner Tochter verunglückt ist. Die Geschichte nimmt mich mit. Ich schweife ab. Wähle eine gemusterte Hose, dazu meine schwarzen, dicken Plateauschuhe. Weil die gebraucht gekauften Schuhe mir drei Nummern zu groß sind, schlüpfe ich noch in ein Paar Stoppersocken mit einer süßen Kuhfigur darauf. Sie schaut süß aus dem Schuh heraus. Die perfekte Vorlage für einen Instagram-post. Zum Schluss noch meine Leopardenmütze und ich verlasse das Haus. Eigentlich wollte ich noch meine Oma anrufen, aber ich bin schon zwanzig Minuten zu spät zu meiner Verabredung. Die Autos brausen. Irgendwie macht die Stadt mich kirre. Ich frage mich, ob es den anderen Menschen hier auch so geht. Natürlich, ich habe hier alles, was ich brauche. Geschäfte, Partys, Büdchen, viele Freunde und Bekannte, Parks und Wälder. Trotzdem fühle ich mich abgehetzt.

Um dem entgegenzuwirken, gehe ich gerne im Bioladen einkaufen und verbringe viele Stunden in einem sozial-ökonomischen Verein. Er befindet sich mitten in der Stadt in einem Hinterhof. Die meisten Besucher und Mitglieder benennen ihn als eine Art Oase. Es ist grün und charmant dort. Besonders im Sommer. Ich sag immer, wer den Winter übersteht, der bleibt. Denn dann ist auch dort alles eher grau und trist, sodass die Besucher aus bleiben. Für mich ist es ein Ort der Ruhe. An dem ich mich zurückziehen kann, wenn die Stadt mir den letzten Nerv raubt. Ein Platz, an dem ich alle Dinge umsetzen kann, die mein universalistisches ich gerne tut. Ich male, tanze, singe, dekoriere, baue Skulpturen und Objekte. Aber ganz besonders gerne arbeite ich dort ehrenamtlich im Umsonstladen. Dort kann ich meine Leidenschaft für Mode ausleben und ich finde viele Schätze und Besonderheiten. Außerdem kann ich gemeinsam mit meinen Kollegen einen nachhaltigen Konsum für alle Menschen ermöglichen. Alle Erfahrungen und Verbindungen von diesem Ort haben mich und meinen Alltag sehr geprägt. Ohne ihn hätte ich nicht den Partner an meiner Seite, den ich nun die Liebe meines Lebens nenne. Er lebt schon immer in dieser Stadt, in die ich vor drei Jahren gekommen bin. Zusammen malen wir, machen Musik und bestreiten einen hektischen Alltag, der in meinem Fall von Zweifeln und Ängsten geprägt ist.

Ich steige in mein Auto und gehetzt klatsche ich mein Handy an die Halterung und wähle die Nummer meiner Oma. Da keine Hand frei ist, stelle ich sie auf Lautsprecher und fahre gestresst durch die Stadt – sie versteht kein Wort. Nach zwei Minuten voller Was? Wie bitte? Hä? Ja mir geht’s ganz gut!, haben wir aufgelegt. Ich sage, ich rufe sie später wieder an. Nachdem zehn Minuten der Parkplatzsuche geschenkt werden, komme ich eine halbe Stunde zu spät bei meiner Freundin zum Sonntagsfrühstück an. Wir reden über das Leben, über unsere Beziehungen und schließlich fange ich an zu weinen. Die Geschichten, die wir besprechen, erinnern mich an ihn. Ich muss oft an meinen Papa denken. Nach unserem Frühstück machen wir uns auf den Weg in den Park. Die Sonne tut gut und die frische Luft auch. Wann bin ich das letzte Mal so weit gelaufen? Es ist ein wunderschöner Tag mit vielen glücklichen Momenten. Doch plötzlich packt mich die Angst, sie kommt mit einer Nachricht meiner Vermieterin. Eine simple Frage bringt meine Welt aus dem Gleichgewicht und ich fange an zu schwanken. Ich packe all meinen Mut zusammen und erledige alles. Führe zwei Telefonate und übergebe noch an diesem Tag meine Wohnung. Ich unterschreibe die Papiere, als ich kurz aus einer philosophischen Diskussion stolpere, für die ich am Nachmittag mit einer anderen Freundin verabredet war. Fünfhundert Euro, bar auf die Hand, so steht es im Vertrag. Als ich zur Diskussion zurückkehre, ist der erste Vortrag eines referierenden Schriftstellers in den letzten Zügen. Während einzelne Sätze in meinem Kopf ein Bild formen und langsam zu einem Sinn verschmelzen versuchen, bin ich schon dabei, Argumente zu sammeln. Ich habe die Hälfte eines Vortrags verpasst und finde am Ende einen eher schlecht als rechten Einwand, welchen ich lautstark durch den Raum presche. Die Dame mir gegenüber gibt mir recht und bedankt sich. Puh.

Als wir die Diskussion verlassen, haben wir großen Hunger. Zum Glück findet sich direkt ein nettes Lokal, in dem wir eine Etagere mit leckeren Antipasti und Tapas bestellen. Während meine Freundin und ich gemeinsam sitzen, reden wir über unsere Pläne. Wie wir unsere kreativen Träume verwirklichen wollen und worauf wir uns konzentrieren. Sie gibt mir den Rat mich auf drei Standbeine zu konzentrieren. Ich entscheide mich für meinen Hauptberuf als Pädagogin, die Musik und für die Mode. Ich habe vor einigen Jahren eine Upsycling Modelinie entworfen und umgesetzt, welche ich gerne weiter führen würde. Musik möchte ich schreiben, um Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sie musikalisch zu untermalen und gesanglich zu präsentieren. Als ich am Abend mein Auto parke versuche ich meine Oma zu erreichen, sie schreibt mir kurz, dass sie bereits telefoniert und mich zurück ruft. Ich sitze in meinem Wagen, scrolle bei Instagram rum. Ein Autofahrer bleibt stehen. Weil er denkt ich würde ausparken. Einige Minuten später hupt er und fährt zornig davon. Nachdem ich zurück in die Wohnung komme, halte ich kurz inne. Ich brauche eine Verschnaufpause. Kurz danach wähle ich die Nummer meiner Oma. Ich erzähle ihr von all meinen Erlebnissen und Fortschritten, die ich in den letzten Wochen erlebt habe. Sie hört mir interessiert zu und freut sich über meine Ehrlichkeit. Einige Minuten später frage ich sie nach ihrem Wohlergehen und sie erzählt mir, dass sie traurig ist. Ich höre ihr gut zu und versuche ihr die Last zu nehmen. Mein Vater hatte gestern Geburtstag und die Verhältnisse sind stets so wie sie sind. Wir sehen uns nicht und ich wusste nichts davon. Es hat mich nicht besonders überrascht, denn am Tag zuvor ging es mir nicht gut und ich habe viel an ihn gedacht. Meine Oma und ich reden weiter. Manchmal ist es wie Magie oder Telepathie.

Hätten wir den Geburtstag zusammen gefeiert, dann hätte ich ihm all das erzählt, was ich erlebt habe und wünschte, er wäre stolz. Als ich meinen Papa einst traf – es muss so zwölf Jahre her sein – hat er gesagt, dass er sich immer erhofft hatte, ich würde einen Fußballer heiraten, damit ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Ich möchte, dass er nun weiß, dass es mir gut geht und ich ein erfülltes Leben führe. Ich jage seit vielen Jahren durch die Gegend und suche meinen Weg und all meine Vorhaben zu verwirklichen. Ich setze mir nun kleinere Ziele und schöpfe aus meiner Ruhe. Meine Beziehungen geben mir Kraft und stärken mein Fundament. Der Mann an meiner Seite hält mir mit seiner Liebe den Spiegel vor und ich möchte lernen daraus zu wachsen. Ich sehe die Welt jeden Tag ein wenig freundlicher, indem der graue Filter langsam verschwindet.

 

Diese Geschichte widme ich all den Menschen, die glauben, dass sie in ihrem hektischen Alltag, der voller Sorgen und Ängste bestimmt wird, ihre Träume beiseite legen müssen.

 

Geschichte & Foto von Marie Zaza Müller

 

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