Ich sitze am Küchentisch meiner guten Freundin. Es ist Samstagabend, die Sonne ist bereits untergegangen und ich befinde mich in meinem mittlerweile üblichen Zustand der Trägheit. Mein Handy klingelt, ich schaue auf das Display und sehe die Nachricht einer Kollegin «Sofia!! Das bist doch du!». Ich kann sie nicht ignorieren, da mich das mitgeschickte Foto aus allen Wolken fallen lässt. Peinlich berührt zeige ich es meiner Freundin. Ihre warmen braunen Augen formen sich zu schmalen Halbmonden, als sie zu Lachen beginnt. Ich muss mitlachen, der Moment erscheint mir so unwirklich, wo ich damit doch eigentlich hätte rechnen können. Um genau zu sagen geht es um meine erste Interviewerfahrung, die ich vor einigen Tagen mit einer Boulevardzeitung machte.

Ich trinke noch einen Schluck von meinem Bier und wir gehen zusammen in den nächsten Kiosk. Ich öffne die Tür und da sehe ich mich, unzählige Kopien meines Gesichtes, aufgestapelt wie auf dem Präsentiertablett liegen. Mir bleibt nichts anderes übrig als darüber zu lachen, denn die Scham steht mir nicht besonders. Feige wie ich bin, drücke ich meiner Freundin zwei Euro in die Hand, damit sie mir weitere Peinlichkeiten erspart und ein Exemplar für mich kauft. «Düsseldorferin in der Fetisch-Falle» verziert der Express seine Titelseite, darüber «Sofia (27) wollte doch nur Schuhe verkaufen» und ein Screenshot von mir aus meinem vergangenen Experiment. Als wir das Büdchen verlassen, nehme ich schweigend die Zeitung an mich. Es ist ein komisches Gefühl, das ich nun habe, einerseits fasziniert es mich, mit meiner Aktion so weit gekommen zu sein. Andererseits plagt mich das schlechte Gewissen und Empörung, die ich gegenüber dem Redakteur verspüre, der mich befragte.

„Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“, ein Grundsatz, der mir von Anfang an in der Redaktion vermittelt worden ist. Denn „schlechte“ Nachrichten erregen Leser. „Gute“ Nachrichten langweilen das Publikum, „schlechte“ Nachrichten lassen sich vermarkten. „Gute“ Nachrichten werden nicht zur Kenntnis genommen. Eine Frau, die ihre Schuhe auf den Kleinanzeigen verkauft – wen interessiert das? Eine Frau, die in eine Fetisch-Falle tappt – das ist eine Story. Menschen, die ihre gebrauchten Sachen verkaufen – das ist normal. Ein Opfer von Fußfetischisten – das ist ungewöhnlich. Vermeldenswert ist das Außergewöhnliche.

Als wir die Haustür aufschließen und uns wieder in der verrauchten Küche befinden, lasse ich mich frustriert auf meinem Stuhl nieder. Ich denke über einen vergangenen Artikel nach, mit dem ich letzten Sommer für Aufregung sorgte. Ähnlich wie mit meiner Ebay-Kleinanzeigen-Aktion, machte ich mir keine Gedanken über die Konsequenzen, die mein Bericht für die betroffenen Personen mit sich ziehen könnte. Ich habe nicht viel zu verlieren, doch was ist mit jenen, über die ich in der Öffentlichkeit berichte? Es ist nicht so, dass meine Behauptungen nicht der Wahrheit entsprechen würden. Doch manchmal sehen wir die Dinge wie wir sind, nicht wie sie sind. Auch wenn natürlich eine eigene Meinung einem Artikel gut tut, sollten gut recherchierte Artikel ebenfalls andere Sichtweisen berücksichtigen.

Dieser Aufgabe ist der Journalist, der mich befragte, leider nicht nachgegangen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man als Redakteur mit enormen Druck im Nacken zu kämpfen hat. Doch das drei-minütige Telefonat enttäuschte mich. Er war gerade unterwegs und wollte sich nicht die Zeit nehmen, meine ganze Geschichte anzuhören. Vielmehr unterbrach er mich zwischendrin und meinte so etwas wie «Du bist ja selbst Journalistin und weißt, was wichtig für uns ist. Schreib mir doch einfach eine Mail mit den Infos». Ich tat es. Ich schrieb ihm meine ganze Story auf zwei Seiten auf. Ein paar Stunden später schickte er mir den Text zu, den er für einen Online-Artikel verwenden wollte. Ich glaube nicht, dass er sich meinen Text durchgelesen hat. Denn 90 Prozent “seiner” Wörter stammten aus meiner zuvor veröffentlichten Publikation, was er mir am Telefon auch mitteilte. Anstatt in seinem Bericht auf das Problem mit den Ebay-Kleinanzeigen aufmerksam zu machen, um strengere Maßnahmen vom Unternehmen zu fordern, hatte er eine andere Intention. Zwar sagte er den Perversen indirekt den Kampf an, doch eigentlich stellte er mich nur als das klassische Opfer dar – die Leser lieben nun mal Skandale. Damit legte er nur einen weiteren unnützen Brand.

Ich zitiere einfach mal, was Peter Scholl-Latour kurz vor seinem Tod in einem Interview zur aktuellen Verfasstheit unserer Medien als solcher gesagt hat: “Wenn Sie sich einmal anschauen, wie einseitig die hiesigen Medien, von taz bis Welt, über die Ereignisse in der Ukraine berichten, dann kann man wirklich von einer Desinformation im großen Stil berichten. Ähnliches fand und findet ja bezüglich Syrien und anderen Krisenherden statt.” Mit seiner Aussage trifft er ins Schwarze, was sich auf den Großteil der gegenwärtigen Medien anwenden lässt. Gedankenkontrolle trifft es eigentlich auch ganz gut. Die Message, die hinter dem Express-Artikel steckt, ist keinesfalls die, die ich meinen Leser vermitteln möchte. Fetischisten sind keine Unmenschen und ich bin auch keine Geschädigte in dem Sinne. Meine Arbeit beruhte größtenteils auf Provokation. Davon jedoch kein Wort. Als ich ihn darauf anspreche – Überraschung – meldet er sich nicht mehr. Warum auch. Geht schließlich nur um so Pipikram wie journalistische Grundsätze, da hat er dann doch Besseres zu tun.

Doch wem mache ich hier eigentlich etwas vor? Ich machte mir ja nicht mal die Mühe, den Kram über den sie berichten zu lesen, sondern gab ihm mein Einverständnis für ein Interview. Demnach auch kein Grund zum Heulen. Ganz im Gegenteil. Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Ich habe mithilfe dieses Projekts verstanden, dass ich Gefahr laufe, mich in eine falsche Richtung zu bewegen. Weit weg von der Journalistin, die ich sein möchte. Experimente wie diese sind für mich auf eine gewisse Art und Weise wichtig, um über bestimmte Bereiche aufzuklären. Doch die Umsetzung und das gewisse Maß an Respekt sind ausschlaggebend für ehrlichen Journalismus. Glücklich über diese Erkenntnis verabschiede ich mich mit einem Küsschen von meiner Freundin und mache mich auf den Weg nach Hause. Nächstes Mal weiß ich es besser!

 

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