Wenn man so langsam aus der Pubertät heraus kommt, will man etwas Neues ausprobieren – die Welt erkunden. Viele in meinem Alter fliegen nach Australien und machen Work and Travel. Das war mir aber zu langweilig und auch ein wenig zu einfach. Kurz nach meinem 18. Geburtstag fing ich an, in einer Bar zu kellnern. Von meinem ersten Gehalt und dem gesparten Trinkgeld von Karneval wollte ich wegfliegen. Da ich mich vorher schon mit der persischen Sprache und Poesie beschäftigt habe, fiel mir meine Entscheidung nicht schwer: Ich fliege in den Iran.

Meine Eltern wollten mir das natürlich am Anfang verbieten, weil das ihrer Meinung nach viel zu gefährlich ist. Wenn ich mir jedoch einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich es auch durch. Sie konnten es mir also nicht ausreden, selbst den Geldhahn abzudrehen hätte nichts gebracht, da ich ja neben der Schule schon mein eigenes Geld verdient habe. Auch der Versuch meiner Mutter, mich mit einem Ibiza-Urlaub für mich und meine beste Freundin zu bestechen, scheiterte. Ich buchte mir den Flug für die Osterferien und damit war das auch beschlossen.

In meiner Familien und in den Freundeskreisen meiner Eltern, sprach sich das schnell rum. Von “Sag doch einfach Nein, sie darf nicht fliegen” zu scherzhaftem “Will sie etwa dem IS beitreten?”, war alles dabei. Ich fing an mit der eigentlichen Planung meiner Reise, verliebte mich in die Natur und Kultur des meiner Ansicht nach schönstem Land der Welt und mein Vater verstand so langsam, warum ich in den Iran fliegen wollte. Da fiel mir eine Last von den Schultern, da ich auch nicht wollte, dass sich alle Sorgen um mich machen.

Am Tag meines Abflugs brachten meine Eltern mich zum Flughafen. Was ich bis heute noch niemandem erzählt habe, ist, dass ich als ich alleine in der Schlange zum Sicherheitscheck stand, richtig Angst bekommen habe. Ich habe mich gefragt, ob ich überhaupt begreife, was ich da gerade mache. In dem Mullah Regime gilt nämlich immer noch die Scharia, das heißt, dass ich mich die ganze Zeit mit einem Kopftuch bedecken muss, keinen Alkohol trinken darf, dem anderem Geschlecht nicht die Hand schütteln darf und und und … Es gibt so viele Regeln in diesem Land, die ich noch nicht mal alle kenne und worauf schwere Strafen wie Auspeitschung stehen. Ich dachte mir, jetzt kann ich noch zurückgehen. Jetzt kann ich noch meinen Flug umbuchen. Doch ich tat es nicht und im Nachhinein bin ich auch verdammt glücklich darüber.

Nach zwei Flügen und einem neun Stunden Aufenthalt in Moskau kam ich mitten in der Nacht in der Hauptstadt Teheran an. Mit dem Taxi fuhr ich vom Flughafen über die menschenleeren Straßen direkt zum Hostel und war auch schon im Halbschlaf. Am nächsten Tag schlief ich lange, frühstückte in der Gemeinschaftsküche, zog mir das Kopftuch über und wollte die Straßen der Hauptstadt erkunden. Als ich dann aus der Straße auf die Hauptstraße bog, erlebte ich einen Kulturschock. Der Verkehr war unorganisiert, die Menschen sahen anders aus, waren anders gekleidet. Überall waren persische Schriften und ich hatte das Gefühl, dass niemand auf der Straße wirklich englisch sprechen konnte. Ich lief die Straße runter ohne ein wirkliches Ziel und alle, die mir entgegenkamen starrten mich an – wahrscheinlich wegen meiner fünf Piercings im Gesicht. Doch das verunsicherte mich nicht. Die Menschen waren sehr freundlich gesinnt und wirkten eher neugierig als empört. Also wenn du planst, in den Iran zu fliegen, und gepierct bist, finde dich damit ab oder nimm sie raus.

Mir wurde vorher von vielen erzählt, dass Perser sehr freundlich, höflich, gastfreundlich sind und, dass man nur bei den Soldaten etwas vorsichtig sein sollte. Deswegen überraschte mich der eigentliche Teil dieser Geschichte umso mehr.

In Isfahan meiner Lieblingsstadt im Iran, da man das Gefühl hat, dass alles in einem zauberhaften Türkiston gefärbt ist, traf ich einen Deutschen, mit dem ich durch die Straßen spazierte. Im Norden der Stadt sah man immer mal wieder Berge und da wir beide gerne kletterten, wollten wir gucken, ob man das dort auch machen kann. Zu unserer Überraschung gab es sogar eine Seilbahn. Wir wollten hochfahren, die Aussicht genießen und dann runter klettern. Bei der mittleren Station stoppten wir, um in die nächste Gondel einzusteigen, doch sie war geschlossen. Wir entschieden uns dafür, den Rest hochzuklettern und die Gondel  runter zu nehmen, da die Berge doch ganz schön hoch waren und wir nicht wirklich für längere Wanderungen vorbereitet waren. Wir fingen einfach irgendwo an, ohne auf die Wanderwege zu achten. Beim Hochklettern hörten wir Knallgeräusche und wunderten uns, warum Leute so dumm sind und Feuerwerke bei Tageslicht zünden. Oben auf der Spitze des Berges angekommen, die nicht mal 9 qm umfassten, genossen wir die Aussicht und ich konnte nach langer Zeit endlich mal draußen mein Kopftuch abnehmen. Ich zog sogar meine Jacke aus – die ich trug, um die Kontur meines Körpers zu verhüllen – obwohl es kühl war. In einem Top und mit dem Wind im Gesicht, der auch mit meinen Haaren spielte, fühlte ich mich frei. Nach einer Weile zog ich mich jedoch wieder an und wir erfreuten uns weiter an der Aussicht.

Uns fiel eine große Anlage in dem Gebirge auf und bei näherer Betrachtung realisierten wir, dass es sich dabei um eine Militärbasis oder so was Ähnliches handelte. Jedenfalls ist dies einer der Orte, von denen man vor Reisen in den Iran mehrmals gewarnt wird. Gerade als Tourist sollte man sich nicht in Militärgebieten aufhalten. Es passiert nicht gerade selten, dass  Europäer deshalb wegen Spionage angeklagt werden. Im Iran ist man als Reisender eigentlich immer sicher, doch findet man überall im Internet Geschichten über solche Situationen, wo Touristen sich dann Stunden- oder tagelangen Vernehmungen, Beschattungen und Kontrollen bis zur Abreise gefallen lassen müssen. Der schwierige Part ist auch, dass viele Polizisten nicht wirklich Englisch sprechen und somit sehr schnell Verständigungsprobleme entstehen.

Wir hatten darauf natürlich keine Lust und nahmen einen anderen Weg runter, um Soldaten möglichst nicht zu begegnen. Dabei verirrten wir uns ein wenig, bis uns ein alter Mann begegnete, den ich zum Glück mit meinen wenigen Farsi-Kenntnissen nach Ab-Wasser und dem Weg hinunter fragen konnte. Wenige Minuten später war es endlich so weit und wir dachten, unser Glück hat uns verlassen. Eine Gruppe von vier Soldaten kam uns entgegen und sie fragten uns, was wir hier machen. Wir sagten, dass wir uns verlaufen haben und gerade eigentlich hinunter wollten, weil wir den ganzen Tag klettern und wandern waren. Wir befürchteten schon das schlimmste, doch statt einer fiesen Miene sahen wir ein Lächeln in den Gesichtern der Soldaten und sie boten uns an, mit ihnen zu Abend zu essen.

Im Iran gibt es etwas, das Taarof heißt, das bedeutet, dass man etwas erst dreimal ablehnt, bevor man es annimmt, da das Angebot vielleicht nicht aufrichtig ist, sondern nur eine Höflichkeit sein könnte. Man gewöhnt sich ungefähr nach zwei Wochen daran. Wir taten dasselbe, lehnten erstmal dreimal ab. Als sie immer noch auf ein gemeinsames Abendessen bestanden, nahmen wir an.

Wir folgten ihnen zu einem Funkturm im Gebirge, den sie zu sechst bewachten. In einem quadratischen Raum, wo nur ein großer Teppich drin war, saßen wir beisammen im Kreis und kochten das Essen. Als sie uns fragten, ob wir verheiratet sind, sagten wir ja, weil es im Iran nicht gern gesehen ist, wenn Mann und Frau zusammen unterwegs sind und keine familiären Verbindungen bestehen. Trotz einiger Sprachbarrieren hatten wir stundenlange Unterhaltungen mit ihnen. Sie zeigten mir sogar nebenan im Taubenschlag, wie man Tauben fängt. Nach einer Weile lösten wir auch auf, dass wir uns erst ein paar Tage vorher im Hostel kennengelernt haben, was kein Problem für sie war. Die Soldaten selber waren alle in ihren Zwanzigern und fanden das viele Floskeln, Regeln und Gesetze im Iran komplett veraltet sind und sehnen sich schon seit langer Zeit nach Modernisierung was sowas angeht.

Nach dem Abendessen kam die verwirrende Überraschung. Einer der Soldaten holte eine volle Wasserflasche, gab sie einem anderen Soldaten, der schnupperte daran und verzog das Gesicht. Ich dachte, das Wasser wäre schlecht geworden und wollte ihnen schon was von meinem anbieten, bis sie mich aufklärten, dass es sich um selbstgebrannten Dattelschnaps hielt. Wie schon erwähnt, ist Alkohol streng verboten im Iran. Man kriegt ihn zwar relativ leicht und komplett überteuert, doch auf Alkoholkonsum stehen Strafen wie Prügel. In einer Dokumentation, die ich vor meiner Reise sah, hat ein Taxifahrer wegen Trunkenheit am Steuer 30 Peitschenschläge bekommen. Ich habe so einiges Ungewöhnliches erwartet bevor ich losflog, doch dass mir ein Soldat selbstgebrannten Schnaps anbietet, gehörte definitiv nicht dazu. Es war der ekelhafteste Shot, den ich je getrunken habe, und ich habe schon so einige Experimente von Freunden runterkippen müssen. Doch bei der Erwartung und dem Stolz in seinen Augen, brachte ich es nicht übers Herz ihm die Wahrheit zusagen und log wie es sich im Iran gehört aus Höflichkeit und sagte, dass es sehr lecker ist.

Als die Sonne fast untergegangen ist, machten wir uns mit randvollen Bäuchen auf dem Weg zurück, da wir nicht in kompletter Dunkelheit runter klettern wollten. Einer der Soldaten begleitete uns noch bis zum nächsten Wanderweg, damit wir uns nicht schon wieder verlaufen.

Auf dem Wanderweg trafen wir drei Frauen um die 40, mit denen wir dann liefen, weil wir alle auf dem Weg zur Gondel waren. Nachdem sie uns erst mal auf sehr charmante Art ausgelacht haben, da wir nur Stoffhosen und Sandalen anhatten und sie im Gegensatz in voller Wandermontur mit Stöcken unterwegs waren, kamen wir ins Gespräch. Eine der Frauen erzählte uns, dass das ihr 40. Geburtstag ist und sie mit ihren Freundinnen ein Wandertag gemacht haben. Als der Mann mit dem ich unterwegs war, ihr daraufhin gratulieren wollte und die Hand ausstreckte, wie das zumindest in Europa üblich ist, nahm sie eine abwehrende Haltung an, fing an zu lachen und man verstand nur noch den Satz: “Wenn mein Ehemann wüsste, dass mir gerade ein 23-Jähriger die Hand reichen wollte…”

Im Iran gilt das als eine sehr respektlose Geste, wenn man als Mann eine Frau anfasst, die zudem auch schon verheiraten ist. Sie nahm es ihm natürlich nicht übel und fühlte sich, glaube ich auch sehr geschmeichelt.

An der Gondelstation angekommen trennten sich unsere Wege, da die Frauen doch ganz runterlaufen wollten. Wir hingegen waren zu kaputt, nahmen die Gondel und freuten uns schon auf eine lange Dusche.

 

Autorin: Emily Reischer

 

 

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