Meine Freundin Emily, deren gebräunte Haut kaum mehr freie Stellen aufweist, da ihr gesamter Körper, der sehr zierlich geschnitten ist, mit 16 auffälligen Tätowierungen und den drei Piercings an ihrer Nase verziert ist – meine Freundin Emily also schüttelt widerwillig ihren wuscheligen Kopf, als ich ihr meinen entblößten Arm hinhalte. «Komm, lass uns das doch das nächste Mal machen, wenn ich nüchtern bin», sagt sie, «Ich trau mir das gerade wirklich nicht zu!» Ihre Freundin Paula schaut mich grinsend an, nachdem sie mir ihr kürzlich gestochenes Stick n’ Poke zeigte, das mich überhaupt erst auf die völlig überstürzte Idee gebracht hat. Im betrunkenen Zustand möchte sie mir auf keinen Fall ein Tattoo stechen, beteuert mir meine Freundin immer wieder. «Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass du morgen weinst, weil ich keine gerade Linie getroffen habe.»

Paula und ich teilen eine andere Meinung, wir finden, dass jetzt gerade genau der richtige Moment dafür ist, und kippen den letzten Rest Bisongrass-Vodka runter. Die beiden Girls sind Anfang 20, mit meinen 27 Jahren sollte man meinen, dass ich es besser wissen müsste, doch mein beschwipstes Ich sieht das anders. «Los jetzt! Wenn wir es heute nicht machen, werde ich mich vermutlich nie von dir stechen lassen.» Eine Sonne soll es werden, die auf der Innenseite meines rechten Unterarms erstrahlen wird. Tag ein, Tag aus. Früher war ich der Meinung, dass ich kein Typ für Körperkunst wäre und dass ich die Bastelei mit 40 bereuen werde. Ich bin Ende 20, warum zur Hölle sollte ich mir Gedanken darüber machen, was ich in einer halben Ewigkeit denke, wenn ich doch jetzt lebe – zum Glück hört man seinem inneren Schweinehund nicht mehr so genau zu, wenn dessen Durst erst einmal gestillt wurde. «Haha, vielleicht ist es eine falsche Entscheidung, mich jetzt von dir tätowieren zu lassen. Vielleicht aber auch genau der richtige Zeitpunkt», schaue ich sie flehentlich an, lege meinem Kopf schief zur Seite und schenke ihr meinen süßesten Schmollmund. «Ich hasse dich. Ja, ich machs!», widerwillig verlässt sie die Küche, um Nadel und Tinte zu holen.

Meiner Familie, in der niemand eine Tätowierung hat und diese auch vielmehr einen rüpelhaften und dubiosen Eindruck hinterlassen, ist es unbegreiflich, wie man seinen Körper nur so verunstalten kann. Andere Grundsätze vertritt der Vater meiner Freundin Emily, die sich schon mit 14 ihr erstes Motiv wünschte. «Mein Dad hat es mir damals verboten, weil ich noch zu jung war.» erzählt sie. Er wusste, dass es ihr großer Traum ist, und lies sich daher auf einen Deal mit ihr ein. «Wenn du ein Jahr lang nicht wächst, bekommst du dein Tattoo», sagte er damals zu ihr. «Ich bin nicht mehr gewachsen, also durfte ich es mir eigentlich schon mit 15 stechen lassen. Kein Tätowierer wollte mich in dem Alter stechen, deswegen musste ich warten bis ich 16 bin.» Sie entschied sich für ein OM-Zeichen unter ihrem Schlüsselbein, das sie mir mit einem breiten Grinsen präsentiert. Ich möchte auch so freudig Strahlen, wenn ich anderen Menschen meine kleine Dummheit zeige und lachend von diesem wundervollen Abend hier berichten. «Hast du eigentlich einen Zirkel da oder wie ist der Plan?», spreche ich meinen eben gedachten und beachtlichen Gedanken laut aus. «Lass doch eine 20-Cent-Münze nehmen, die Größe sollte passen», meint Paula. Gute Idee finden wir und kratzen unser Kleingeld zusammen. «Ha, ich hab eine!», ruft sie mir strahlend entgegen.

Emily ist einverstanden, aber nicht überzeugt. Ich drücke das goldene Geldstück mit meinem linken Zeigefinger auf meinen rechten Unterarm und Emily zeichnet die Linie mit einem blauen Kugelschreiber nach. Sie gibt sich Mühe, so viel wie eben geht, wenn man schon ein paar Bier intus hat. Jetzt fehlen nur noch die Sonnenstrahlen. «Möchte das jemand von euch machen? Ich bekomme das jetzt wirklich nicht mehr hin», bittet uns meine Freundin verzweifelt um Hilfe. Sie hat recht, ihr gekritzeltes Kunstwerk gibt nicht viel her. Sie sprüht mir das kalte Desinfektionsmittel auf meine Haut und wischt alles noch mal weg. «Klar, das kann ich machen! Ich glaube, es sieht besser aus, wenn die Strahlen etwas Abstand zum Kreis haben», findet Paula und wartet auf mein Einverständnis. Ich nicke halbinteressiert, halbaufgeregt und lasse sie machen.

Meine erste Tätowierung ist schon alt, in meinem damaligen Freundeskreis empfanden wir es als cool, uns gegenseitig zu stechen, ohne dass unsere Eltern etwas davon mitbekommen. Damals entschied ich mich für meine rechte Leiste, das schien mir ein gutes Versteck. Meine Freundin hatte keine Erfahrung, das gewählte Motiv, das ein Herz darstellen sollte, sieht heute eher wie ein total ungesunder Leberfleck aus. Oder so ähnlich. Emilys Lebenslauf hat da mehr aufzuweisen. Neben ihrem eigenen Körper, der ihr schon seit Jahren als Übungsfläche dient und nebenbei den Eindruck erweckt, dass sie sich mittlerweile selbst in ein lebendiges Kunstwerk verwandelt hat, nutzte sie die Anfragen von Freunden und Festival-Bekanntschaften, um sich das Handwerk selbst beizubringen. «Ich fang jetzt an zu stechen ok?» Nach langem Zögern und mit eingekniffenen Augen rückt ihr Gesicht nun ganz nah an die von mir gewünschten Stelle. Sie macht ihren ersten Stich. Es pikst ein wenig, kein dramatischer Schmerz. Einen Moment lang bin ich mir darüber im Klaren, was soeben in dieser verrauchten Küche passiert. Eben auch nur den Hauch einer Sekunde. Schon damals, als ich das Versuchskaninchen für Sophia spielte, empfand ich die frischen Mikroverletzungen als erträglich. Die schwarze Tinte verleiht meinem Arm einen robusten Look. Es gefällt mir, wie sich die dunkle Farbe auf meiner hellen Haut verteilt, auch der sanfte Schmerz gefällt mir. Nicht etwa, weil ich Gefallen daran finde, verletzt zu werden. Es ist der willkommene Start in ein neues Leben, eine neue Sofia; die nicht mehr wehmütig zurückblickt, eine junge Frau, die den Saft des Lebens kostet und sich daran erfreut. Ein Zeichen, das mich daran erinnern soll und mir Kraft schenken wird, wenn ich es einmal wieder vergessen habe.

Wenige Minuten sind vergangen, als Emily die mittlerweile schwarz gefärbte Nadel zur Seite legt, meinen dreckigen Arm mit Desinfektionsmittel liebevoll reinigt und mir fragend in die Augen sieht. «Fertig.» Mein Blick huscht zu der frischen Tätowierung meines rechten Unterarms, meine Lippen formen sich zu einem breiten Lächeln. Sie ist nicht vollkommen, die Linien sind nicht ganz miteinander verbunden und die Farbe ist verlaufen, doch das ist mir egal – weil es die Imperfektion ist, die ich daran liebe. Der Abend ist noch jung, das Bier halbvoll. Und ich bin glücklich.

 

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