Eine Story von einer, die nicht ins Büro gehört

Tja. Da sind wir wieder. Immer dann, wenn meine Mitbewohnerin am Abend zuvor die Sau rausgelassen hat, läutet ihr Wecker so lange, bis ich – leicht genervt – vom anderen Ende des Flurs ihre Tür aufreiße und sie “liebevoll” daran erinnere, dass sie einen Job hat. Dass man am Abend vor der Arbeit nichts trinken sollte, weil man ja so vollwertig erwachsen ist, ist bei uns in der WG leider noch nicht angekommen. Und so liegt sie dann in ihrem Bett, auf allen vieren, die Wimpern verklebt und verflucht ihr Vergangenheits-Ich. Immer noch besoffen. Zum Dank haucht sie mir ihre Fahne entgegen, deren Geruch meinen ganzen Körper erzittern lässt und berichtet mir halbzerstört von ihren zerrissenen Erinnerungen. Und dann gibt es da noch den Zuspätkomm-Stress – nachdem sie sich mal wieder viel zu lange in Selbstmitleid wälzt, bleiben ihr noch ungefähr fünf Minuten, bis sie das Haus verlassen muss. Zähneputzen, Klogang, Outfit, (manchmal) Dusche, Frühstück – alles in einem. Jedes Mal rennt sie aus dem Haus wie eine Irre, weil sie nur noch ein paar Sekunden hat, um die Bahn zu erwischen. Nahezu jedes Mal kommt sie wieder zurück, weil sie den Zug verpasst hat. Und dann geht es wieder los: Kippe an, neue Erinnerungen kommen hoch. Und dann wieder dieses reizende «Fuuuuck, die Bahn kommt in einer Minute.» Da wundert mich nichts mehr.

Das Folgende passierte – leider – während meiner Abwesenheit. Jesse, meine Mitbewohnerin, unsere Freundin Aly und ich waren beim Mexikaner und dort erzählte sie uns die Geschichte, wie sie im Cowboy-Outfit zur Arbeit erschien.

Immer wieder geschehen “Zufälle” in Jessis Leben, die eigentlich keine sind und seit unserem Zusammenzug auch mich verfolgen. Zu diesen gehört, dass sie meistens so krass verpennt, dass sie des Öfteren auch mal um elf Uhr mittags auf der Arbeit erscheint. Ich rede davon, dass sie sich jeden Donnerstag mit ihren Kollegen die Birne volllaufen lässt, obwohl sie doch weiß „Morgen ist ein ganz normaler Arbeitstag”. Der Mechanismus, der sie immer wieder in solche Situationen bringt, ist ziemlich dumm und eigentlich immer derselbe: Sie kennt einfach kein Ende. Und trotzdem geht sie jedes Mal wieder mit und trinkt. Ein Privileg ist es für sie, diese Situation mit Personen zu teilen, denen es ebenso geht. In diesem Fall einem ihrer Lieblingskollegen.

Ihre letzte Firmen-Weihnachtsfeier war so ein Fall zum Beispiel. Ich meine, man kennt das ja, bei solchen Events haben wir uns wahrscheinlich alle schon mal blamiert. Die Drinks sind für lau und man bekommt endlich mal die Chance, die Arbeitskollegen richtig kennenzulernen. Dazu gehört auch, dass man am nächsten Morgen den Schädel seines Lebens hat und dann mit einer eher trägen Motivation am Arbeitsplatz erscheint. Naja, jedenfalls hat sich Jesse an diesem besagten Abend so richtig aus dem Leben geschossen. Sie war die letzte Person, die die Party verließ und weil sie um zwei Uhr morgens immer noch nicht genug hatte, ging sie danach noch mit zu ihrem Kollegen, um sich noch ein paar überflüssige Gin Tonics reinzupfeffern. Als die beiden zuhause ankamen, waren sie jedoch schon so dicht, dass sie an Ort und Stelle einschliefen. Sitzend auf der Couch. Pflichtbewusste Menschen machen so was nicht, die stellen sich einen Wecker und stehen am nächsten Morgen auf – ging nur leider nicht, denn ihr Akku war ja leer. Sie also wieder «Fuuuuck, ich hab verschlafen», als sie erst um zehn Uhr morgens aufwachte. Ihr Schädel dröhnte bis zum geht nicht mehr und der minimale Schlaf, den sie aus der zerstörerischen Nacht zuvor mitnahm, half da auch nicht weiter. Ihr erstes Meeting hatte sie verpennt. Sie spielte noch mit dem Gedanken, sich krankzumelden. Blöd nur, dass alle wussten, dass sie bis zum Schluss die Puppen tanzen lies. Solche Probleme sind schon ohne Kater ziemlich nervtötend und schwierig zu meistern. Besonders dann, wenn man seinen Haustürschlüssel nicht dabei hat, die Mitbewohner außer Haus sind und die Arbeitsunterlagen hinter verschlossener Tür liegen. Hinzu kommt, dass sie noch das peinliche Partyoutfit vom Vorabend anhatte.

Jesse ist wohl nicht die erste Person, die sich unangenehmen Situationen wie dieser stellen muss. Doch es passiert einfach immer wieder. Während sie also mal wieder ihr Vergangenheits-Ich verflucht und vor der Tür mit voller Reue daran denkt, wie glücklich sie gestern noch ihr Glas zum Nachfüllen über den Tisch gestreckt hatte, bekommt sie den Geistesblitz ihres Lebens. Der Umsonstladen – in dem wir beide gelegentlich ehrenamtlich aushelfen – befindet sich ja um die Ecke. Vollgestopft mit Klamotten aus zweiter Hand. Dort angekommen fällt ihr auf, sie kennt den Zahlencode für das Schloss nicht. Den bräuchte man aber, um in den Laden zu kommen. Nur wer hilft dir, wenn deine Fahne dich fast zum Kotzen bringt und dein Schweißgeruch sogar die kleinen Kinder von der Kita nebenan die Nase rümpfen lässt. Glücklicherweise waren Blasius und Nathalie zur Stelle, zwei liebenswerte Hippies aus dem Verein, als Jesse sie völlig panisch und fertig mit sich selbst, anfleht: «Leute, ihr müsst mir helfen! Ich brauche Klamotten. Ich muss jetzt arbeiten gehen!» Natürlich machen sie ihr in null Komma nichts die Tür auf. Jesses Kater, der all ihre zur Verfügung stehenden Sinne für sich einnahm und dadurch konsequenterweise auch ihre schiere Existenz zur Folter machte, bewegte sie dazu, sich von den beiden einkleiden zu lassen. Am Ende verließ sie das Gelände, bekleidet mit ein paar Cowboystiefeln – an denen sich bereits die Sohle löste, weil die Dinger einfach nur noch Schrott waren –, einer ekligen alten Jeans und einem ausgewaschenen Bauernhemd.

Das Büro ist wie erwartet gut besucht, als Jesse um zwölf Uhr eintrifft und das, obwohl der Großteil der Anwesenden am Vorabend nicht bei einem gefüllten Weinglas blieb. Anlässe wie das heutige ungeplante Gruppenbild, die sie meistens eh nicht auf dem Schirm hat, sorgen für erfrischenden Bürotratsch, wenn man als Cowboy verkleidet auftaucht. Doch es hilft ja alles nichts. Das soziale Volk, denen der jahrzehntelange Alkoholkonsum und die zahllosen Ausflüge in die existenziellen Miseren ihrer Stammkundschaft in der ein oder anderen Brauerei anzusehen ist, vertrösten sie mit einem gut gemeinten Schulterklopfer. Die Liebe zu alkoholischen Getränken scheint in der Gesellschaft ja doch noch Brücken zu bauen. Jesse steht der kalte Schweiß auf der Stirn. Der Entgiftungsprozess lässt grüßen. Sie akzeptiert, dass es nur einen Weg gibt, mit der Situation umzugehen: Haare kämen, Puder ins Gesicht und Augen zu und durch. Sie nimmt ihren Kater, ihre Cowboystiefel und das größte Lächeln, dass ihr in Momenten wie diesen zur Verfügung steht und zieht die Nummer durch. Das ist eine ziemlich coole Leistung, denn meiner Meinung nach sollte man zu seinen Schandtaten stehen und seine Identität nicht verleugnen. Und das Foto, das sah gar nicht mal so übel aus. Eigentlich sogar ganz süß. Und Aly und ich, wir haben gelacht. So viel gelacht, dass uns der Bauch schon wehtat.

 

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