photo by fiftyfifty

Jeden Tag begegnen mir Obdachlose, auf dem Weg zur Bahn, vorm Supermarkt oder in der Stadt. An den immer gleichen Stellen sitzen die immer gleichen Menschen, sodass ich mich schon an den Anblick der Obdachlosen gewöhnt habe. Meistens frage ich mich, warum sie auf der Straße gelandet sind. Haben sie vielleicht einen schweren Schicksalsschlag hinter sich? Sind sie abhängig? Oder haben sie sich einfach nur aufgegeben? Obdach- oder wohnungslos zu sein, ist für Menschen jeden Alters oder Geschlechts schwierig. Aus diesem Grund habe ich mich gefragt, wie es wohl ist, für ein paar Stunden eine von ihnen zu sein. Letzten Winter lernte ich dabei eine Gruppe von Obdachlosen kennen, die mich ziemlich herzlich bei sich aufnahm.

Darunter auch Nessi, eine ehemalige Obdachlose, die mit dreizehn Jahren zum ersten Mal auf der Straße landete. Ihr Vater war Alkoholiker, die Mutter arbeitete den ganzen Tag. „Nach der Schule durfte ich meinen Papa in den Kneipen suchen und alle Stunde gucken, ob es ihm gut geht oder nicht“, erzählt sie. Wenn Kinder das Gefühl haben, dass es überall besser ist als bei ihnen zu Hause, laufen sie weg. Anfang der 90er ging sie mit einer Bekannten zur Wagenburg – eine Wohnsiedlung aus mobilen Fahrzeugen, meist Bauwägen – wo sie ihre Ziehmutter kennenlernte: „Sie passte auf mich auf und schickte mich morgens in die Schule, wenn mich meine Eltern mal wieder vergaßen.“ Das alles passierte in einer Düsseldorfer Umgebung. Dass sie durch den ganzen Stress zuhause in eine Essstörung verfiel, bemerkten ihre Eltern nicht. Wie gefährlich Anorexie ist, zeigt eine Studie von statista aus dem Jahr 2018. 7.821 Fälle wurden dokumentiert. 30 Menschen sind in Deutschland durch die Krankheit gestorben. Der traurige Höchststand der letzten Jahre weist das Jahr 2008 mit 100 Todesopfern aus. „Den Leuten an der Wagenburg fiel meine Krankheit schnell auf. Meine eigenen Eltern waren zu beschäftigt, um davon etwas mitzubekommen“, sagt sie.

Es ist Ende Dezember und tagsüber um die sechs Grad kalt. Ich bin dick angezogen und komme mit der Kälte ganz gut zurecht. Wir sitzen auf ein paar alten Matratzen, darauf verteilt liegen einige Decken. Indi neben mir ist am Zittern. Sein Gesicht konnte ich bisher noch nicht erspähen. Er ist von so vielen Decken umhüllt, dass – würde man die Vibration nicht spüren – er schon fast unsichtbar zu sein scheint. Nessi trägt ihre Jacke halb offen, in der rechten Hand hält sie ein Bier. Sie trinkt, seitdem sie ein junges Mädchen ist. „Alkohol war immer mein Thema, da ich in einer Kneipe großgeworden bin. Auf der Straße ist Alkohol dein bester Freund”, erzählt sie. Anfang letzten Jahres war sie wegen einer verschleppten Lungenentzündung und Nierenversagen auf der Intensivstation. Die Ärzte teilten ihr mit, wenn sie so weiter mache, werde sie das Ende des Jahres nicht mehr erleben. „Da fängt man natürlich an zu überlegen. Mittlerweile trinke ich nur noch so viel, dass ich gesund bleibe“, sagt sie.

In zwei Tagen ist Weihnachten. Wir sind ungefähr zehn Leute. Immer wieder kommen Menschen vorbei, bringen Essen vorbei oder fangen ganz normale Gespräche mit uns an. Wie ein Assi fühle ich mich hier nicht. Zwei Jungs kommen vorbei, im Schlepptau ziehen sie einen Bollerwagen, gefüllt mit einem großen silbernen Topf und Geschirr. Sie sind Mitglieder des Verein engagiert e.V., ein Netzwerk für Jugendliche, die sich neben dem Sport und anderen Aktivitäten sozial einsetzen wollen. Ich bin positiv überrascht, wie lecker die Kartoffellsuppe ist. „Hat meine Mutter heute Morgen frisch gekocht“, erzählt einer von ihnen, während der andere Nachschlag eingießt.

Nessi ist heute 39 Jahre alt und vierfache Mutter. Sie lebte jahrelang zwischen Platte, Wohnung und Gewalt. Vor 2,5 Jahren änderte sich das. Über housingfirst erhielt sie eine Wohnung. Mit Küche, Dusche, Bett, Heizung und Strom. 2008 brachte sie ein Bekannter zu fiftyfifty, ein Straßenmagazin, bei dem die Hälfte des Preises direkt an die Verkäufer – welche alle obdachlos sind – geht. Die andere Hälfte finanziert die Produktion des Heftes. Monat für Monat informiert fiftyfifty mit anspruchsvollem Journalismus engagiert und kritisch über menschliche Not. Schon mit dem Kauf der Zeitschrift tut man Gutes. Bis heute verkauft Nessi die Zeitschriften und finanziert sich dadurch ihren Lebensunterhalt. Seit 2017 gibt sie zusätzlich Stadtführungen in Düsseldorf. Die Arbeit gibt ihr ein Stück weit Normalität zurück. Bis auf ihren Sohn Kasper hat sie zu keinem ihrer Kinder ein Verhältnis. Die Alkoholsucht und das Leben auf der Straße machten es ihr unmöglich, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Sie alle wuchsen in verschiedenen Gastfamilien auf. Heute kommt Nessi ganz gut klar. Sie umarmt mich, als ich mich verabschiede.

 

Wohnungslose von der Straße lesen.
2,40 Euro davon 1,20 Euro für den/die VerkäuferIn

 

www.fiftyfifty-galerie.de
www.housingfirstfonds.de
www.verein-engagiert.de

 

 

 

Schüler*innen der Lore Lorentz-Schule Düsseldorf, Jahrgangsstufe 11, haben für fiftyfifty Postkarten gestaltet – darunter dieses Motiv von Rena Yamamoto. Alle 23 Motive unter www.fiftyfifty-galerie.de/archiv.

Auch interessant: Obdachlose zeigen ihre Stadt:

 

Regelmäßige Spenden helfen uns, unsere Arbeit besser planen zu können

paypal.me 🙂

Magste? Dann check doch mal das hier:
Ein Tag auf der Straße 
Christiania: Wo Hippies ein Zuhause finden
Darf ich vorstellen: Fabian Meier (Konzertfotografie)