Marcel Janovsky ist DJ, Produzent, ehemaliger Labelchef, Booker, Veranstalter und allem voraus ein Ravekid der 90er. Wo andere ihre Köpfe noch in die Schulbücher steckten, stand er schon hinter den Reglern: „Es ging schon ziemlich früh bei mir los. Zusammen mit drei Freunden produzierten wir damals unsere eigene Musik. Als dann jeder von uns seine Platte fertig hatte, schickten wir diese an verschiedene Labels raus. Doch keiner wollte unsere Musik veröffentlichen, also machten wir drei Platten mit eigenen Namen und nannten das Label ‘Treibstoff’. Unser Presswerk fragte mich dann ein Jahr später, ob ich dort als Sales Manager arbeiten möchte, weil ich gute Kontakte in der Szene hatte. Dort betreute ich dann Kunden wie Kompakt, Poker Flat und Cocoon. In Sachen Pressung, Mastering und Labelarbeit bescherte mir das beste Fachkenntnisse und Kontakte. Anfangs wollten wir mit Treibstoff nur unsere eigenen Tracks rausbringen, doch es kam dann alles anders als gedacht. Die ersten Demos kamen rein –  da waren teilweise so gute Sachen dabei, dass wir sie nicht einfach liegen lassen konnten. So ging es dann irgendwann richtig los mit Treibstoff .“ Künstler wie Maetrik, der heute vor allem als Maceo Plex bekannt ist, veröffentlichte bei ihm seine zwei ersten Alben und zahlreiche EPs. Robert Babicz oder Gabriel Ananda fanden mit Treibstoff ein Zuhause für ihre Produktionen. Nach über 100 Katalognummern hat sich Marcel mittlerweile aus dem Labelgeschäft zurückgezogen: „das Geschäft hat sich mit der Digitalisierung sehr verändert. Damals gab es noch keine Downloads und Streaminganbieter und der Markt war einfach aufgeräumter, weil ein gewisses finanzielles Risiko zu berücksichtigen war, wenn man eine Auflage von 1000-2000 Schallplatten presste. Heute spielt das Finanzielle die kleinere Rolle, dafür muss man viel Zeit in den sozialen Netzwerken verbringen und da hatte ich nicht mehr wirklich Lust mitzuziehen.“

Aus Marcels Sicht, sind die Kölner sehr speziell: „Köln hat eine sehr warmherzige Szene, in der man relativ schnell Leute kennen lernt. Die Menschen gehen hier weniger auf Afterpartys, sondern lieber zusammen nach Hause. Das kann in etwa so ablaufen, wie wenn du an Karneval alleine eine Kneipe gehst und wenn es gut läuft, kennst du danach eine Handvoll neue Leute. Die Kölner Szene ist für mich cool wie sie ist. Dadurch, dass sich Köln im Dreiländereck befindet, kommen viele aus den angrenzenden Ländern zum Feiern. Die Szene spielt sich hauptsächlich in Ehrenfeld, im belgischen Viertel, sowie im Sommer auf zahlreichen Open Airs ab. Damals in den 90ern ging man in den Space Club, der später zum Warehouse wurde, einem der ersten wichtigen Clubs Anfang der 90er oder zum Psycho Thrill. Früher hatten wir einen gesunden Technotourismus, da wir noch lange vor der Zeit waren, in der mit der Technowelle jede Dorfdisko zu einem Technoschuppen umfunktioniert wurde. Zu Beginn der 90er parkten in der Wilhelm Mauser Straße Autos aus allen möglichen Städten, teilweise das ganze Wochenende, weil der Laden das komplette Wochenende geöffnet war.  Als das Warehouse dicht machen musste, gab es kurzzeitig ein Loch in Köln und der Underground blühte wieder auf, z.B. in den KHD Hallen, mit den Elektro Bunker Partys. Danach kam dann irgendwann das Studio 672 mit der Total Confusion und die Szene verlagerte sich ins Belgische Viertel, wo sich auch das Gewölbe befindet.”

Wie stark der Kontrast zur heutigen Feiergeneration ist, kann ich mir kaum vorstellen. Doch Marcel erinnert sich noch ganz genau: “Früher ist man einfach auf die Party gegangen. Man hatte ja nicht mal ein Handy. Damals wurden wir über Flyer und Magazine über das nächste Event informiert. Man hatte zwar die Adresse, aber überhaupt keine Ahnung, was einen dort erwartet. Die Pollerwiesen haben es auf die Spitze getrieben, denn die mussten aufpassen, dass sie nicht zu früh erwischt werden. So konnte man sich den Flyer mit der Adresse am Sonntagmorgen an der Aral Tankstelle vom Bonner Verteiler abholen. Nicht einmal die Techniker wussten vorher wo sie die Anlage hinfahren sollen. Diesen Überraschungseffekt gibt es heute leider nicht mehr, die Leute informieren sich zu viel über Facebook nach Dingen wie der Garderobe oder wann das Licht angeht. Sie wollen wissen, wann der Headliner spielt, damit sie genau den Moment abpassen und sich damit selber der Gelegenheit berauben, andere DJs entdecken zu können, die abseits des Social Media-Hypes agieren oder einfach noch nicht so bekannt sind.”

Veranstaltungen ohne Handys sind schwer vorstellbar für Menschen, die im Zeitalter der Smartphones großgeworden sind. Und so geht es heute der Generation Mobiltelefonlos: “Handys sind auch im Club teilweise ein großes Problem. Die Leute filmen und fotografieren was das Zeug hält, anstelle den Moment selber zu erfassen und sich damit tolle Erinnerungen zu holen. Das zerstört einfach die ganze tolle Atmosphäre beim Tanzen. Ich habe es schon oft beobachtet, dass sich die Leute anders verhalten, sobald ein Foto gemacht wird. Schon alleine das Licht des Handys stört unwahrscheinlich auf einer dunklen Tanzfläche, wo eigentlich gerade was komplett anderes passieren soll, als diese verdammte Fuchtelei mit dem Telefon. Man wird komplett aus dem herausgerissen, um was es bei Techno eigentlich geht und ich hoffe immer mehr Leute werden nach und nach verstehen, dass sie ihr Handy auf dem Dancefloor in der Tasche lassen sollten.”

 

Photo: Love Parade 1994 (Kurfürstendamm)

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