So war die Elektro-Szene in München: Michael Reinboth im Interview

Michael Reinboth, der Gründer des mittlerweile 25 Jahre alten Labels Compost Records, macht mit mir eine Zeitreise durch die Münchener Musikgeschichte. „München ist viel souliger als andere Städte. Das liegt zum einen an den Amis, die hier stationiert waren. Die haben hier in München und Umgebung einfach viel schwarze Musik gespielt; also Soul oder Disco – und letzteres ist ja ein Bestandteil von Techno. Das wurde dann auch in den damals offenen Kanälen wie im Radio sowie in den öffentlich-rechtlichen Sendern von Fritz Egner oder Freddie Kogel im Bayerischen Rundfunk gespielt. Und das hatte seine Auswirkungen, denn seit den 70er-Jahren hat sich diese Art von Musik hier festgesetzt.“

Michael kam 1982 von Hannover nach München, im Schlepptau hatte er sein Musikmagazin Elaste und startete als Resident im derzeitigen Kult-Club schlechthin: „Damals war das P1 noch richtig cool und in den 80ern der Szeneladen in München – überhaupt kein Vergleich zu heute. Damals hatten die Läden noch ihre eigenen Platten, früher war das einfach normal, dass nicht die DJs die Platten mitbrachten, sondern die der Clubs benutzten. Wir durften dann auch fürs P1 einkaufen gehen, mindestens einmal im Monat war ich in London, um dort neue Musik zu besorgen. So richtig änderte sich das mit dem Babalu – das war der erste Club, der 1987 sein DJ-Booking selbst machte.“ Fast zeitgleich kam ihm zusammen mit seinen Partnern Florian Keller und Theo Thoennessen die Idee, Jazz-, Soul- und Elektroklänge in München erstmals miteinander zu verbinden. Das Ganze packten sie unter den Namen „Into Somethin“, um gegen die Masse der kommerziellen Discos zu rebellieren. Der Startschuss fiel im Babalu, 1991 ging es weiter im Park-Cafe, dann im Muffatcafé. Drei Jahre später folgte das eigene Label. „Das war schon sehr einzigartig und ein sehr eigener Sound für München. Und mit der Art Musik wollte ich dann ein eigenes Label machen. In Deutschland gab es noch kein Label für diese Zwittermusik zwischen House, Techno und downbeat-jazzigen Elementen. Daher waren wir da schon so ziemlich die Ersten, die so was gemacht haben. In Deutschland war Compost eigentlich die Marke, die für diesen Sound stand.“

Bevor Michael sich mehr dem eigenen Label widmete, verbrachte er seine Zeit vor allem in Record-Stores und verwandelte sich in einen Plattenjunkie – das kann man wohl über jemanden sagen, der mal 80 000 Exemplare besaß. Damals gab es verschiedene Methoden, um an die besten Stücke ranzukommen: „Donnerstags und freitags kamen immer die neuen Lieferungen in den Plattenladen, da musste man schnell sein, da es manche Exemplare nur einmal gab. Wenn man Pech hatte und die Platte schon weg war, musste man sie bestellen und Wochen warten. Einige Leute wie DJ Hell, Monika Kruse oder ich hatten ein eigenes Fach im Plattenladen mit Namensschild. Für uns wurden ebendort bestimmte Neuheiten quasi vorsortiert und ins Fach gestellt. So ging das jede Woche. Diese sozialen Kontakte im Plattenladen, nebst Kaffee, Klön und Fachsimpelei, gibt es heute natürlich so überhaupt nicht mehr, das ist ziemlich schade. Heute ist das alles viel anonymer geworden. Auf der anderen Seite geht es durch Discogs und die vielen Online-Mailorder-Services viel leichter und schneller, an limitierte und bereits ausverkaufte Stücke zu kommen. Das war damals wesentlich komplizierter. Wenn man nach etwas Bestimmtem gesucht hat und der Plattenladen das nicht bekommen konnte, musste man die Bestelllisten von Händlern aus Amerika oder England auf Papier per Post oder Fax anfordern. Das waren oft kleine Minikataloge, um die 30 bis 40 Seiten, mit Vorder- und Rückseite klein bedruckt: Artist, Titel und Preis. Dann schickte man die Wünsche per Fax ab und nach ein paar Tagen kam ein Fax zurück mit der Info, was vorrätig ist. Bezahlt wurde per Scheck, denn damals gab es ja keine Onlineüberweisung. Dann wurde der Scheck eingelöst und die Platten im Anschluss zugeschickt – der ganze Prozess dauerte ca. drei bis vier Monate. Und wenn das Paket dann endlich kam, war das wie Weihnachten.“

Michael verlor sich nicht nur einmal in Geschichten von früher. Folgende ließ ihn besonders schmunzeln: „Smartphones in Clubs oder auf Konzerten sind eine Katastrophe. Ich finde das furchtbar auf Raves, wenn die Leute mit ihrem Handy dastehen und Selfies von sich machen mit dem DJ im Hintergrund. Ein Vorteil ist, dass sie auf Shazam zurückgreifen und nachschauen können, welcher Titel gerade läuft. Früher hatten wir dafür die Decksharks. Das waren diejenigen im Club, die vorne am Pult rumstanden, guckten, was der DJ spielt, und sich die Tracks auf einem Block notierten. Es gab bestimmt immer zehn bis 20 von denen im Club, es waren immer dieselben Leute.

„Wenn ich die Spielzeiten meiner Platten zusammenrechnen würde, dann dürfte ich nicht mehr schlafen, um das alles noch hören zu können.“ – Michael Reinboth

www.compost-rec.com

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