Ich suche nach Alternativen, vielleicht auch nach Ehrlichkeit. Ich fürchte die Momente, in denen ich entfernte Bekannte treffen könnte und dann auch nur im Vorbeigehen gefragt werde, wie es mir denn gehe. Die Frage wird so natürlich wie ein Blinzeln der anderen Person zugeworfen. Aber, wenn man ehrlich ist, was anderes als ein „Super und dir?“ mit einem Lachen, wird doch gar nicht erwartet. Die einzige gesellschaftsfähige Antwort ist durchweg positiv und sie lässt sich auch nur durch weitere positive Synonyme austauschen. Was soll man auch schon sagen, wenn die Antwort gar nicht richtig gehört werden will? Und selbst wenn man schon versucht offen zu sein, dann ist mehr als ein „Joa, ganz okay“ das Höchste aller zu äußernder negativen Gefühle.

Schlechte Gefühle sind außerhalb meiner Instagrambubble noch immer nicht salonfähig. Dass so eine einfache Frage bei Menschen, denen es in dem Moment nicht gut geht, so viel auslöst, ist nicht allen klar. Was wäre denn eine ehrliche Antwort und wie tief darf sie gehen, ohne sein Inneres komplett nach außen zu kehren? Vielleicht möchte ich ja auch einfach nur ehrlich antworten und aber keinerlei Fragen beantworten, nur was sagt man, wenn dann doch noch Nachfragen kommen?

Manchmal rutscht mir die Frage nach dem Befinden auch immer noch so raus, obwohl ich weiß, wie unangenehm so was sein kann. Und im selben Moment tut es mir leid, die andere Person in solch eine Situation gebracht zu haben, und ich selber tue mir leid, wenn dann auch noch die Gegenfrage gestellt wird. Ich fordere beides – eine Alternative zu der „Wie gehts dir?“ – Frage und gleichzeitig auch die Ehrlichkeit anderer und mir, zu sich zu stehen. Das ganze Stigma endlich zu durchbrechen und indes auch sensibel miteinander zu sein. Die Fragen zu stellen, mit denen sich das gegenüber noch wohl fühlt, feinfühlig zu sein und zu erkennen, was zu viel ist und den Raum der anderen Person nicht zu betreten, sondern Platz zum Ausweichen lassen.

 

 

Foto & Text by Lilly Gehrke

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