Anderson Félix: von der Favela zum Fußballspieler

Anfang August reiste ich spontan nach Lissabon. Ohne Geld, ohne großes Gepäck – und erst recht hatte ich keine Ahnung, wo ich schlafen sollte. Naiv, wie ich bin, dachte ich, ich könnte am Strand in einer Hängematte pennen. Daraus wurde nichts, also musste ich in einem Hostel unterkommen. Google half mir dabei, das günstigste in meiner Nähe zu finden. Dadurch stoß ich auf Liv’in Lisbon, wo ich für unglaubliche 12 Euro übernachten konnte; inklusive Frühstück. So verbrachte ich meine erste Nacht dort und machte mich am nächsten Morgen mit zwei Frauen aus dem Hostel auf nach Ericeira, um surfen zu lernen. Als ich zwei Tage später zurück nach Lissabon kam, traf ich mich erneut mit Puk, einem der Mädchen aus der Unterkunft. Sie buchte direkt vier Nächte und so beschloss ich, die letzte Nacht ebenfalls dort zu verbringen. Als wir am Abend vom Strand zurückkehrten, waren unsere Sachen voller Sand und Salzwasser. Glücklicherweise hatten wir dort die Möglichkeit, unsere Kleidung kostenlos in die Waschmaschine zu stecken. In der Küche, in der sich auch die Wäschetrommel befand, trafen wir auf Anderson, der gerade am Waschen war. Da er noch eine weitere Ladung hatte, bot er mir an, dass er meine schmutzigen Sachen für mich wäscht und danach aufhängt – da es schon ziemlich spät war.

Bei einem Mitternachtstee erzählte er uns, dass er Fußballspieler ist und aus Brasilien kommt. Für einen Job reiste er nach Lissabon, wo er nun lebt. Er war mir direkt sympathisch. Das breite Lächeln und die ruhige Art, die er an sich hat, luden dazu ein, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Im Anschluss bat ich ihn um ein Interview, da die Geschichte, die er mit sich trägt, nicht nur für meine Ohren bestimmt sein sollte.

Ich hatte schon immer Vorurteile gegen die großen Fußballspieler. Meiner Meinung nach verdienen sie zu viel Geld, sind arrogant und gehen nur mit Models aus. Anderson sorgte dafür, dass ich meine Vorurteile ablegte. 

Hey Anderson! Magst du uns was über deine Herkunft erzählen?
Hallo Sofia. Ich wuchs in einer der größten und schönsten Städte Brasiliens auf: São Paulo. Ich komme aus einem Slum namens Paraisopolis, wo ich geboren und aufgewachsen bin, bis ich 23 oder 24 Jahre alt war.

Wo bist du aktuell?
Im Moment lebe ich in Lissabon und arbeite hier im Bauwesen in einer Zimmerei als Assistent. Es ist nicht das, was ich möchte, doch notwendig, um die offizielle Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Das heißt, du willst in Portugal bleiben?
Erst einmal schon. Vorausgesetzt, die Dinge entwickeln sich so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe mich mittlerweile mit dem Gedanken angefreundet, hierzubleiben, da ich nicht vorhabe, zurück nach Brasilien zu gehen, um dort zu leben.

Gab es keine andere Möglichkeit für dich?
Nein, das einzige Licht am Ende des Tunnels waren die Bauarbeiten für mich. Niemand gibt einem Immigranten – egal wo – einen Job, der nur einen Ausweis besitzt. Das Unternehmen, für das ich heute arbeite, lud mich zu einem Vorstellungsgespräch ein, auf diese Weise kann ich bleiben und Geld verdienen.

Und das Training?
Das leidet darunter. Arbeit und Training lässt sich für mich schwer unter einen Hut bringen. Aber immer dann, wenn ich tagsüber einen Weg zum Laufen finde, gehe ich laufen.

Seit wann bist du in Portugal und wie fühlt es sich für dich an, dort zu sein?
Ich kam am 16. Januar 2019 an. Nun sind es schon fast zwei Jahre, die ich auf der atlantischen Seite verbringe, weit weg von meiner Familie. Ich kann es kaum erwarten, sie wiederzusehen. Wenn alles so läuft, wie ich es geplant habe, werde ich Weihnachten 2021 mit ihnen verbringen.

Wie bist du in Braslien aufgewachsen?
Die Tatsache, dass ich von dort komme, wo ich eben herkomme, machte mich zweifellos zu der Person, die ich heute bin. Ich will nicht leugnen, dass es nicht einfach war, inmitten der Not und der nackten Realität aufzuwachsen. Aber selbst dann, wenn es einfach gewesen wäre, wäre es nicht lustig, nicht wahr?

Wie ist es, in der Favela aufzuwachen?
Unsere Kindheit war sehr traurig, aber darin nahmen wir uns auch unsere Freude. Von Straßenspielen bis hin zu einem Fußballspiel. Ich sage traurig, weil sich das Glück, das wir hatten, uns mit einem Mal verließ. Zum Beispiel dann, wenn wir den Ball zu weit schossen und nicht mehr finden konnten oder ihn auf den Boden kickten und uns dabei die Finger verletzten (lacht). Besonders tragisch war es, wenn wir den Fußball ins Fenster des Nachbarn kickten und das Glas dabei zerbrach. Dann gab es noch diese Momente, ihnen die Polizei kam und Freunde von mir mitnahm, mit denen ich aufgewachsen bin und zusammenspielte. Manchmal wachte ich morgens mit der Nachricht auf, dass ein Freund, der zuvor noch mit mir Fußball spielte, am Tag zuvor bei einem Schusswechsel oder einem Sturm getötet worden ist. Das war leider meine Realität und meine Kindheit.

Was hat das mit dir gemacht?
Mitten in all dem aufzuwachsen hat mich zweifellos dazu gebracht, die Welt auf eine andere Art und Weise zu sehen. Und ich lernte, wie man zwischen Gut und Böse unterscheidet.

Ist der Ort, an dem du gelebt hast, sehr gefährlich?
Nein, überhaupt nicht! Wir sind eine sehr empfängliche Gemeinde und es gibt auch viel Langweiliges zu sehen. Natürlich wird dort auch mit Drogen gehandelt. Meistens sind es Kinder, die zweifellos eine Zukunft vor sich haben, auch im Sport.

Was würde passieren, wenn ich – also eine blonde weiße Frau – dort alleine hingehe?
Jeder ist Willkommen – ob Frau, Mann, weiß, schwarz, gelb, schwul oder nicht.

Und wie war das mit dem Fußball?
Ach ja, wo wir gerade von den guten Dingen sprechen. Es war dort auf den schmutzigen Feldern, ohne jede Struktur, wo meine Liebe zum Fußball und zum Sport geweckt wurde. Schon sehr früh im Alter von 15 Jahren spielte ich Barfuß auf der Straße und auf den Feldern und bekam Hilfe für das, was ich am liebsten tat: Fußball spielen.

Haben dich deine Eltern dabei unterstützt?
Ich bin der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, wo alles schwieriger ist. Ich erhielt weder Ermutigungen noch Unterstützung. Nicht einmal Stollen, um spielen zu können. Es war also sehr kompliziert. Ich weiß, dass es nicht daran lag, dass sie nicht wollte, dass ich spiele, sondern weil sie es sich nicht leisten konnte.

Gab es jemand anderen, der dich unterstützt hat?
Ja, zum Beispiel mein Cousin, der auf einigen Fotos zu sehen ist. Er half mir beim Training, gab mir Tipp und klärte mich über die richtige Ernährung auf. Er war immer mein Idol in der Gemeinde. Er spielte selbst Fußball, doch bei einem Spiel brach er sich die Schulter auf dem Feld. Danach konnte er in keinem Verein mehr spielen, nur noch bei Amateurmeisterschaften zwischen den Gemeinden. Ein wirklich guter Spieler, der bei den Favela-Mannschaften sehr begehrt war und mich im Sport weiterbrachte.

Sonst noch jemand?
Da war noch ein Gangster aus der Favela. Er liebte Fußball und organisierte regelmäßig stattfindende Meisterschaften unter den Kindern und förderte somit den Sport. Er bereitete einiges für mich und meinen Cousin vor. Eines Tages wurde er bei einer Polizeiaktion verhaftet. Uns Kindern gefielen die Dinge, die er für uns in der Favela ausgesucht hatte, sehr gut. Aber es gab vieles, von dem wir nichts wussten.

Was meinst du, wie viele Kids aus deiner Heimat würden jetzt gerne das machen, was du machst?
Nachdem ich erwachsen wurde und sogar Angst davor hatte, wegzugehen, fingen sie an mich überall, wo ich hingehe, anzufeuern. Und das ist für mich schon mehr als genug.

Was bedeutet Fußballspielen für dich?
Alles, was ich durchgemacht habe, so anders es für manche Menschen auch erscheinen mag, passiert immer noch. Das war und ist nicht nur meine Realität. Wenn ich also zurückblicke, sehe ich, dass viele Menschen das durchmachen, was ich durchgemacht habe, und ich bin stolz darauf. Manchmal spreche ich über Videocalls mit meinen Freunden und Verwandten oder den Kindern von Freunden und alle sind stolz auf mich. Nicht, weil ich etwas bin oder etwas besitze, sondern wegen der Schwierigkeit, an mich selbst geglaubt zu haben und meinen Traum ohne fremde Hilfe zu leben. Sie sagen mir, dass sie so sein wollen wie ich, dass sie den gleichen Mut haben möchten, dass sie mich als Referenz sehen, und das macht mich glücklich. Es macht mich sogar sehr glücklich.

Fußballspielen hat dich also verändert?
Fußballspielen hat mein Leben verändert. Denn dadurch konnte ich – auch wenn es nicht viel war – zu Hause helfen. Mal eine Rechnung bezahlen oder Lebensmittel einkaufen. Ich konnte meinen Bruder zu Mc Donald’s bringen!

Seit wann weißt du, dass das deine Leidenschaft ist?
Mit 15 Jahren beschloss ich, dass ich diesen Sport zu meinem Ziel mache.

Und seit wann verdienst du Geld damit?
Seit ich 17 bin. Nichts Außergewöhnliches, ich gewann ein paar Spiele bei Amateurwettbewerben. Und weil ich gut war, spielte ich manchmal bis zu drei Spiele am selben Tag, um mehr Geld zu verdienen.

Kannst du mittlerweile davon leben?
Nein, ich lebe nicht alleine vom Fußballspielen. Aber nur wegen dem, was wir gerade alle durchmachen: Corona. Und dann gibt es noch ein paar andere Faktoren. Aus diesem Grund bin ich bei keiner Mannschaft unter Vertrag.

Glaubst du, dass du das eines Tages wirst?
Ja, ich glaube, dass das alles noch möglich ist. Und bis mir niemand das Gegenteil beweist, werde ich weiterkämpfen, damit ich eines Tages davon leben kann.

Warum hast du Brasilien verlassen?
Das Leben dort war für mich nicht mehr das, was ich wollte. Ich hatte immer den großen Traum, eines Tages in die USA zu gehen. Zum Austauschen, Studieren und um für eine große Universität in Kalifornien zu spielen. Das war mein größter Traum.

Was passierte mit diesem Traum?
Mein Visum wurde abgelehnt und ich habe irgendwie aufgegeben. Ich schob den Sport ein wenig zur Seite und blieb dabei, einen Job zu suchen.

Was für ein Job?
Ich arbeitete zwei Jahre im Nikestore. Dort hatte ich die Ehre, ein Teil des Trailers für das brasilianische Team der Weltmeisterschaft in Russland (2018) zu sein.

Wie war das?
Das war mit Sicherheit eine der verrücktesten Erfahrungen, die ich bisher hatte. Ich war schon immer ein großer Fan der Marke. Demnach habe ich keine Worte dafür, dieses Erlebnis zu beschreiben. Nicht einmal, obwohl wir dreizehn Stunden drehten und ich nicht einmal 1,5 Sekunden lang zu sehen war (lacht)!

Dreizehn Stunden sind eine lange Zeit, da blieb doch bestimmt was hängen …
Natürlich! Die Erfahrung war unglaublich. Die gesamte Struktur, das Personal, die Vorbereitungen und zu sehen, wie die Dinge hinter der Kamera ablaufen. Nicht zu vergessen das Honorar (lacht)! Der Trailer ging um die ganze Welt und in gewisser Weise war ich dabei. Das war der Wahnsinn!

Und wie läuft das mit Interviews nach einem Spiel ab?
Meine Geschichte ist nicht einfach. Wie ich schon sagte, war sie sehr kompliziert. Wann immer die Journalisten kommen und zu mir sagen, dass ich ein bisschen über mich reden soll, antworte ich nur: „Haben sie Zeit?“ oder „Das ist eine lange, lange Geschichte.“

Warum Zeit?
Weil es seine Zeit braucht, zurückzublicken. Zu sehen, was ich durchgemacht habe. All die Freunde, die ich verlor. All die Vorurteile, die ich hörte und in meiner Haut spürte. Und das, weil ich ein Neguinho da Favela bin. Wenn ich auf diese Zeiten zurückschaue, tut mir das oft sehr weh.

Das heißt, du gibst nicht besonders gerne Interviews?
Sagen wir es mal so: Es ist leichter, wenn ich einfach nur über das Spiel rede, dass ich zuvor spielte (lacht)! Es ist wirklich schwierig, über meine Geschichte zu sprechen, in einer Sprache, die ich nie gelernt habe. Auf eine gewisse Weise ist mir das auch peinlich. Allerdings ist es nach einem Spiel auch viel friedlicher.

Was waren das für Vorurteile und was heißt es, ein Neguinho da Favela zu sein?
Er ist ein „Neguinho aus der Favela“, das bekam ich immer zu hören, wenn ich gegen Mannschaften aus anderen sozialen Schichten spielte. Das Schlimmste war für mich immer, dass ich es nicht nur auf dem Spielfeld zu hören bekam, sondern auch draußen auf der Tribüne, wenn die Leute so etwas sagten wie: „Geh weg von diesem Neghuinho“, „Passen Sie auf diesen Jungen auf“ oder „Ich habe Angst, wenn mein Sohn gegen diese Slumbewohner spielt“.

Hörte das mit dem Erwachsenwerden auf?
Nein. Nachdem ich älter wurde, hörte ich das erst richtig. Zum Beispiel bei Nike. Ein Kunde kam einmal zu mir mit einem Problem, womit ich ihm nicht helfen konnte. Daraufhin wurde er wütend und verfluchte uns und auch mich: „Was für ein Scheiß Laden! So ein schrecklicher Verkäufer aus diesem verdammten Slum!“. Rassismus gibt es überall, es kommt nicht auf das Alter und auch nicht auf die Größe an.

Wie geht es dir damit?
Es tut weh, zurückzublicken und sich an diese Dinge zu erinnern. Es würde so vielen Menschen besser gehen, würden wir diese Wörter auf eine positive Weise benutzen. 

Was lernt man in der Favela?
Der Mensch, der wie jeder andere in einer Favela geboren wird und dort aufwächst, hat zwei Möglichkeiten: Entweder geht er*sie den Weg des Guten oder des Bösen. Der Nachteil liegt darin, dass man dadurch, dass man dort aufwächst und die Entwicklung in der Mitte des Ganzen stattfindet – Konfrontationen, Menschenhandel, Gewalt und einem angeblich einfacheren Leben dazu neigt, den falschen Weg einzuschlagen. Sie überleben in all dem, ohne auf jemanden zu treten, ohne jemanden auszunutzen. Ohne nach dem „einfachen“ Leben zu suchen. Nimm mich als Beispiel. Manche Menschen konzentrieren sich auf die Suche nach einem besseren Leben. Die Favela hat mich gelehrt, dass Respekt vorherrscht und in jeder Situation sehr willkommen ist.

Was machst du in Momenten, in denen du an diese schweren Zeiten denkst?
Ich schaue darauf, wo ich heute gelandet bin. Ohne von jemandem abhängig zu sein. Ohne jemanden zu hintergehen. Immer respektvoll im Umgang mit anderen. Im Inneren des Hauses waren wir manchmal hungrig. Aber ich war immer sehr gut instruiert, Respekt über alles andere zu stellen. Das ist der Grund, warum ich immer ein Lächeln im Gesicht habe. Ich weiß, dass ich gerade in einer schwierigen Phase stecke, aber ich war schon einmal in einer viel schlimmeren.

Und was ich schon immer mal wissen wollte, haben alle Brasilianer so ein schönes Lächeln wie du?
Überall auf der Welt gibt es Menschen, die immer noch richtig lächeln. Die eine Geschichte wie meine mit sich tragen. Manchmal schlimmer, manchmal weniger schlimm. Doch Menschen, die Vorurteile, Rassismus oder Hunger überwunden haben, besitzen ein aufrichtiges und reines Lächeln. Selbst aus der Ferne verfolge ich ein wenig die Dinge, die in meinem Land geschehen. Und ja, es gibt Menschen mit einem genauso schönen Lächeln wie meinem (grinst).

Ein Blick in Andersons Welt

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