So sind die Anfänge als DJ während einer weltweiten Pandemie: Pius im Interview

Wie dieses Jahr verlaufen wird, konnte niemand vorhersehen. Ich bin mir sicher, dass kein Mensch damit gerechnet hat, dass wir wochenlang unser gesellschaftliches Leben auf ein absolutes Minimum reduzieren müssen, um das Menschenleben vieler anderer zu retten. 

Ich weiß ja nicht, wie ihr die Zeit verbracht habt, aber ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich den Großteil meiner Zeit verbracht habe: auf der Couch liegend, abwechselnd News-Apps, Instagram und Youtube auschecken und so viel kochen, backen und essen, wie wahrscheinlich im ganzen Jahr zuvor. 

Während ich mir alle meine Insta-Storys angeschaut habe, passierte es nicht selten, dass ich überrascht von der Produktivität anderer war und ein ganz schön schlechtes Gewissen bekommen habe. Es lag also nicht jeder so faul rum wie ich. 

Eine der Personen, die ihre Zeit sinnvoll genutzt hat, war Pia Groß (21) bei manchen besser bekannt als Pius. Wir beide kennen uns noch aus unserer früheren Heimatstadt Erfurt und haben uns durch gemeinsame Freunde und Feiern gehen kennengelernt. Damals hat man Pia noch auf dem Dancefloor gefunden, weswegen ich umso überraschter war, als ich mitbekommen habe, dass sie jetzt hinter dem Pult steht. Die Wahl-Leipzigerin begann letztes Jahr im Dezember aufzulegen.

Ich habe mit Pia darüber geredet, wie es so ist, während Corona Musik zu machen, wie sie ihre Zeit sinnvoll genutzt hat und wie es für sie – hoffentlich – weitergehen wird. 

photo by @bela_moritz

Hey Pia, erst einmal: Danke, dass du dir Zeit für mich nimmst! Wie kamst du damals dazu aufzulegen?
Ich danke dir auch Anne für die Interviewanfrage. Ich freue mich mega darüber! Und ja, wie kam ich dazu, aufzulegen. Ähm, also an sich hatte ich schon lange Bock darauf. Ich hab auch quasi mein ganzes Leben eigentlich schon mit Musik zu tun und mein Papa ist auch Musiker. Meine Leidenschaft für die Musik war schon immer da.

Über’s Auflegen hab ich wie gesagt schon länger nachgedacht, hatte aber immer irgendwie Angst vor den ganzen technischen Schwierigkeiten, die auf mich zukommen, und natürlich das ganze Geld, das man investieren muss. Das alles hat mir ein bisschen Angst eingejagt und ich dachte, ich könnte das nicht bewältigen. Ja, dann kam eines Tages einfach der Moment, wo ich mir gesagt habe: „Ey, wenn du so Bock darauf hast, glaub einfach mal ein bisschen mehr an dich selbst und mach’s einfach!“ Und im Endeffekt bin ich jetzt wirklich sehr froh, dass ich den Gedanken hatte, denn ich lieb’s einfach total!

Wie sah das am Anfang mit dem Equipment aus? Du hast es ja schon angesprochen, das ist ja auch alles nicht sooo billig.
Ja (lacht), das ist tatsächlich nicht so billig oder um genauer zu sein, alles sehr teuer! Am Anfang recherchierte ich erst mal und schaute halt mal: was kann ich mir kaufen, was ist preislich ein guter Kompromiss, was ist gut für Anfänger, um mit der ganzen Technik klarzukommen. Das bereitet einen auch so ein bisschen auf das Equipment vor, dass man dann im Club hat. Da hab ich glaube ich einen ganz guten Kompromiss gefunden.

Du hast ja angefangen, kurz bevor das Coronavirus sich auch in Deutschland immer extremer ausgebreitet hat. Wie hast du die damalige Situation wahrgenommen?
Genau ich habe kurz vor dem ganzen Corona-Einbruch erst angefangen aufzulegen. Ich hatte zum Beispiel Sylvester meinen ersten Gig (lacht). Da haben wir einfach ne Homeparty bei uns zu Hause gemacht mit einigen Leuten. Ich hab da die ganze Nacht, glaube ich, aufgelegt und ich war danach so begeistert, dass ich sofort in die Clubs wollte. Jetzt im Nachhinein denk ich mir so, huch Mädchen, ganz schön ambitioniert. Also mittlerweile weiß ich, dass ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht die Skills dazu gehabt hätte, in einem Club aufzulegen. Aber ja, dann kam sowieso Corona.

Und was hast du während des „Lockdowns“ gemacht?
Ich hatte super viel Zeit zum üben und konnte jetzt schon meine Skills ganz gut erweitern. In der Hinsicht war es auch sehr hilfreich, aber natürlich war es für mich genau so bescheuert wie für alle anderen. Man fühlt sich ja doch sehr eingesperrt oder hat sich sehr eingesperrt gefühlt. Und dann der Moment, wo man so merkte: Oha, hier bricht gerade ne ganz künstlerische Szene total weg und die Leute haben alle total zu kämpfen, die Clubs, uiuiui.. . Ich hab mir da echt teils schon sehr Sorgen gemacht und dachte so: woah was wird aus dieser Welt, wenn wir alle nicht mehr feiern können!? (lacht)

Die Zeit ging anscheinend trotzdem ganz gut rum für dich …
Ja voll. Ich hatte trotzdem ‘nen ganz witzigen Lockdown, würde ich sagen. Ich hab zum Glück zwei Mitbewohner, Simon und Caro, und wir haben lustige Zeiten miteinander verbracht. Wir haben es auch ganz oft so gemacht, dass ich irgendwie meine Disco-Lichter angeschmissen habe in meinem Zimmer und dann habe ich aufgelegt und die anderen beiden haben ein bisschen gedanced. So konnte ich üben und wir haben die Zeit rumbekommen und irgendwie ging alles gut!

Wie würdest du den Musikstil, den du auflegst, bezeichnen?
Also ursprünglich hab ich eigentlich nur Techno aufgelegt. Von melodischen Sachen über sehr darken Techno war da eigentlich alles dabei. Aber mittlerweile will ich mich da eigentlich gar nicht mehr nur darauf beschränken. Zum Beispiel hier in Leipzig habe ich durch neue Bekanntschaften House Music extrem schätzen gelernt. Die haben mir einfach so geile Tracks gezeigt, dass ich mir dachte, wow okay, muss ich jetzt auch auflegen (lacht). Detroit Music find ich zum Beispiel auch richtig, richtig gut. Die ganze Electro-Szene ist da ja so vielfältig, und da will ich mich momentan auf jeden Fall auch noch nicht einschränken und möchte da auf jeden Fall ein vielfältiger DJ bleiben.

Wo holst du dafür deine Inspiration her?
Also meine Inspiration hole ich jetzt in Corona-Zeiten eher über Videos, Sets und Live-Sets von anderen DJs und Producern. Ansonsten, wenn es mal eine Möglichkeit gibt, Feiern zu gehen, achte ich jetzt viel mehr darauf, wie sie die Übergänge gestalten oder stelle mich auch ganz gerne einfach mal neben das Pult und schau einfach mal ein bisschen zu, weil man da noch gut was lernen kann. Ansonsten bin ich auch so ein sehr inspirierter Mensch. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ich bald irgendwo auflegen muss und ich das Set dafür mache, suche ich mir so ein paar Songs aus, wo ich denke, das passt zur Veranstaltung und setze mich dann einfach auf mein Fahrrad und fahre durch den Wald und höre mir die Songs an und überlege, welcher gut zu welchem passen würde. 

Wer sind deine Lieblingskünstler:innen allgemein?
Meine Lieblingskünstler? Das ist  schwierig zu sagen, weil ich mich da nicht gerne auf irgendeinen Liebling festlege, da die Kunstsparte da ziemlich viel zu bieten hat. Was ich aber immer gut finde, ist, was einen irgendwie zum Nachdenken anregt oder auch zum Hinterfragen von gesellschaftlichen Normen oder auch irgendwelche politischen Kontexte, weil das heutzutage viel zu wenig passiert, dass Leute auch mal Dinge hinterfragen oder auch mal kein Blatt vor den Mund nehmen.

Und wer sind deine Lieblings-DJs?
Bei den Lieblings-DJs will ich mich eigentlich auch auf niemanden festlegen, weil es auch da viele, viele gute Sternchen am Himmel gibt. Aber wen ich schon seit vielen Jahren durchgängig feiere, sind zum Beispiel Nina Kraviz und DJ Aussault.

Nina Kraviz, weil sie einfach eine absolute Power-Frau ist. Jeder, der sich schon mal ein Set von ihr angeschaut hat, merkt, dass die Frau einfach extrem viel Spaß daran hat. Sie hat so viel Energie und liebt einfach das, was sie macht. Das merkt man total. Natürlich hat sie sich nicht grundlos schon einen riesigen Namen in dem Business erarbeitet. Sie hat es einfach drauf (lacht).
Und DJ Aussault auch, weil der sein ganzes Leben schon der Musik gewidmet hat. Ich glaube, er hat mit sieben schon angefangen Platten zu sammeln. In dem Alter muss man das erst mal wissen und jetzt ist er für mich einfach ein richtig geiler Producer. Seine Songs sind alle immer so ein bisschen sexuell angehaucht, find ich super nice und das hat einfach ‘nen Vibe. Das muss man sich einfach anhören und dann versteht man genau, was ich meine. 

Um wieder zurück zu deinen Anfängen zu kommen, wie aufgeregt warst du, bevor du dein erstes Set veröffentlicht hast?
Vor meiner ersten Veröffentlichung war ich extrem aufgeregt. Also wirklich, ich hab mir da so eine Birne drüber gemacht, weil ich ja auch wusste, ich bin überhaupt noch nicht auf Profi-Niveau, ich wollte es aber unbedingt veröffentlichen, um zu sagen: „Ey Leute, ich bin jetzt auch dabei!“ Von daher auf einer Skala von 1-10 war ich wahrscheinlich so bei 12 (lacht).

Wie war die Resonanz? Hast du viel Feedback bekommen?
Die Resonanz war dann echt richtig cool. Also es hat mich total überwältigt. Es haben so so viele Leute Feedback gegeben, darauf reagiert, vor allem sehr positiv darauf reagiert. Ganz, ganz viele Leute haben es in den Social-Media-Kanälen geteilt. Das Set hat viel mehr Aufrufe bekommen, als ich es mir erträumt hätte. Auch meine Freunde haben da ganz viel mitgemacht und geshared und alles Mögliche. Da bin ich auch echt dankbar. Es war richtig, richtig cool. Mir haben auch viele gesagt, dass es für die kurze Zeit, die ich auflege, schon extrem gut ist. Von daher hab ich es nicht bereut, schon so früh was veröffentlicht zu haben.  

Apropos Resonanz und Feedback: Wie haben deine Freunde reagiert, als du angefangen hast aufzulegen?
Sie haben das wie die Verrückten in Social Media geteilt und es hat schon ein paar Wellen geschlagen. Sie geben mir einfach jetzt schon das Gefühl, dass ich was richtig Krasses geschafft habe, obwohl ich da selbst viel zu oft perfektionistisch bin und so denke, boah eigentlich hab ich noch gar nichts geschafft. Von daher ist das auch immer gut, Freunde zu haben, die einem sagen „Ey come on, jeder Schritt ist irgendwie wichtig“. Und sie hören sich auch immer an, wenn ich aufgeregt bin, was bisher schon sehr oft vorgekommen ist. Also von daher bin ich da immer sehr dankbar, dass ich da immer ein Ohr abkauen kann. 

Und deine Family?
Meine Familie hat eigentlich genau so positiv reagiert. Ich glaube, die meisten wissen nicht wirklich, was ich jetzt genau mache als DJ, ist aber auch nicht schlimm, weil sie mich trotzdem supporten, und sie sind schon ganz aufgeregt, wann ich mal irgendwie in der Heimat auflegen kann. Was ja hoffentlich bald ist, und da werden die dann auf jeden Fall am Start sein. Also meine Eltern auf jeden Fall. Dann gehen sie mal Techno tanzen (lacht).

Was sind deine selbst gesteckten Ziele, wenn du welche hast?
Meine nächsten Ziele sind jetzt erst mal mehr Gigs zu sammeln, dann auch von meinem Anfänger-Niveau wegzukommen, was ich aber, glaube ich, schon ganz gut bewältigt habe. Und ja, mich einfach weiterzuentwickeln, und hoffentlich wird das dann jetzt alles auch mit den ganzen Corona-Scheiß jetzt irgendwie möglich sein. Aber ich denke, da muss man einfach positiv bleiben und so grob gesagt, würde ich gerne auf vielen verschiedenen Orten dieser Welt mal auflegen, nicht nur in Deutschland. Auf jeden Fall dann auch mit meiner eigenen Musik im Gepäck. Das ist ein nächster großer Punkt auf der Bucket List, selbst Musik zu produzieren. Da bin ich auch gerade schon ein bisschen dran und werde mal sehen, in welche Richtung das jetzt geht.

Wo siehst du dich selbst Ende 2020?
Ende 2020 sehe ich mich in meinen Träumen in einem geilen Club auflegen. Berlin oder so wäre auf nice (lacht), aber wir wissen alle, dass das zur Zeit ein bisschen utopisch ist. Corona wird uns da wahrscheinlich einen Strich durch die Rechnung machen, aber ich werde sehen, wie sich das alles entwickelt. Selbst wenn dann immer noch keine Clubkultur stattfinden kann, wird’s andere Veranstaltungen geben oder andere Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Hauptsache, es geht irgendwie vorwärts und dann werde ich sehen, wo ich Ende 2020 stehe.

Und wie sieht es mit dem nächsten Sommer aus?
Im Sommer würde ich mich schon auf einem Festival sehen, aber auch da haben wir ja den gleichen Struggle. Von daher: abwarten und Tee trinken. Ich werde natürlich auch nebenbei noch Uni machen. Was heißt nebenbei? Eigentlich eher hauptsächlich, denn das Leben besteht ja nicht nur aus Auflegen und Feiern gehen, ist ja logisch. Von daher, ich probier einfach so gut, wie es geht, meine persönlichen Ziele irgendwie voranzutreiben und zu erreichen, und im Sommer vielleicht, wenn wir Glück haben, können wir schon wieder auf Festivals gehen, und ich kann dann sogar schon mit meinen eigenen Songs dort am Start sein. Wir werden es sehen.

Denkst du, dass du ohne den Lockdown jetzt da stehen würdest, wo du gerade stehst?
Das ist mega schwer einzuschätzen. Ich würde sagen, dass ich wahrscheinlich schon ein bisschen weitergekommen wäre, was so auflegen in Clubs angeht, aber andererseits kann ich auch echt schwer einschätzen, ob die so einen Anfänger wie mich genommen hätten. Von daher, ich will gar nicht denken, was wäre ohne Lockdown, sondern ich denk mir einfach, na ja der Lockdown war jetzt da, ich hatte dadurch viel Zeit zum üben, und ich konnte ja jetzt auch so schon mal auf einem kleinen Festival auflegen, von daher bin ich happy, so wie alles passiert ist. 

Last but not least: Wie kommst du zur Zeit eigentlich an Gigs oder andere „Aufträge“?
Zur Zeit ist es relativ schwer, an Gigs zu kommen, auch weil ich natürlich noch voll der No Name bin, aber durch Party-Bekanntschaften bin ich an den Gig bei dem Festival gekommen, da hab ich richtig coole Leute kenngelernt. Das Festival mit denen hat total Spaß gemacht und da wird in Zukunft bestimmt auch noch mal was kommen. Dann wurde ich jetzt auch schon öfter mal über Instagram angeschrieben und gefragt, ob ich nicht mal Bock hätte, da und dort was zu machen. Und dann habe ich jetzt mal Bock, so lokal anzufragen, also in Halle, in Leipzig und in Erfurt, ob ich da nicht mal auflegen könnte, denn ich will das ganze natürlich auch selbst bisschen ankurbeln und ja, dann schaue ich mal, was dabei rauskommt. Ich bin jedenfalls gespannt wie es weitergeht. 

www.soundcloud.com/piustofolus
www.instagram.com/piustofolus/

photo by @overcuremusic

 

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