Monogamie oder Polygamie: Die ehrlichen Erkenntnisse einer polyamourösen Person

In meinem Leben wurde ich immer nur mit monogamen Beziehungen konfrontiert: meine Großeltern, meine Eltern, ein Großteil von Filmen und Serien. Fast überall wird uns dieses Beziehungskonzept präsentiert, als wäre es das einzig richtige. 

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum auch ich seit fünf Jahren eine monogame Beziehung führe. 

Umso spannender finde ich es, dass es mit der Zeit immer mehr Leute in meinem Bekannten- und Freundeskreis gab und gibt, welche sich gegen das „traditionelle“ Beziehungskonzept entscheiden und lieber offene Beziehungen eingehen.

Eine dieser Personen ist Anne Löscher (21). Anne und mich verbindet nicht nur unser Name, sondern auch, dass wir vor einem Jahr aus Erfurt weggezogen sind und uns für Berlin entschieden haben. 

Ich habe mich mit Anne getroffen, um mehr darüber zu erfahren, wie es ist eine offene Beziehung zu führen, was ihrer Meinung nach beachtet werden muss und ob es für sie ein Beziehungskonzept für die Ewigkeit ist.

Danke Anne, dass du bereit bist dieses Interview zu führen. 

Meine erste Frage wäre: meinst du denn nicht auch, dass wir alle auf der Suche nach der EINEN großen Liebe sind?
Also ich glaube, dass jeder Mensch das Bedürfnis nach Liebe hat. Das ist auf jeden Fall ein Fakt! Aber ob das diese eine große Liebe ist, finde ich ein bisschen schwierig zu sagen. Ich habe was ganzes interessantes darüber gelesen, dass man ja auch für verschiedene Sachen, verschiedene Freunde hat. Das klingt irgendwie ein bisschen komisch, weil es nach einem Produkt klingt, aber so meine ich das gar nicht.

Eher so, dass du mit dem einem Freund voll gut über deepe Sachen reden kannst, mit dem anderen Freund kannst du gut verreisen und mit dem anderen gut einkaufen oder feiern gehen. Dann ist es auch nicht verwerflich zu sagen, dass man andere, verschiedene Lieben hat. Es gibt glaube ich Menschen, die der einen großen Liebe sehr nacheifern, das finde ich auch total schön, aber ich liebe viele Menschen (lacht).

Glaubst du denn, dass der Mensch überhaupt für die Monogamie gemacht ist?
Hmmm, ganz ehrlich: ich glaube es nicht. Auch aufgrund vieler persönlicher Erfahrungen. Angefangen bei Menschen die irgendwann geheiratet haben und ich dann gemerkt habe, jede Beziehung ist Arbeit und wenn man daran nicht arbeitet, dann geht sie in die Brüche, weil man nicht klar genug kommuniziert.

Biologisch gesehen sollen wir uns ja auch alle 3, 4 Jahre vermehren und deswegen ist es auch nichts unnatürliches, wenn man alle paar Jahre Bock auf einen neuen Partner hat. Was aber nicht heißt, dass man den Menschen nicht mehr liebt. Man wächst ja auch total zusammen.

Auf einer Skala von 1 bis 5, wie monogam bist du?
Oh Gott! (lacht). 2!?

Wann ging das bei dir los, dass du dich dagegen entschieden hast ein „klassisches“ monogames Beziehungskonzept zu führen?
Also vom Kopf her hab ich das schon immer gespürt, dass das irgendwie nichts für mich ist. Ich hatte viele verschiedene Partner, auch weil ich schon immer neugierig war und mich sexuell ausgelebt habe, sag ich jetzt mal so. So richtig gespürt, habe ich das aber vor allem nach meiner letzten Beziehung, die dann in die Brüche gegangen ist und ich so gemerkt habe, irgendwie mache ich mir voll was vor.

Die Beziehung war auch schon teilweise offen, aber irgendwie haben wir nicht genügend und klar kommuniziert. Jetzt bin ich ungefähr ein halbes Jahr von der Person getrennt und hab mich wieder auf die Pirsch begeben und in’s offene Meer geschmissen und voll Spaß daran gefunden. Ich habe jetzt auch Leute, mit denen ich da offen drüber reden kann und hab auch jemanden gefunden mit dem ich da ganz entspannt an die Sache rangehen kann. Das macht mich extrem glücklich.

Also hattest du vorher auch schon monogame Beziehungen?
Ja, auf jeden!

Hat dich das irgendwie eingeschränkt beziehungsweise waren die Beziehungen dann einfach scheiße?
Es kommt immer auf die Kommunikation mit den Menschen an! Aber ich habe schon immer in solchen Beziehungen gemerkt, dass ich mich irgendwie gar nicht auf eine Person beschränken kann. Ich will immer mehr, aber es ist ja auch eigentlich nichts Schlimmes, mehr vom Leben zu wollen. Es ist eigentlich nur schwer, jemanden zu finden, der das auch okay findet, das mit dir teilt und nicht das Gefühl hat, dass er dich verliert.

Du meintest ja, dass du gerade jemanden gefunden hast, mit dem du offen darüber reden kannst, der das auch alles akzeptiert. Sprecht ihr ab, was es für Tabus gibt und was nicht okay ist?
So weit sind wir noch nicht. Wir haben erst seit kurzem was am laufen, aber ich glaube, dass das ganz wichtig ist, um den Respekt voreinander zu wahren, um ehrlich miteinander umzugehen und zu gucken, gibt es vielleicht doch Punkte, die die andere Person verletzen könnte. Du kommst ja nicht frisch in eine Beziehung rein und die Person ist ein unbeschriebenes Blatt. Jede Person hat irgendwie ihre Erfahrungen gesammelt, deswegen ist es sehr wichtig darüber zu sprechen. Auch wenn es sehr viel Mut und Arbeit erfordert. 

Hast du dir aber schon mal Gedanken darüber gemacht, was das für Absprachen oder Tabus sein könnten?
Wenn ich jetzt von mir ausgehe: dass man direkt voreinander mit jemand anderen verkehrt. Ich weiß nicht, aber das müsste man echt ausprobieren und gucken, kann ich das wirklich? Denn wenn man sagt, ja das ist voll okay für mich, aber hat es noch nie ausprobiert, dann ist es schon ein bisschen heuchlerisch. 

Viele wollen, glaube ich, auch nicht wissen was der andere Partner macht. Das kann super verletzend sein und das möchte ich einfach nicht. Wenn man aber darüber sprechen kann, dann sollte es eigentlich kein Problem sein. 

Wie sieht es aber mit Eifersucht aus: so ganz weg ist die doch auch nicht, oder?
Nein, aber damit hab ich mich schon viel auseinandergesetzt. Ich glaube Eifersucht legen viele Menschen verschieden aus. Ich lege es so aus: ich bin der Herrscher über mich selber, meinen Körper, meinen Geist und meine Seele und ich glaube, Eifersucht entsteht vor allem dann, wenn man das Gefühl hat, dass jemand anderes die geliebte Person wegnimmt. Das kommt vielleicht daher, dass man das Gefühl hat, dass man die andere Person besitzt. Man sollte, meiner Meinung nach, nicht davon ausgehen, dass man irgendeine andere Person besitzt, das ist aus meiner Sicht nicht gesund. Jeder entscheidet für sich, was gut für einen ist und was er machen sollte.

Wenn es doch mal vorkommen sollte, wie könnte damit umgegangen werden?
Immer darüber sprechen, auch wenn es schwer fällt. Man kann sich auch mal darüber streiten. Ich finde, dass Streit auch was ganz natürliches und wichtiges ist, so lange man respektvoll miteinander umgeht und sich auf Augenhöhe begegnet. Wenn mal etwas verletzend ist, dann ist das leider so, es gibt auch in monogamen Beziehungen sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viele Punkte, wegen denen man sich streitet. Und auch eine polygame Beziehung ist nicht das „perfekte“ Modell.

Wie reagieren potenzielle Sexpartner:innen darauf, dass du in einer offenen Beziehung bist?
Ich glaube andere Leute denken, dass ich sexbesessen oder so wäre. Also, dass ich bock habe mit jedem rumzumachen, aber darum geht es mir ja nicht! Mir geht es einfach darum meine Freiheit zu behalten und das machen zu können, worauf ich halt Bock habe, ohne mich einschränken zu lassen von anderen. Ich glaube auch, dass da Ängste mit reinspielen, was Geschlechtskrankheiten betrifft zum Beispiel.

Wie lernst du deinen potenziellen Sexpartner:innen kennen?
Ja, wie lern ich die kennen.. über’s Feiern gehen (lacht). Über die Musik, weil die Musik mir auch mit das Wichtigste im Leben ist. Musiker sind ja auch nicht wirklich Kinder von Traurigkeit. 

Ich bin ein sehr offener Mensch und ich bin auch sehr direkt und ehrlich, versuche aber immer, die Leute nicht zu verletzen. Was ich am meisten wertschätze in meinem Leben, ist in den Kontakt mit Menschen zu kommen und wertvolle Gespräche zu führen. So lerne ich Menschen auch kennen.

Und Tinder? Oder andere Dating-Apps?
Jaaa (lacht). Also Tinder hatte ich auf jeden Fall schon mal. Ich hatte auch schon Bumble. Vor ein paar Monaten habe ich mir Ok Cupid heruntergeladen. Das kann ich eigentlich auch sehr empfehlen, obwohl ich nicht unbedingt die krasseste Befürworterin von Dating-Apps bin, weil ich halt einfach merke, dass du dich persönlich auf einer ganz anderen Ebene kennenlernst.

Bei Apps ist das schon eher wie so eine Produktauswahl. Du wischst halt nach links oder rechts. Es geht natürlich auch voll nach dem Äußeren, aber jetzt mal ganz ehrlich: wenn man sich auf der Straße sieht, geht es auch meistens nach dem Äußeren, aber wenn man sich dann näher kennenlernt, ist die Persönlichkeit entscheidend. Außer du hast einen One-Night-Stand, dann kann es dir relativ egal sein. Also auch nicht egal, weil ich auch nicht gerne Sex mit Menschen habe, die ich nicht mag.

Kannst du dir vorstellen, irgendwann nur noch der einen Person „treu“ zu sein?
Schwierige Frage.. gute Frage.. (lacht). Ja und nein!? Ja, eigentlich schon. Vielleicht kommt das dann auch, wenn man ein bisschen älter ist? Wie ist das zum Beispiel, wenn man irgendwann Kinder haben sollte? Wie regelt man das dann? Das ist aber noch mal ein neues Thema.

Also ja, ich könnte es mir schon vorstellen, aber jetzt gerade fühle ich mich nicht dazu bereit und habe einen keinen Bock darauf.

Vielen Dank für das offene und ehrliche Interview!
Ich danke dir!

 

photo by paulhenschel030

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