Zwei saure Zitronen und eine süße Limette

… oder warum Leipzig gerade das ist, was Berlin vielleicht niemals war

Ich bin jetzt 30 Jahre alt und vor einem Monat von Berlin nach Leipzig gezogen. Die Gründe, warum ich „Mama Berlin“ – die geile Atzenstadt an der Spree – verlassen habe, sind vielfältig und reichen von Arbeitslosigkeit über gegen mich geführte Ermittlungsverfahren bis hin zu schierer Frustration über die trotz Mietendeckel eskalierte Situation auf dem Berliner (Miet-)Wohnungsmarkt. Covid-19 und die Erkenntnis, vermutlich das nächste halbe Jahr auch nicht mehr offiziell in Berliner Clubs tanzen gehen zu können, hatte wohl auch seinen Anteil an meiner Entscheidung, Berlin nach acht Jahren den Rücken zu kehren.

Als ich mit etwas mehr als 22 Jahren meine süddeutsche, sehr bürgerlich geprägte mittelgroße Studentenstadt verließ, hatte Berlin eine unglaubliche Anziehungs- und Faszinationskraft auf mich. Schon als Student in Baden-Württemberg war ich in den Semesterferien einige Male in Berlin feiern gewesen und hatte die ersten legendären Parties in Clubs erlebt, die es heute in dieser Form nicht mehr gibt. Die Berliner Feierkultur stand damals in einem absoluten Kontrast zu dem, was ich von süddeutschen Technoclubs, Openairs oder Großevents wie der Timewarp oder dem Love Family Park gewohnt war. Statt Showing-Off, auch beim Feiern nach außen geschlossenen Social Circles oder Hausverboten wegen dem gemeinsamen Aufsuchen einer Clubtoilette – wohlgemerkt bei einer reinen Afterhourveranstaltung, sowie einem sehr zweifelhaften Kleidungsstil auf Veranstaltungen der elektronischen Musikszene in Süddeutschland, stand Berlin für radikal ausgelebten Hedonismus, Realness, Ästhetik und Toleranz. Filmische Portraits wie „Feiern – Don’t forget to go home“ oder „Bar25 – Tage außerhalb der Zeit“ beschreiben den Vibe Berlins zu Mitte und Ende der 00er-Jahre ziemlich akkurat.

Warum Leipzig? Ehrlich gesagt hatte ich in dem Moment, als ich mich in einen Mietwagen in Kreuzberg setzte und im Navi „Leipzig Connewitz“ eintippte, keinen konkreten Plan von rein gar nichts. Weder war ich zuvor je in Leipzig gewesen, noch kannte ich auch nur einen Menschen vor Ort. Ah, ne warte! Eine ehemalige Tinderaffäre war ein Jahr zuvor von Berlin nach Leipzig gezogen, hatte mich noch ein paar Mal in Berlin besucht und total von Leipzig als „dynamischer und bezahlbarer Stadt für kreative (Sub-)Kultur“ geschwärmt. Leider ist die gute Frau mittlerweile gar nicht mehr so gut auf mich zu sprechen, sodass ich in Leipzig wirklich allein und ohne die Aussicht auf schnellen Anschluss an einem Donnerstagnachmittag Anfang Oktober ankam.

Beim Drehen einer Kippe auf dem Standstreifen der Autobahn kam mir die Idee, schon mal über die Ebay-Kleinanzeigen nach WG-Zimmern oder Untervermietungen in Leipzig zu schauen. Gesagt getan. Ab 18 Uhr sollte eine als WG gedachte 5-Zimmer-Wohnung im Osten der Stadt besichtigt werden. Der geforderte Preis war bereits mein erstes AHA-Erlebnis. Für 20 Quadratmeter Altbau wurde etwa ein Drittel dessen ausgerufen, was ich zuvor für mein Zimmer in einer verratzten Altbaubuchte Ecke Görlitzer Park bezahlen musste. Leider zu früh gefreut! Wie sich herausstellte, war zwar ein Zimmer in der genannten Größe und zu dem sehr günstigen Preis tatsächlich zu haben; allerdings war der Zustand der Wohnung selbst für mich als leiderprobten Exkreuzberger unter aller Sau und nicht zumutbar. Scherzend warf ich in die Runde der anderen Wohnungsbesichtiger*innen die Vermutung, dass der Name des Leipziger Ortsteils „Reudnitz“ auch eine Abkürzung für „Reudiges Wohnen in Leipzig ist nix für mich“ sein könnte. Alle lachten – einer schwieg. Wie sich herausstellte ein etwa gleichaltriger Dude aus Neuseeland, der die letzten Jahre in Amsterdam gelebt hatte und nur Englisch und Niederländisch sprach.

Liam* war mir direkt sympathisch, als er in die Tür der Wohnung trat. Ihn umgab eine leicht dunkle, auf Deepness schließende Aura und auch sein Kleidungsstil und seine Accessoires hatten Stil. Relativ schnell stellten wir beide fest, dass wir quasi im selben Boot sitzen und beide gerade ziemlich lost in Leipzig gestrandet sind und nach bezahlbarem Wohnraum suchen. Liam war wie erwartet real und deep, aber auch durchaus schüchtern und zurückhaltend. Ich beschloss, den nicht deutschsprachigen Typen bei seiner Wohnungssuche zu unterstützen und schlug vor, erst mal ein Bier trinken zu gehen.

 *Name geändert

Illustration: Annkathrin Wesp

Was von diesem Moment an geschah, kann ich leider nur noch bruchstückhaft wiedergeben. Nach den ersten drei bis fünf Bier erwähnte Liam, dass er RC´s* aus Amsterdam dabei hätte. Das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich am nächsten Nachmittag in einer Burger King-Filiale wieder zu mir komme. Physisch unversehrt und auch, ohne bestohlen worden zu sein. Wo ich den Mietwagen aus Berlin, der meinen gesamten Hausrat enthielt, gelassen hatte, war mir allerdings nicht mehr klar. In einer emotionalen Extremsituation – irgendwo zwischen verwirrt, besorgt und beschämt – stolperte ich aus dem Burgerladen. Ich hatte Glück und fand noch eine Sonnenbrille in meiner Jackentasche, die in kürzester Zeit zwar nicht gerade für Wohlbefinden sorgte, mich jedoch direkt mit dem Aufsetzen deutlich gelassener und kontrollierter machte. Über den Carsharinganbieter, der das Fahrzeug per GPS ortete, fand ich heraus, dass das Auto in einer ganz anderen Ecke der Stadt abgestellt war. Dennoch befand sich der Autoschlüssel in meiner Hosentasche. Auf dem Weg zum Auto befürchtete ich Schlimmes und konnte auch nicht sicher ausschließen, dass wir das Auto im Drogenrausch nicht vielleicht doch zu Schrott gefahren hatten und die mir gegebene Adresse möglicherweise ein Schrottplatz oder der Parkplatz beschlagnahmter Fahrzeuge der Polizei Leipzig war. Ein glücklicher Fehlalarm! Ich fand das Auto unversehrt und perfekt rückwärts eingeparkt mitsamt meines Hausrates an der georteten Adresse vor. Das Gefühl in diesem Moment war ziemlich geil und es Erleichterung zu nennen wäre in diesem Fall wohl ein schweres Understatement.

Ich stellte fest, dass Liam im Verlauf des Tages mehrmals versucht hatte mich über Instagram zu erreichen. Eine Nachricht enthielt auch den Standort des eben wieder gefundenen Mietwagens. Von diesem Moment an waren Liam und ich Bros und unterstützten uns gegenseitig bei der Wohnungssuche und er mich mitunter auch materiell, da ich gerade wie beschrieben arbeitslos und broke bin.

Ihr fragt euch wohl bestimmt schon, was das alles mit Leipzig zu tun hat und warum ich persönlich der Meinung bin, dass die sächsische Stadt aktuell mehr zu bieten hat als das overhypte Berlin. Was ich nach einem Monat in Leipzig bereits feststellen kann, ist, dass es dort echt verdammt cool ist und die Stadt viel zu bieten hat. Nicht nur, dass Wohnraum hier etwa für die Hälfte dessen zu haben ist, was ihr in Berlin für Vergleichbares bezahlt werden müsste – aus zwei sauren Zitronen wurde eine süße Limette. Auch die Leute sind auffallend echt, zugänglich und unprätentiös. Hinzu kommt, dass es in Leipzig als Kreativschaffender deutlich einfacher ist, aus der Masse talentierter Leute herauszustechen. Außerdem kann man sich hier ein Netzwerk aufbauen und sich durch gute Arbeit künstlerisch etablieren. Bevor ich das erste Mal in einem Berliner Club auflegen durfte, musste ich über viele Jahre auf geschätzt 1000 privaten Afterparties umsonst auflegen. Hier wurde ich nach einer Woche in der Stadt direkt in eine Veranstaltungscrew aufgenommen und darf seitdem mit tollen und talentierten Leuten zusammenarbeiten. Auch in anderen ideenreichen Bereichen wie der freien Kunst oder auch in Schauspiel und Theater ist es hier deutlich leichter, sich einen Namen zu machen.

Liam hat mittlerweile eine eigene schöne Wohnung gefunden. Zu einem günstigeren Preis als das, was er in Amsterdam für ein Loch in einer Waschküche bezahlt hat. Ich penne gerade noch auf einer Couch in der Küche bei sehr nicen Leuten und habe durch Liam angefangen, mit einem digitalen Synthesizer, den er aus Neuseeland mitgebracht hat, live aufzulegen, und habe vor, in die Produktion elektronischer Musik einzusteigen. In diesem Sinne: Give Leipzig a try!

*RC´s werden häufig als legaler Ersatz für illegale Substanzen (wie z.B. für Ecstasy) vermarktet.

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