Wien, der Terroranschlag und ich

Es ist 20:46. Auch über eine Woche später weiß ich das noch genau. Ich telefoniere mit einer Freundin, weil wir uns verabredet hatten, noch etwas trinken zu gehen. Um nachzusehen, wie wir am besten fahren, blicke ich noch mal auf mein Handy. Eine Push-Benachrichtigung bricht meinen Gedankengang ab. Schusswechsel am Schwedenplatz, keine 200 Meter von mir entfernt. Ich laufe aus dem Zimmer zu meiner Mitbewohnerin. Noch immer am Telefon gehen die Gespräche durcheinander und wir legen auf. Meine Aufmerksamkeit wechselt zwischen den Nachrichten, Twitter und meinen Mitbewohner:innen. Dann erinnere ich mich an einen Knall, den ich vor etwa 45 Minuten gehört hatte. In der Stadt nimmt man so etwas kaum wahr, ich dachte, da wäre was auf einer Baustelle umgefallen. Jetzt weiß ich, dass es etwas anderes war.

Die nächsten Stunden verlaufen chaotisch. Der tatsächliche Ernst der Lage fällt mir schwer zu fassen, aber ich weiß, dass er da ist. Angst verspüre ich keine. Ich fühle mich sehr sicher, auch wenn sich die Situation in unserer unmittelbaren Nähe abspielt. Aber ich spüre, dass es den meisten nicht so geht. Es ist ein komisches Gefühl, fühlt sich irgendwie falsch an — sollte ich nicht Angst haben? Ich bin auch froh darüber, einen klaren Kopf bewahren zu können. So kann ich für andere da sein. Wir sitzen zusammen in der WG am Boden und kümmern uns um einander. Parallel klappere ich meinen Freundeskreis ab, Nachrichten von der Familie trudeln ein. Aber da die meisten nicht in Wien wohnen, merke ich, dass sie gerade in einer komplett anderen Welt sind.

Konstant checke ich, ob es neue Nachrichten gibt. Die Ereignisse überschlagen sich, und wo am Anfang ein Schusswechsel stand, hat man nun den Eindruck, die ganze Stadt stehe unter Beschuss. Ich erzähle nicht alles meinen Mitbewohner:innen, weil ich weiß, dass die Information nicht jedem guttun würde. Angst habe ich noch immer keine und es fühlt sich noch seltsamer an. Aber ich beginne etwas anders zu spüren. An oberster Stelle in meinem Herzen fühle ich eine Mischung aus Erleichterung und Bangen um die Menschen, die mir am nächsten stehen. Doch darunter sorge ich mich um jeden Menschen dieser Stadt.

Das ist unerwartet. Ich würde mich als Philanthropin beschreiben. Ich finde Vorurteile doof und auch wenn ich es selbst nicht immer schaffe, ist es mir wichtig, Leuten offen zu begegnen, und das schließt jede Person ein, die ich auf der Straße treffe. Und trotzdem lebt jede hier ihr eigenes Leben. Wir wohnen in unterschiedlichen Bezirken, sind unterschiedlich alt, studieren oder nicht, arbeiten oder nicht, haben Kinder, Partner:innen, Freund:innen oder gehen für uns selbst durch den Tag. An einem Abend wie heute würde ich vielleicht mit Freunden etwas trinken gehen, andere auf der Couch eine Serie schauen, manche wollen alleine spazieren gehen. In unseren Köpfen tummeln sich die unterschiedlichsten Gedanken; was wir in der Arbeit nicht vergessen dürfen, der Streit mit Mama, die Geschichte, die wir als Nächstes erzählen wollen, oder der Typ am Nebentisch, den ich eigentlich ganz süß finde.

Heute ist das nicht so. Wir sitzen zuhause, in Kinos, bei Freunden oder im Restaurant unter dem Tisch und denken alle an das Gleiche. Das spüre ich. So doof es klingen mag, ich spüre, wie eine gewisse Energie uns alle verbindet, indem sie uns alle gleich macht. Neben mir poppen auf meinem Handy ununterbrochen neue Nachrichten aus diversen Uni-Whatsapp-Gruppen auf. Neben der Frage, ob es eh allen gut geht — was ich in einer anonymen Gruppe mit 250 Leuten trotzdem sinnlos finde — beginnen Studierende, ihre Adressen zu posten. Das finde ich ebenfalls bedenklich: Again, 250 Leute, die man nicht kennt und außerdem potenziell frei laufende Gewalttätige; aber es rührt mich. In einer Situation unglaublicher Grausamkeit zeigt die Masse, dass das eine Ausnahme ist. Das die anderen einem eben nicht egal sind. Und, dass wir alle zusammengehören. Wir sind alle Wiener:innen und das ist, was zählt.

Illustrationen: Sofia

All diese Gedanken und Gefühle, die mich unvorbereitet wie in einem Wirbelsturm mitnehmen, sind sehr anstrengend. Ich weiß, dass viele eine schlaflose Nacht vor sich haben, viele noch Stunden warten müssen, bis sie nach Hause können, die sich fürchten, im Dunkeln mit ihren Sorgen und Ängsten alleine gelassen zu werden. Doch ich will einfach ins Bett. Dieser Abend wird uns noch länger begleiten, das ist klar. Ein Grund mehr, ihn früher zu beenden. Meine Mitbewohnerin und ich legen uns zu mir ins Bett und sehen uns eine Serie an. Sie hat eine unruhige Nacht vor sich, ich schlafe augenblicklich ein.

Der nächste Tag ist so ruhig, dass es auffällt. Die Stille sitzt der ganzen Stadt in den Knochen, wie der Schock, den sie letzte Nacht erfahren hat. Unsere Routine scheint gleich wie an jedem anderen Tag, aber es ist offensichtlich, dass es das nicht ist. Wir frühstücken, ohne viele Worte zu wechseln und setzen uns an unsere Arbeit. Mich zieht es nach draußen. Ich will sehen, wie es aussieht. Ich will spüren, wie es sich anfühlt. Doch ich habe das Gefühl, dass ich das nicht sollte. Ich könnte die Arbeit der Polizei behindern oder sensationsgeil wirken, ich habe das Gefühl, dass manche sogar meinen, es wäre gefährlich. Ich gehe trotzdem hinaus.

Auf den Straßen ist es noch ruhiger. Herumzuspazieren fühlt sich ein wenig verboten an. Der erste Bezirk wirkt wie eine frische Wunde, sie zu betreten macht mir Angst, ich könnte sie verschmutzen. Die Neugier ist stärker. Ich gehe weiter herum und lasse die Szene auf mich wirken. Alles wirkt anders, irgendwie fremd, obwohl ich diese Straßen schon tausende Male entlanggegangen bin. Überall stehen Polizist:innen, bis an die Zähne bewaffnet und bilden eine Mauer um das abgesperrte Gebiet. Ich habe noch nie so viele Gewehre gesehen. An einem anderen Tag hätte ich wohl geglaubt, ich betrete ein Filmset, an dem ich nicht sein dürfte.

Es sind aber mehr Leute draußen als gedacht, alle wohl aus demselben Grund wie ich. Man grüßt sich mit einem andächtigen, aber verstohlenen Blick. Ein Auto fährt langsam an der Kette an Polizist:innen vorbei. Plötzlich bleibt es stehen. Eine Frau beugt sich darin nach vorne und beginnt, sich zu bedanken für die tapfere Arbeit, die sie gestern Nacht geleistet haben. Eine Szene, wie man später in den Nachrichten lesen würde.

Auch sonst herrscht in der Stadt eine veränderte Stimmung. Mein Mitbewohner Alex schreibt auf Facebook: „Ich fahr heute mit dem Rad durch die Stadt und beef mich mit einem Typen, weil der mit seinem LKW auf dem Radweg geparkt hat und ich deswegen gegen die Einbahnstraße gefahren bin. Wir merken, dass wir uns nicht einig werden und verabschieden uns mit “hab an schönen Tag, stay safe”. Ich bin schon aufgewühlt wegen gestern und muss das Ganze erst einmal ein bisschen verdauen, aber ich merke auch, dass ich mich meinen Mitmenschen heute näher fühle als sonst. Irgendwie schön, es passiert was oages aber man erlebt es gemeinsam und passt aufeinander auf. Nice Stadt, nice Menschen!

Ein Amoklauf ist leider nicht nur ein Angriff auf die Personen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind — als wäre das nicht schon genug — sondern ein Angriff auf eine ganze Stadt, ein Land, eine Gesellschaft. Und dadurch spürt sie schlagartig, wer sie ist und welche Einheit sie bildet. Und ihr könnt alle sagen, wie unfreundlich der Wiener sind und dass alle hier auf einander scheißen, ich kann euch wienerisch entgegnen, dass das ein Schmarrn ist! Wenn es hart auf hart kommt, ist es keine Frage, dass wir füreinander da sind. Und ich glaube, das wird uns stärker in Erinnerung bleiben, als der Rest dieser Nacht.

Dieser Text erschien zuerst auf dieverpeilte.

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