Die Fotografie begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Auf meinen ersten Fotos bin ich gerade mal ein paar Stunden alt. Seitdem gibt es von jedem meiner Lebensjahre mindestens ein liebevoll gestaltetes Fotoalbum. Wer sich die Mühe gemacht hat? Mein wundervoller Opa. Er war es auch, der mir mit fünf Jahren meine erste Analog-Kamera schenkte. Von da an fertigte ich im Minutentakt künstlerisch fragwürdige Fotografien meines Bruders und unserer Wohnung an. 

Trotz meiner Liebe zur Fotografie und der Tatsache, dass ich zwischen meines zwölften und 19. Lebensjahrs die Kamera nicht aus der Hand legte, zog ich über all die Jahre nie in Betracht, das ganze beruflich weiter zu verfolgen. Stattdessen fand ich mich mit 20 in einem Studiengang wieder, der sich „Gesundheitswesen“ schimpft. Wie man dem Wort entnehmen kann, ist dieser nicht wahnsinnig kreativ. Dafür aber krisensicher. Leider interessiert meine Motivation nicht, ob etwas krisensicher ist. Meine Motivation denkt lediglich an Spaß. Nicht mal ein Semester habe ich studiert. Dann war nicht nur meiner Motivation, sondern auch mir klar: Die ganzen Zahlen, das ganze technische und faktische Gerede über Krankenhäuser und Krankenkassen ist – oh Wunder – nicht meine Welt.

Es musste also eine Alternative her – und zwar schnell – denn zu Hause sitzen und auf die Erleuchtung warten, während ich die Füße hochlege, war keine Option (zumindest für meine Eltern nicht). Fünf Bewerbungen und drei Vorstellungsgespräche später hatte ich meinen Ausbildungsplatz bei einer Krefelder Fotografin sicher. Endlich hatte meine Motivation wieder festen Boden unter den Füßen.

Heute erfüllt mich nichts mehr als mein Beruf. Nach meiner dreijährigen Ausbildung hatte ich die Chance, mich nebenbei selbstständig zu machen. Von da an war klar: Wenn ich eins machen möchte, dann Boudoir-Fotografie. Die wunderschönen, einzigartigen Seiten einer Frau festzuhalten, ist meine absolute Passion. Es ist das, was ich gut kann. Das, was mich zutiefst erfüllt und wo Arbeit plötzlich keine Arbeit mehr ist. 

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Foto: Annika Luise

In unserer Gesellschaft ist es nicht immer einfach, zu sich zu stehen und sich und seinen Körper anzunehmen, wie er ist. Ich bin schlank und groß und gehöre damit nicht zu den Frauen, die für ihr Äußeres an den Pranger gestellt werden. Trotzdem kämpfe ich seit dem Jugendalter mit mir und meiner Selbstwahrnehmung. Ich traute mich lange nicht, kurze Hosen zu tragen. Ich war ungern im Schwimmbad und beim Sex ließ ich gerne das Licht aus. Alles, weil ich das Gefühl hatte, meine Oberschenkel seien zu dick, meine Cellulite abstoßend und unattraktiv. Unerreichbare Schönheitsideale wie glatte Haut, keine Körperbehaarung oder Fettpölsterchen und wenig Falten säumen die Werbung und Social Media. Das beeinflusst unser Denken – auch meins und das der meisten Frauen, die ich bisher kennenlernte oder fotografierte.

Vor jedem meiner Fotoshootings frage ich meine Kundinnen, was sie am meisten an sich und ihrem Körper lieben. Die meisten geben mir schnell zu verstehen, dass sie eher zehn Dinge aufzählen könnten, die sie nicht mögen, als ein paar wenige Punkte, die sie lieben. Völlig unabhängig davon, wie sie aussehen, haben sie eine Gemeinsamkeit: eine Unsicherheit in Bezug auf ihren Körper. Mal sind es die Arme, mal die Beine. Manchmal ist es der Po, manchmal die Brüste. Für andere ist es der Bauch oder die Haare. Mit meiner Art der Fotografie möchte ich Frauen wieder einen Teil ihrer Stärke zurückgeben. Ihnen zeigen, dass sie nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen müssen, um sich schön und attraktiv fühlen zu dürfen. Deutlich machen, dass Weiblichkeit keine Schwäche ist und wir alle – ALLE – unperfekt sind und dieses Unperfektsein uns wunderschön und einzigartig macht.

Eine Geschichte ist mir besonders im Kopf geblieben. Eine junge Frau buchte 2019 ein Fotoshooting bei mir. Sie war unglaublich herzlich, hatte eine schöne, fülligere Figur, ein wunderschönes, natürliches Gesicht, ein tolles Lachen und eine freche, coole Frisur. Sie sah in meinen Augen einfach klasse aus – und dennoch zweifelte sie an sich. Das Fotoshooting machte unglaublich viel Spaß und die Bilder sind toll geworden. Nachdem sie die Fotos erhielt, schrieb sie mir ein ehrliches und herzliches Feedback: „(…) Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich jemals selbst so schön finden würde, in meiner reinsten Form, mit jedem Röllchen und jeder Delle. (…) Du hast wirklich dazu beigetragen, dass ich meinen Körper mehr liebe.“

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Foto: Annika Luise

Das sind die Momente, für die ich arbeite. Für die ich auch gerne sonntags am Rechner sitze und mehr als nur ein Fotoshooting anbiete. All das, was ich im Laufe der Jahre für andere Frauen tat, taten genau diese auch für mich. Nach und nach verlor ich die Angst davor, mich verletzlich zu zeigen. Plötzlich war da keine Scham, wenn ich in den Spiegel schaute und meine Cellulite sah. 

Ab dem Moment, wo sich mir Frauen durch meine Arbeit so verletzlich zeigten und im wahrsten Sinne des Wortes ihre Hüllen fallen ließen, war auch ich bereit, hinter meine eigene Fassade zu schauen. Meine Überzeugungen zu hinterfragen. Lasse ich mich wirklich davon abhalten, ins Schwimmbad zu gehen, weil ich Cellulite habe? Schwitze ich im Sommer wirklich lieber, als die kurze Hose anzuziehen? Weil ich zu dicke Oberschenkel habe? Will ich beim Sex vor dem Ausziehen aufspringen und zum Lichtschalter sprinten, damit bloß keiner meine Makel sieht? Bestimmt nicht.

Diese ganzen Frauen haben mir gezeigt wie schön es ist, nicht makellos und perfekt zu sein. Es lohnt sich nicht, wegen unserer Unsicherheiten so viel an Lebensqualität einzubüßen. Mein größter Wunsch ist es, mit meiner Arbeit so vielen Frauen wie möglich zu zeigen, was für wunderschöne, tolle und einzigartige Geschöpfe sie sind. Wie stark sie sind, wie inspirierend, wie mutig. Ich wünsche mir, dass jede Frau erkennt, was für eine unglaubliche Kraft in ihr steckt und wie wertvoll sie ist. Voller Liebe. Boudoir-Fotografie vereint all das für mich – Verletzlichkeit, Selbstbewusstsein, Stärke, Weiblichkeit. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich in diesen Bildern am besten ausdrücken kann.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Autorin: Annika Luise
Foto: Fredda Weiler

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