Es ist ein warmer Frühlingstag und ich stehe mal wieder verzweifelt vor dem Spiegel. Was ziehe ich heute an? Blasse blaue Augen wandern langsam von unten nach oben, bis mich meine Kopie direkt anschaut. Der Blick durchdringt mich und ich verfalle in eine Starre. Das bin ich. Das ist es, was andere sehen. Sie sehen meine kleine Nase und meine blonden Haare. Sie sehen die Muttermale in meinem Gesicht und die kleine weiße Narbe auf meiner Unterlippe. Was sie jedoch nicht sehen, ist die Unsicherheit, die sich hinter meinen Augen verkriecht. Jene Unsicherheit, die mich trotz des angenehmen Wetters den Pullover wählen lässt, in dem ich mich einfach wohler fühle. Ein letztes Nicken in den Spiegel und ich gehe los.

Wie fast jeden Tag folge ich meinem gewohnten Rundgang durch das Eigelstein-Viertel in Köln. Ich lächle dem Kioskbesitzer von nebenan zu und laufe zügig unter der S-Bahn-Brücke hindurch, um möglichst keiner Taube zu begegnen. Das Viertel ist zur Mittagszeit relativ ruhig. Bei Mangal Döner steht meist eine Schlange, aber sonst begegnen mir nicht viele Menschen auf dem Weg zu meinem Stammcafé am Eigelsteinplatz.

An meinem Ziel angekommen, bestelle ich meinen geliebten Iced Coffee und setze mich wie so oft mit einem Buch bewaffnet auf die Bank. Während ich meinen Kaffee trinke, beobachte ich die Menschen um mich herum. Manche laufen geschäftig mit einem Handy am Ohr oder mit Tüten unter den Armen an mir vorbei, während andere, ähnlich wie ich, den Tag genießen.

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Foto © Lea May

Meine Gedanken schweifen von den anderen zu mir selbst und zu meiner täglichen Routine. Einer Routine, die für mich so normal geworden ist, dass ich die unnormalen Dinge, die mir ebenfalls tagtäglich widerfahren, verdränge. Dinge wie das unangenehme Zwinkern des Kioskbesitzers von Gegenüber. Wie seine Blicke sich in meinen Rücken bohren, wenn ich durch den Taubentunnel laufe. Das Pfeifen, das mir aus der Mangal Döner-Gasse entgegenschallt und mich schneller laufen lässt. Die durchdringenden Blicke der beiden alten Männer, die auf der gegenüberliegenden Bank sitzen und mich mit ihren Augen verschlingen. Auch wenn es nur Laute, Worte oder Blicke sind, fühle ich mich von ihnen belästigt. Sie stören mich und meine Gedanken und es fühlt sich an wie ein Kampf um meine Aufmerksamkeit, dem ich mich täglich stellen muss. Dieser Kampf reißt mich aus meinen Gedanken, raubt mir meine Konzentration und zieht Energie, die ich nicht habe – die ich nicht aufbringen kann und auch nicht will. Nicht für Menschen, die mir nichts bedeuten.

Während ich so dasitze und denke, wird mir klar, dass meine alltägliche Routine von Belästigung geprägt ist und ich blende diese adaptiv aus. Dieser Prozess hat sich schon vor langer Zeit in mein Leben geschlichen und wurde für mich zu einer beängstigenden Normalität, in der ich diese Erlebnisse automatisch ausblende. Ich laufe mit einer selektiven Wahrnehmung durch die Welt, um mich nicht ständig unwohl zu fühlen. Wenn sich das Unwohlsein in meinen Körper schleicht, spüre ich es in jeder Faser meines Körpers. Es fühlt sich an, als stünde mein Körper unter Strom und jede meiner Bewegungen, sei sie noch so klein, ist mir kläglich bewusst. Ich höre meinen Herzschlag, wie er immer schneller wird und ich fühle den leichten Schweißfilm in meinem Nacken. Meine Nervenzellen senden alle auf Knopfdruck ein Signal aus: Flucht. Ich möchte fliehen. Aus meinem Körper, aus dieser Situation. In meinen Gedanken stehe ich wieder vor dem Spiegel. Verlorene Augen blicken mir entgegen. Es ist nicht nur die Angst, die meine Aufmerksamkeit beansprucht, sondern auch ein stummer Hilferuf, der sich seinen Weg zu meiner Kehle bahnt. Um dieses Gefühl zu bewältigen, wandert mein Zeigefinger an seinen allzu vertrauten Ort – der Innenseite meines Daumens. Dort verharrt er und kratzt an der dünnen Haut, bis die Haut nur noch einer rauen Straße gleicht. Das leichte Pochen, ausgelöst durch den Schmerz, beruhigt mich. Mein Herzschlag wird langsamer. Ich fühle mich wie ein Luftballon, dem alle Luft entwichen ist. Eine Hülle wie die, die ich jeden Morgen im Spiegel sehe – leer.

Selbst das antrainierte Lächeln, das ich dem Kiosk Besitzer schenke, erscheint mir in diesem Moment nur wie eine schwächliche Angstreaktion. Wenn ich lächle, wird er schon nett sein – hoffentlich. Es ist schwierig, den schmalen Grat zwischen zu viel und zu wenig Aufmerksamkeit zu finden. Wenn ich ihn ignoriere, weiß er, dass es mich stört. Aber ich will nicht, dass er denkt, sein Verhalten würde bei mir so etwas wie Verunsicherung auslösen. Diese Macht möchte ich ihm nicht geben. Insbesondere weil sein Kiosk schließlich nur 20 Meter von meiner Wohnung entfernt ist.

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Foto © Lea May

Versunken in meinen stolpernden Gedanken verfalle ich wieder meiner eigenen Hilflosigkeit. Die Männer schauen mich immer noch an und ich sitze immer noch einfach da. Ich sitze und schweige. Aber ich beobachte auch. Ich frage mich, ob diese runzeligen Männer mit den weißen Haaren merken, dass ich mich unwohl fühle. Es gibt viele Momente, in denen ich mich in die Rolle der Beobachterin versetze, der Analytikerin. Ich habe mich schon immer gefragt, was Menschen insgeheim denken. Lächeln sie wirklich oder ist da ein anderes Gefühl, das sie diese Freundlichkeit vortäuschen lässt, so wie bei mir und dem Kioskbesitzer? Bei den Männern ist es nicht schwer zu erahnen, was sie denken. Es steht ihnen ins Gesicht geschrieben – Gier. Ihr wahrscheinlich von Langeweile geplagtes Leben kann man in ihren müden Augen erkennen, die von blütenartigen Faltenblättern umgeben sind. Ihre Mundwinkel sind verzückt nach oben gesprungen, nachdem Sie festgestellt haben, dass ich sie verstohlen mustere. In diesem Moment senke ich erneut meinen Blick, sie sollen nicht auf die Idee kommen, ich würde ihre ungewollte Aufmerksamkeit genießen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich verabscheue sie.

Ich stehe nicht auf, um ihnen zu sagen, wie unwohl ich mich fühle, aber ich gehe auch nicht weg. Weil, wenn ich gehen würde, würde ich fliehen und das ist keine Option für mich. Ich war schon immer ein sehr starker Mensch und diese Stärke möchte ich mir nicht nehmen lassen – sie ist ein Teil von mir. Und niemand, kein lächelnder Kioskbesitzer und kein geistloser Anmachspruch kann mir das nehmen. Also bleibe ich verbissen sitzen. Es ist wie ein stiller Kampf, den ich alleine kämpfe, da die Männer meine tosenden Gedanken und meine unsicheren Gefühle nicht kennen.

Selbst wenn sie diese hören könnten, hätten Sie wahrscheinlich kein Verständnis dafür. Genau in diesem umgekehrten Schuldverständnis liegt das Problem. Ich sollte nicht meine Wahrnehmung und meine Kleidung ändern müssen, sondern Männer ihr Verhalten. Es scheint fast so, als seien manche Männer noch zu sehr in ihrem prädestinierten genetischen Animalismus gefangen, als dass ihr Verstand ihnen einen respektvollen Umgang einbläuen könnte.

In der heutigen Zeit werden anzügliche Gesten, Kuss- und Pfeifgeräusche oder übergriffige Komplimente wie „geiler Arsch“ oder „Hübsche komm mal her“ als Catcalling bezeichnet. Catcalling gehört zu dem Alltag vieler Frauen und dennoch gibt es keine Art von strafrechtlicher Verfolgung oder Konsequenzen für die Täter. Laut einer Umfrage der Foundation for European Progressive Studies haben 40 Prozent der Frauen in Deutschland schon Belästigungen auf der Straße wie Sprüche, Witze, sexistischen Beleidigungen oder sexuelle Gesten erlebt. Mein Gefühl sagt mir, es sind weit mehr.

Mitten in diesem Gefühl schleicht sich eine Frage in meinem Kopf: Stehen auch Männer verzweifelt vor dem Spiegel mit der eigenen Unsicherheit im Nacken? Fragen auch sie sich, welches Outfit weniger Aufmerksamkeit auf sich lenkt? Haben auch sie Angst vor falschen Komplimenten?

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Foto © Lea May

In diesem Moment treffe ich eine Entscheidung. Mein Blick, der zunächst fest auf das Cover meines Buches gerichtet war, hebt sich und zielt mit einer tiefen Entschlossenheit in die überraschten Augen der Männer. Ich schaue Sie an – nicht freundlich und auch nicht mit einem Lächeln im Gesicht. Ich starre, so wie sie gestarrt haben. Diese Runde möchte ich gewinnen. Die Männer gehen und ich schlage endlich mit einem zufriedenen Grinsen mein Buch auf. Aus diesem Duell gehe ich als Siegerin hervor und ich habe nicht vor, jemals wieder zu verlieren.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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