Warnung: Dieser Text enthält Schilderungen von sexuell übertragbaren Krankheiten.

Sich testen lassen. Eine Aktivität, die sich vollkommen in meinen Lebensablauf integriert hat. Mir mehrmals die Woche ein Stäbchen in die Nase zu stecken oder in ein Röhrchen zu spucken gehört für mich zu den normalsten Dingen der Welt. Doch „du solltest dich testen lassen“, ist eine Nachricht, die ich trotzdem nicht erwartet hatte. Es geht nämlich nicht um Lungen, sondern Geschlechtskrankheiten. Mein erster Gedanke: Ach nein, bitte nicht das. 

Obwohl ich weiß, dass das kein Weltuntergang ist, trifft mich der Schreck mitten in der Magengrube. Wie ein ekelhafter Geruch nach einer durchzechten Nacht. Gedanken und Gefühle überschlagen sich. Ich bin peinlich berührt und schäme mich, überlege, ob trotz Kondom etwas passiert sein könnte und habe vor allem keine Ahnung, was das jetzt bedeutet. 

Chlamydien. Alles, was ich darüber weiß, ist, dass es sich um eine sexuell übertragbare Krankheit handelt und dass der Name wie Chamäleons klingt. Ich versuche meine Gedanken zu sortieren. Ich merke, dass die Angst, die ich gerade fühle, von zwei Dingen ausgelöst wird: Tabu und Unwissen. 

Kaum etwas ist so stigmatisiert wie Geschlechtskrankheiten oder auch STIs für sexually transmitted infections. Erst mal eine Krankheit und dann auch noch da unten — wäh. Dabei handelt es sich hierbei einfach um Erreger wie alle anderen. Wenn ich verschnupft jemandem die Hand schüttle, kann ich ebenso jemanden anstecken wie beim Sex. Nur das es mir im ersten Fall bestimmt weniger peinlich wäre.

Dieses Tabu ist schuld an meinem Unwissen. Denn worüber man nicht spricht, darüber informiert man auch nicht. Das ist ein großes Problem. Es führt nicht nur dazu, dass viele Leute nicht lernen, wie man sich vor diesen Krankheiten richtig schützt, sondern auch, dass sie oft nicht diagnostiziert werden. Einerseits, weil viele Krankheiten kaum Symptome zeigen, andererseits weil Testmöglichkeiten nicht ausreichend verbreitet sind. Dafür die Krankheiten. Die WHO geht davon aus, dass sich jährlich über 370 Millionen Menschen mit STIs anstecken, also mehr als eine Million pro Tag. Und während die Krankheiten selbst bis auf HIV und Herpes heilbar sind, kann eine unentdeckte Infektion schwerwiegende Folgen wie Unfruchtbarkeit oder Krebs hervorrufen.

So auch Chlamydien — bleiben sie unentdeckt, können sich sowohl bei Frauen, als auch Männern die inneren Geschlechtsorgane entzünden und nachhaltig geschädigt werden. Ich habe mich in der Zwischenzeit informiert. Wird die Infektion früh diagnostiziert, ist sie meist harmlos. Chlamydia trachomatis ist ein Bakterium, das über ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen werden kann. Dazu zählt penetrativer Sex ohne Kondom, aber auch Oralverkehr. Tja, daran habe ich natürlich nicht gedacht. Nach einer Inkubationszeit von ein bis drei Wochen können sich erste Symptome zeigen. Zum Beispiel ein häufiger Harndrang, Schmerzen oder Probleme beim Urinieren und besonders bei Frauen: ungewöhnlicher Ausfluss. In vielen Fällen treten jedoch keine Symptome auf. Daher hilft zur Bekämpfung der Krankheit nur eines: regelmäßiges Testen. Eine beruhigende Nachricht gibt es aber auch. Einmal entdeckt ist die Krankheit mittels eines einfachen Antibiotikums für beide Partner:innen schnell zu behandeln.

Beim Gedanken an die ganze Sache werde ich immer noch etwas nervös, aber durch meine Recherche fühle ich mich viel sicherer. Am meisten Angst hat man eben vor den Dingen, die einem unbekannt sind. Ich werde ein bisschen wütend auf unser Bildungssystem. Wenn Schulen und Ausbildungsorte besser aufklären würden, hätte ich mir den ersten Stress bestimmt erspart.

Mehr Wissen bedeutet auch meist weniger Tabu, was mir einen Teil meiner To-do-Liste erleichtern würde: Die Du-solltest-dich-testen-lassen-Nachricht an meine letzten Sexualkontakte. Unangenehm. Aber ich versuche, mir gut zuzureden. Denn eigentlich fand ich es selbst überhaupt nicht schlimm, die Nachricht zu bekommen. Im Grunde sind Chlamydien keine schlimmen Erreger und die Behandlung ist schmerzlos und unkompliziert. Es ist weder irgendwie ekelhaft, noch konnte mein Gspusi etwas dafür. So etwas kann bei Sex immer passieren, selbst wenn man vorsichtig ist. Falls das nun jemand bei mir nicht so sehen kann und schlecht reagiert, wäre es mir nicht schade um diese Person.

Nachdem ich das für mich geklärt habe, kommt der entscheidende Punkt. Denn ob ich die Krankheit tatsächlich habe, weiß ich ja noch gar nicht. Dafür muss ich mich nun testen lassen. Mir stehen zwei Möglichkeiten offen: Hausärzt:in und Gynäkolog:in oder eine öffentliche Einrichtung. Da ich gerade in Berlin und somit nicht zuhause bin, fällt Ersteres flach. 

Zu den öffentlichen Einrichtungen zählen die Gesundheitsämter, die es in Deutschland in jeder größeren Stadt gibt. Je nach Land ist die Testung dort sogar kostenfrei und anonym. In Österreich gibt es Stellen wie die AIDS-Hilfe oder das Pilzambulatorium in Wien, wo Testungen durchgeführt werden. Der HIV-Test ist immer kostenfrei. Bei anderen Krankheiten und auch bei Testungen durch Ärzt:innen in Österreich und Deutschland sieht es nicht so fortschrittlich aus. Offiziell werden sie von der Krankenkasse nur übernommen, wenn ein konkreter Verdacht besteht — also man entweder Symptome vermutet oder von jemandem infiziert worden zu sein. Ob das tatsächlich der Fall ist, kann aber nicht überprüft werden. Das heißt, wenn man krankenversichert ist, ist es möglich sich kostenfrei testen zu lassen.

So stehe ich nun in Berlin Kreuzberg vor dem Gesundheitsamt. Das Haus sieht nicht besonders einladend aus, deshalb denke ich nicht lange nach und steige schnell die Treppen hoch. Die braunen Geländer und die pastellgelben Wände erinnern mich an ein altes Schulgebäude. Im zweiten Stock sehe ich, was wohl ein Wartezimmer sein muss und einige verschlossene Türen. Ich muss ein wenig verwirrt wirken, denn eine vorbeigehende Frau spricht mich an und zeigt mir schließlich die Tür zum Empfang. 

Abgesehen von der Innenarchitektur ist das Amt absolut vorbildlich. Alle Leute wirken so offen und freundlich, dass ich das Gefühl habe, etwas ganz Alltägliches zu tun. Die Frau bei der Anmeldung erklärt mir, dass alle Testungen sowohl gratis als auch anonym sind — egal ob krankenversichert oder nicht. Ich bekomme also einen Rundum-Check. Sie drückt mir ein Formular in die Hand. 

Das ist der erste Schritt von drei. Ich beginne die üblichen medizinischen Angaben wie Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen — auch sexuelle — und Medikationen auszufüllen. Als Nächstes gebe ich meine sexuelle Orientierung an und eine Einschätzung, wie viele Sexualpartner:innen ich über das letzte Jahr hatte. Eine Checkliste fragt mich, wieso ich hier bin. Routine? Verdacht? Symptome? Andere? Dann kommt der wichtige Teil. Sogenannte Risikosituationen. Hier wird gefragt, ob ich ungeschützten Sex hatte, ob das Kondom gerissen ist, ob ich Röhrchen oder Spritzen geteilt habe, et cetera. Und wann so etwas das letzte Mal passiert ist.

Ein paar Minuten, nachdem ich das Formular ausgefüllt habe, kommt Gabriel zu mir. Er ist Sozialarbeiter und dafür zuständig, mit mir noch ein Gespräch zu führen, bevor ich zur Testung komme. Das ist der zweite Teil. Ich folge ihm in sein Büro im ersten Stock. Er ist ein junger Mann, ein paar Jahre älter als ich und mir sofort sympathisch. Ich schildere ihm meine Situation. Ein Partner von mir wurde mit Chlamydien diagnostiziert und ich sollte mich daher auch testen lassen. Kondom haben wir benutzt, aber man weiß ja nicht. Er gibt mir im Austausch einen Crashkurs in sexueller Gesundheit. 

Einige Dinge weiß ich schon, andere nicht. Mindestens einmal im Jahr sollte man sich auf alle Krankheiten testen lassen. Bei mehr als zehn Sexualpartner:innen öfter. HIV wird mittels einer Blutprobe getestet. Hier ist wichtig, dass dieser Test erst sechs Wochen nach Übertragung positiv anschlägt. Hatte man also innerhalb dieser Zeit eine Risikosituation, sollte man nach ein paar Wochen einen zweiten Test durchführen. Gonokokken, auch unter Gonorrhö oder Tripper bekannt, und Chlamydien sind Bakterien, die von einem Abstrich bestimmt werden. Beide sind mit einem Antibiotikum behandelbar. Hepatitis ist eine Leberentzündung und wird anhand einer Blutprobe getestet. Gegen A und B ist es dringend empfohlen, sich impfen zu lassen, die Kosten werden in Deutschland von der Krankenkasse übernommen. Gegen Hepatitis C gibt es keine Impfung. Hepatitis kann auch durch das Teilen von Röhrchen oder Spritzen beim Drogenkonsum übertragen werden. Das solle ich bitte nicht machen. Syphilis wird ebenfalls über das Blut getestet, aber nur bei konkretem Verdacht.

Das Gespräch dauert nicht lange und trotzdem habe ich einiges gelernt. Ich lasse Gabriel noch meine E-Mail-Adresse da, um ihm für diesen Text ein paar Fragen zu stellen. Dann schickt er mich wieder in den Warteraum. Von dort werde ich abgeholt und in den Untersuchungsraum nebenan gebracht. Wieder erzähle ich der Ärztin meine Situation. Ich lerne wieder etwas Neues, denn sie sagt mir, dass Mädchen unter 25 Jahren Chlamydientests eigentlich nur bei Ärzt:innen machen können. Da ich aber nicht in Deutschland wohne, macht sie eine Ausnahme. 

Nun der medizinische Teil. Blut abnehmen, Abstrich machen. Alle, die schon mal bei dem:r Gynäkolog:in waren kennen das. Geht schnell, tut nicht weh. 

Ich verlasse das Gesundheitsamt mit einem Gefühl der Erleichterung. Mein Teil der Arbeit ist getan. Bis ich die Ergebnisse bekomme gibt es für mich nichts mehr zu tun und keine Entscheidungen zu treffen. Dann muss ich entweder Medikamente nehmen oder nicht. Mir fällt auf, wie ich das Thema die letzten Tage ständig im Hinterkopf hatte. 

Wieder ein kleines Abenteuer erlebt. Auch wenn es kein Angenehmes war, habe ich viel gelernt. Über Geschlechtskrankheiten und über mich selbst. Diese Erfahrung hat das Thema für mich entstigmatisiert. Ich finde es nicht mehr peinlich oder unangenehm. Ich empfinde es als Teil unseres Lebens, den wir nicht mehr so unter den Teppich kehren dürfen. Es ist jetzt ein Thema, über das ich mehr und offener sprechen möchte. Um Leute aufzuklären und es in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Ich wünsche mir mehr Präventionsprogramme, mehr Forschung und vor allem routinemäßige Testungen für alle.

Ein paar Tage später bekomme ich einen Anruf von der Ärztin. Alle Tests sind negativ. Ich war noch nie so froh, Kondome zu benutzen.

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Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Collage: @designally_ps

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