Anmerkung der Redaktion: Der gesamte Faktenteil stammt aus Clit, weshalb von einzelnen Quellenangaben abgesehen wird. 

Weißt du noch, wann du das erste Mal in deinem Leben von der Klitoris erfahren hast?
Und weißt du noch, was es genau war?
Weißt du noch, wann du das erste Mal etwas über die Klitoris in der Schule erfahren hast?
Und weißt du noch, was es war? 

Ich war ungefähr elf Jahre alt, als ich die Frau meines Vaters fragte, was der „Knubbel“ an meiner „Scheide” sei. Sie sagte mir, dass das die Klitoris sei und sie für ein schönes Gefühl verantwortlich wäre.
In der Schule habe ich Folgendes über die Klitoris gelernt: nichts.
Mit 31 Jahren hörte ich das erste Mal, dass die Klitoris gar nicht nur die kleine Perle ist, die ich sehen kann, sondern viel größer ist; dass sie in die Vagina hineinragt und bis zu 10 cm lang werden kann.

Zufall? Hatte ich vielleicht einfach ein prüdes Umfeld, einen prüden Biologielehrer, lag es an der Dorfschule, auf der ich war, als ich Sexualkundeunterricht hatte? Schön wäre es gewesen, wenn ich mein Unwissen über die Klitoris nur darauf hätte schieben können. Aber es war viel mehr als das. Bis vor zwei Jahren, also bis 2020, war die Klitoris falsch oder gar nicht in schulischen und offiziellen Sexualaufklärungsbüchern eingezeichnet.

Aber ich war nicht die Einzige, die erst viel später vom wahren Ausmaß der Klitoris erfuhr: Der Autorin und Aktivistin Louisa Lorenz ging es ähnlich. 2013, mit 25 Jahren, bei einem Akt der Prokrastination, stieß sie zufällig auf einen Facebook-Post namens The Internal Clitoris. Schockiert und wütend darüber, dass die wirkliche Anatomie der Klitoris so verborgen war, beschloss sie Menschen über das Thema aufzuklären und fing 2016 an, den Workshop Clit Night zu geben.

Am 8. März 2022 gab der Heyne Verlag dazu ihr Buch CLIT: Die aufregende Geschichte der Klitoris heraus. Auf 275 Seiten erläutert Louisa die Anatomie sowie die westlich-christliche Kulturgeschichte der Klitoris. Sie verdeutlicht die gesellschaftlichen und medizinischen Folgen der Unwissenheit sowie Verschleierung des „kleinen Knubbels”: sexistische Strukturen, das heteronormative, binäre Geschlechtersystem, in dem wir leben, die gelebte und ungelebte Sexualität von Frauen* und Menschen mit Vulva und Vagina sowie die Unterstellung, dass Frauen viel weniger Lust auf Sex hätten als Männer*. Veranschaulicht werden die anatomischen Fakten mit detaillierten Illustrationen der Vulva, Vagina, Klitoris bis zum Uterus von der:dem Künstler:in Pat Hansen (Hafenzimmer). 

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Foto: Alexander Spreinat

Während meines täglichen Instagram-Scrollings mit einer Tasse Kaffee im Bett sehe ich Louisas’ Story auf @clitnight über ihr bald erscheinendes Buch Clit. Als Frau, die sich für sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung sowie Gleichberechtigung in allen Belangen für Menschen mit Vulva und Vagina einsetzt, war ich sofort begeistert. Umso mehr freue ich mich, jetzt eine Rezension über Clit schreiben zu dürfen.

Der erste Teil des Buches beginnt mit der Anatomie der Klitoris. Ein wichtiger Aspekt, der besonders in der Gegenwart immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist die Verwendung von Sprache. Gleich zu Beginn des Buches klärt Louisa somit über Bezeichnungen für den Genitalbereich auf und merkt an, wie sich die Begriffe für Menschen mit Vulva und Vagina sowie mit Penis unterscheiden. Bezeichnungen für gesellschaftlich „weibliche“ Genitalien seien oft wertend, während sie für gesellschaftlich „männliche“ Genitalien neutral seien. Der Begriff „Scheide“ zum Beispiel bedeutet eigentlich Köcher, in den ein Schwert gesteckt wird. Louisa betont hier die gewaltvolle Konnotation dieses Vergleichs und die Funktionslosigkeit des Köchers im Gegensatz zum Schwert. Diese gewählten Bezeichnungen zeigen außerdem, dass keine Gleichwertigkeit zwischen Vulva/Vagina und Penis bestehe. Mir persönlich schmerzt meine Vagina, wenn ich das lese, und ich frage mich fassungslos – wohl wissend, welche Antwort ich zu erwarten habe, – wie so etwas sein kann. Dieses Gleichnis erklärt schon einiges über die gesellschaftliche, oft sexistische Vorstellung von Sex, in der die Person mit Vulva und Vagina als passives Gegenstück zu der Person mit Penis präsentiert wird. 

Im Zusammenhang mit dem ausführlichen Exkurs in die Genitalanatomie erklärt Louisa auch, wie es zu der binären Einteilung von Geschlechtern kam und wie diese andere Genderidentitäten ausschließt. Für mich ein sehr wichtiger Aspekt im Kontext der Aufklärung über die Klitoris: Da unsere Genitalien im mehrheitsgesellschaftlichen Diskurs immer noch als geschlechterbestimmendes Merkmal angesehen werden. 

Während ich von einer neuen Erkenntnis über meine Genitalien zur nächsten komme und mich freue, mehr und mehr zu erfahren, lese ich plötzlich, dass die Anatomie der Klitoris bereits seit 400 Jahren bekannt ist. Der Zeitpunkt der Entdeckung des inneren Teils der Klitoris wird demnach der Renaissance zugeordnet. Grund dafür ist, dass die Praxis der Sezierung in dieser Epoche begann und somit weibliche Leichname näher untersucht wurden. Aus dieser Zeit stammen sogar Bilder des inneren Teils der Klitoris. Die historischen Quellen sind sehr gut erhalten, auch wenn sie vorwiegend auf Lateinisch sind und für ihr Verständnis ein ausführliches Vorwissen nötig ist. Ab dem 17. Jahrhundert gibt es zudem erste wissenschaftliche Annahmen darüber, dass die Klitoris und der Penis der gleiche Schwellkörper seien. Eine Erkenntnis, die heute wissenschaftlich erwiesen ist und die Louisa im anatomischen Teil ausführlich beschreibt. 

Bei all den wertvollen Informationen komme ich nicht drumherum, mich zu fragen, warum dann die Klitoris bis 2020 falsch in Lehrbücher und Aufklärungsprospekte eingezeichnet wurde. Die Antwort ist für mich so ernüchternd wie die sexuelle Befriedigung vieler Menschen mit Vulva und Vagina: Es stecken diskriminierende und unterdrückende Machtansprüche im Vordergrund, die medizinisch erklärt wurden.  

Ebenfalls im 17. Jahrhundert wurde herausgefunden, dass die Klitoris mit vielen Nerven ausgestattet ist. Was zu der Erkenntnis führt, dass Berührungen der Klitoris sehr intensiv wahrgenommen werden. Bis heute ist jedoch unklar, warum das so ist; ob es an der Anzahl der Nervenenden liegt oder aber daran, dass viele Nervenenden auf engem Raum zusammentreffen.  Dieses Wissen wird den Frauen im 19. Jahrhundert allerdings zum Verhängnis: Nervenkrankheiten werden immer mehr erforscht und die sogenannte Reflextheorie etabliert sich als medizinisches Konzept. Diese Theorie hat auch heute noch Bestand und beschreibt, dass verschiedene Körperteile über das Nervensystem miteinander verbunden sind sowie sich gegenseitig beeinflussen. Klar, dass Frauen mit ihrer nervenreichen Klitoris ganz weit vorne in der Reihe nervenkranker Personen standen. Die sogenannte Hysterie, die Frauen oft diagnostiziert wurde, obwohl die Symptome auch auf andere Krankheiten hätten zutreffen können, ist eine dieser Nervenkrankheiten. Der Begriff selbst ist auf das griechische Wort für Uterus „hystera“ zurückzuführen und besteht schon seit der Antike. 

Von unterstellten Nervenkrankheiten kommen wir zu einer anderen mehrheitsgesellschaftlichen Unterstellung: Frauen haben weniger Lust auf Sex als Männer. Schon immer habe ich mich gefragt, warum sich dieser Glaube in der Gesellschaft so festhält, zumal ich noch genau weiß, dass ich besonders als Teenagerin bis in meine Zwanziger hinein eigentlich dauerhorny war. Auch den Witz mit den Kopfschmerzen habe ich nie verstanden. In Clit widmet sich Louisa gezielt diesem Glauben und gibt aufschlussreiche Antworten. Sie führt an, dass diese Annahme erst seit dem 18. Jahrhundert besteht und dass sie auf *surprise* kapitalistischen Strukturen beruht. In dieser Epoche wurde alles, was vorher mit Gott erklärt wurde, von da an mit der Natur erklärt, wodurch vermeintlich „natürliche“ Eigenschaften der Frau erschaffen wurden: emotional, liebend und häuslich sein. Das Einzige, was Frauen in dieser Zeit oft blieb, da ihnen Bildung und viele Berufe verwehrt wurden – bis auf Dienstarbeiten wie Haushälterin, Kindermädchen oder Putzfrau – , war ihr erotisches Eigentum, das sie in Form von Enthaltsamkeit benutzten, damit ein Mann sie heiratete und nicht nur mit ihnen Sex hatte. Louisa macht an dieser Stelle darauf aufmerksam, dass das sogenannte Slut-Shaming aus dieser Zeit herrühre. 

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Alle Fotos: Alexander Spreinat

In diesem Zusammenhang wirft Louisa einen anderen Punkt auf: Der Glaube, dass Sex immer Penetration sein müsse. Somit wurde und wird sich in erster Linie um die „männliche“ Sexualität gekümmert. Als Resultat war und ist Sex für viele Frauen und Menschen mit Vulva und Vagina teilweise einfach nicht schön, weil ihre Sexualität keinen Raum bekam und leider auch immer noch nicht bekommt. Louisa sagt ganz treffend, dass wohl kaum jemand Lust auf Sex habe, wenn er für die Person einfach nicht schön sei.  

Einer, der auch viel zur „weiblichen“ Sexualität zu sagen hatte und sie damit nicht besser machte, war Sigmund Freud. Louisa erläutert seine These, die zur Unterscheidung des klitoralen und vaginalen Orgasmus führte und die damit einhergehenden Problematiken. Beispielsweise das Minderwertigkeitsgefühl bei vielen Menschen mit Vulva und Vagina, die keinen Orgasmus durch vaginale Stimulation erlangen. „Ach ja, wenn man nur früher gewusst hätte, dass die Klitoris viel weiter in die Vagina hineinragt, dann hätte es solch undifferenzierte Thesen wie diese von Sigmund Freud vielleicht gar nicht gegeben! Denn wie kann ein vaginaler Orgasmus entstehen, wenn es am Ende doch um die Klitoris geht?“, denke ich mir an dieser Stelle. 

Das Wissen über die Klitoris ist ein wichtiger Schritt in der sexuellen Aufklärung: Lassen wir es an uns heran, dann können mehr Offenheit und Akzeptanz gegenüber anderen Formen des Lustempfindens entstehen und somit auch mehr Spaß beim Sex – mit anderen und allein. Auch Louisa betont, dass somit ein Druck und Anspruch an sich selbst genommen wird, einen Orgasmus durch Stimulation der Vagina zu haben oder anderen auf diese Weise einen zu verschaffen.

Mit Clit hat Louisa Lorenz ein revolutionäres Buch geschaffen. Ohne Überheblichkeit hebt sie die Schwachstellen unserer Gesellschaft heraus, gibt Lösungsansätze und erklärt ehrlich, wenn auch sie gerade keine passenden hat. Neben dem anatomischen Teil zur Klitoris integriert Louisa ganzheitliche Fakten über Lebensrealitäten von Frauen und Menschen mit Vulva und Vagina, die mit Frauenfeindlichkeit, Unterdrückung und Diskriminierung zusammenhängen. Dennoch verzichtet Louisa auf unnötiges Bashing weißer cis Männer und beschreibt empathisch, wie unsere gesellschaftlichen Strukturen auch Menschen mit Penis Schwierigkeiten bereiten. Dazu schreibt sie:

„Das Bild von Männern, die einfach nur ihren Penis irgendwo reinstecken wollen oder denen beim Sex vor allem ihre eigene Befriedigung wichtig wäre, halte ich aber für absoluten Quatsch. Das gesellschaftliche Verständnis von Sex begünstigt zwar ihren Orgasmus bei partnerschaftlichem Sex. Die Gleichsetzung von Sex mit vaginalem Geschlechtsverkehr stellt jedoch auch für sie ein sehr beschränktes Angebot dar.“

Dabei verschließt sie aber nicht die Augen vor dem Fakt, dass wir in einer patriarchalen Welt leben, die von (überwiegend weißen) cis Männern erschaffen wurde.
Besonders als Person mit Vulva und Vagina bleibt es beim Lesen nicht aus, an vielen Stellen wütend zu sein. Diese Wut spürt auch Louisa und holt die Leser:innen an diesen Punkten ab, in dem sie ihre eigene Wut verbalisiert und geschichtliche Entwicklungen sowie momentane Ist-Zustände deutlich macht. Auf ein Zitat von Rousseau, in dem er erklärt, dass Frauen dazu geschaffen seien, Männern zu gefallen, ihre wichtigste Eigenschaft, die Sanftmut sei und den Männern – so unperfekt diese auch seien – zu gehorchen, antwortet sie Folgendes:

„Mit anderen Worten, Frauen sollen immer schön lächeln, nicht widersprechen und, wenn sie Gewalt erfahren, einfach die Fresse halten, weil – >boys will be boys< – so sind Männer nun mal, da können die nix für.“

Clit ist ein lehrreiches, ehrliches, wichtiges und längst überfälliges Buch, das einen weitreichenden Faktor in der feministischen Bewegung und den damit zusammenhängenden Diskurs mit sich bringt. Nicht ohne Grund ist es am 8. März erschienen. Was ich besonders schön finde, ist, dass Louisa es mit einer fachlichen Kompetenz, wissenschaftlich, mit viel Witz und leicht zugänglicher Sprache verfasst hat, sodass es für eine breite, bisher noch Deutsch sprechende Masse zugänglich ist. Im Jahr 2022 ist es höchste Zeit, dass Menschen erfahren, wie die Klitoris wirklich aussieht und was sie wirklich ist – nämlich nicht nur der kleine Knubbel – und welche diskriminierenden und unterdrückenden Auswirkungen es haben kann, wenn etwas zu einem winzigen, unwichtigen Detail gemacht wird.

*Ich schreibe Frauen und Männer, wenn es sich auf das mehrheitsgesellschaftlich angesehene binäre Geschlechtersystem bezieht und wenn es sich um historische Begebenheiten handelt, in denen andere Genderidentitäten im mehrheitsgesellschaftlichen Kontext keine Berücksichtigung fanden. 

Clit: Die aufregende Geschichte der Klitoris“ bekommst du hier! Mehr von Louisa Lorenz und ihrem Workshop Clit Night findest du auf ihrer Website oder auf Instagram.
Die Illustrationen von Pat Hansen und weitere Arbeiten findest du auf seinem Instagram-Account: @hafen.zimmer oder schau dir sein Portfolio an!

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Autor:innen

Anna T.
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Seit 2021 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Geisteswissenschaften mit Fokus auf Indien an der Universität Hamburg studiert. Themenschwerpunkte sind Gesellschaftspolitik und feministische Themen.

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