Wisst ihr noch, was ihr mit 15 alles gemacht habt? Wie ihr euch einfach mit Freund:innen getroffen habt, vielleicht den ganzen Tag unterwegs wart? Wie ihr euch langsam, aber sicher von euren Eltern abgekapselt habt, euch gefreut habt, wenn ihr endlich mal allein zu Hause wart? Zu Freund:innen gehen konntet, dort übernachtet habt oder sie bei euch? Vielleicht hattet ihr auch eure erste Beziehung, euren ersten Sex.

Für die „Corona-Jugend“ läuft es anders ab: Die meiste Zeit des Tages müssen sie zu Hause verbringen, sich nach ihren Eltern richten, sind kaum allein und können sich nicht mit Peers treffen. Auch wenn ich jeden Tag live dabei war und jeden precious Corona-Lockdown-Tag mit meinem Sohn (den ich in diesem Interview mit A. abkürze) verbracht habe, hat es mich doch noch mal – ganz ungeschönt – interessiert, wie die Corona-Zeit für ihn war.

Unser Jahr 2020 fing turbulent an. Wir zogen von Göttingen zurück nach Hamburg. Unsere neue Wohnung war wegen der Pandemie erst ab September bezugsfertig, allerdings zogen wir bereits im April um. Die ersten zwei Monate wohnten wir gemeinsam in einem Zimmer in einer WG, die restlichen drei getrennt: mein Sohn bei seinem Großvater und seiner Frau und ich in einer anderen WG. Obwohl meinem Sohn der Schulwechsel und dem damit zusammenhängenden Online-Kennenlernen mitten in der Pandemie nichts ausmachten, war die Zeit natürlich trotzdem schwierig. Ich habe mit ihm gesprochen und gefragt, wie es ihm ging, was schlecht, anstrengend, aber vielleicht auch ganz schön war.

DIEVERPEILTE: Wie hast du von Corona erfahren?
A: Ich habe von Corona in der Schule erfahren, als wir über die Nachrichten des Tages gesprochen haben. Und da kam auf, dass sich in China ein Virus ausgebreitet hat.

Wie fandst du es, plötzlich Online-Unterricht zu haben?
Es war sehr ungewohnt, weil man sich ja sonst jeden Tag in die Schule gequält hat (lacht) und auf einmal sollten wir von zu Hause aus lernen. Man musste sich sehr schnell umgewöhnen. Am Anfang fand ich den Online-Unterricht grauenvoll, weil alles sehr unstrukturiert und durcheinander war. Es gab dann viele Schwierigkeiten: Manchmal war es unklar, ob wir uns morgens treffen oder welche Aufgaben man hatte. Zum Beispiel hatte ich eine Aufgabe für sechs Wochen bekommen, war aber nach einer Woche schon fertig damit. Also es war alles sehr kompliziert.

Was hat sich besonders am Anfang noch für dich verändert?
Ich war die ganze Zeit zu Hause und bin nicht mehr rausgegangen — nur noch zum Einkaufen oder Spazierengehen. Dann plötzlich mussten wir auch immer die Masken tragen und immer Abstand halten: Das war alles sehr ungewohnt. Wenn man rausgegangen ist, hatte man das Gefühl, als wäre man ganz allein auf der Welt.

Wie hast du die anfängliche Corona-Zeit von März bis Ende Mai 2020 erlebt?
Gut an dieser Zeit war, dass ich mit meiner Mami (sagt es spaßig) in einem Zimmer war (wir lachen beide).

Das schreibe ich genau so in das Interview (lache).
Ja, ist okay (lacht). Auch gut war, dass, wenn ich schulische Fragen hatte, ich dich immer fragen konnte (ich lache). Ich hatte das Gefühl, als hätten wir Sommerferien, weil es warm war, die Sonne hatte geschienen, wir waren zu Hause, machten vielleicht einmal am Tag was für die Schule und dann hatten wir schon wieder Wochenende.

Doof war, die ganze Zeit zu Hause zu sein. Man musste immer darauf achten, was man macht [Bezug darauf, in einer WG und mit der eigenen Mutter in einem Zimmer zu wohnen]. Wenn man rausgegangen ist, dann war da die Polizei und man hatte Angst, dass man zu nah an anderen Leuten steht und hat sich Sorgen gemacht, dass man Corona hat. Bei einem Huster oder Nieser haben dich alle angeguckt. Du warst die ganze Zeit wie in einer Blase eingeschlossen, aus der du nicht herauskamst.

Nach zwei Monaten sind wir aus der WG ausgezogen und du bist zu Opa gezogen, der zur Risikogruppe gehört. Was war das für eine Situation?
Es war voll stressig, da ich die ganze Zeit darauf achten musste, mit wem ich was mache und wie oft ich mich mit anderen treffe. Auch wenn ich meine Maske nicht hatte, hatte ich direkt einen halben Herzinfarkt.

Hast du dich in dieser Zeit mit vielen Leuten getroffen?
Ich habe mich mit semi-vielen Leuten getroffen. Mit sehr engen Freund:innen schon oder einem Freund aus der Nachbarschaft. Und immer bevor wir uns verabredet haben, haben wir uns paar Tage davor mit niemand anderem getroffen. Und nur wenn es uns gut ging, sind wir halt gemeinsam los.

Es gab in den Schulregelungen bezüglich des Präsenzunterrichts immer viel Hin und Her. Nach den Sommerferien 2020 durftet ihr zum Beispiel wieder in die Schule und plötzlich war ab Oktober wieder alles dicht. Da haben wir dann auch endlich in unserer eigenen Wohnung gewohnt. Wie war das für dich?
In Bezug auf Schule musste man sich halt wieder umgewöhnen. Erst hatte man sich wieder an den Präsenzunterricht gewöhnt und daran, dass alles wieder so richtig losgeht und plötzlich haben Leute entschieden, dass wir wieder in den Lockdown sollen. Diese Lockdown-Zeit war eine sehr, sehr anstrengende Zeit, besonders für Schüler:innen. Wir waren sehr eingeschränkt in dem, was wir machen durften—ich meine, für uns ist das Virus jetzt nicht so krass gefährlich wie für Erwachsene bzw. ältere Leute; es war für uns alle sehr anstrengend, dass wir darauf die ganze Zeit achten mussten und uns nur mit wenigen Leuten treffen konnten. In dem Alter von 13 bis 17 Jahren erlebt man viel, macht viele Erfahrungen und probiert viel aus. Und da wir das nicht machen konnten, war es eine besonders blöde Zeit.

Wie fandst du es, dass ich auch immer zu Hause war?
Ehrlich gesagt, fand ich es sehr schön. Ich fand, dass wir uns zu einem guten Team entwickelt haben. Irgendwann war es natürlich trotzdem anstrengend, weil du immer zu Hause warst und man dann an die Regeln der Mutter gebunden war. Dadurch war man wieder ein bisschen eingeschränkter. Die Schule ist immer so ein Ort, an dem man mit anderen Leuten zusammen ist und mit denen dort etwas macht. Man redet über bestimmte Themen, über die man gerne reden möchte und zu Hause war das halt nicht so möglich.

Hast du dich dann manchmal allein gefühlt?
Ja, natürlich.

Was hast du gemacht, um mit Freund:innen Kontakt zu haben?
Gefacetimed – so 24/7 oder wir haben Among Us  gespielt.

Was hattest du noch für Strategien, um dir den Lockdown ein bisschen zu erleichtern?
Gegessen. Geschlafen (wir lachen beide).

Ich kann mich aber auch daran erinnern, dass du viel Sport in deinem Zimmer gemacht und viel gekocht und gebacken hast.
Ja, das stimmt. Ich habe auch sehr, sehr viele Podcasts gehört. Ich habe auch alle Bibi und Tina-Hörspiele – ist kein Problem, kannste alles reinschreiben in dein Interview – und Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg, alle Folgen Die drei Ausrufezeichen und Die drei Fragezeichen gehört: Ich kenne jedes Hörspiel (lacht).

Was war für dich in der Winter-Lockdown-Zeit am schlimmsten und auch am schönsten?
Am allerschlimmsten war, dass Leute in meinem Alter nicht so viel machen konnten. Erst mal waren wir alle wegen des Virus eingeschränkt. Aber ich hatte auch das Gefühl, dass Leute in meinem Alter auch nicht so viel Mitspracherecht hatten, – was auch logisch ist, weil wir ja nicht so drin sind in dem ganzen Thema. Dadurch haben wir uns alle quasi wie gesteuert gefühlt, weil uns von allen Seiten immer gesagt wurde, was wir machen dürfen und was nicht: Das hat sich nicht schön angefühlt.

Was ich aber schön fand, war, dass ich mich zum Ende des Lockdowns zu Hause gut konzentrieren konnte und viel für die Schule gemacht habe. Außerdem war es schön, dass man sich nach Ende des Lockdowns [im April 2021] wieder auf die Schule gefreut hat und auf die Leute, mit denen ich mich vor dem Lockdown angefreundet hatte. Aber als wir in der Schule erfahren haben, dass wir unsere Masken aufhaben und jeden zweiten Tag einen Test machen müssen, waren wir sehr genervt. Wir waren auch genervt, weil unsere Haut immer schlechter wurde, – das muss man an diesem Punkt auch mal erwähnen. Eigentlich wäre unsere Haut wie ein Baby-Popo, aber jetzt sehen wir alle scheiße aus (wir lachen beide).

Inwieweit fühlt ihr euch durch die Masken eingeschränkt?
Wir können uns im Unterricht kaum konzentrieren. Wir haben die ganze Zeit irgendwas im Gesicht – vor allem nach dem Sport ist es nervig. Wir sind langsam sehr genervt und wollen die Maske nicht mehr tragen, weil wir das alle jetzt so lange durchgemacht haben. Wir pushen uns gegenseitig, damit wir das weiterhin machen, aber wir haben natürlich keine Lust mehr, weil es eine Belastung ist.

Habt ihr das Gefühl, dass die Lehrer:innen da auf eurer Seite sind und euch verstehen?
Klar gibt es welche, die uns verstehen. Aber es gibt auch welche, die, obwohl du allein in einem Raum bist mit offenem Fenster, dir sagen, dass du die Maske aufsetzen sollst. An sich voll okay, ist ja auch deren Aufgabe, aber natürlich wird man dann ein bisschen „frech“, weil: Wir können alle halt auch nicht mehr!

Ihr hattet in der Schule auch verschiedene Modelle: Präsenzunterricht, Hybridunterricht und kompletten Online-Unterricht. Was war für dich am besten?
Hybridunterricht finde ich am besten und ich glaube auch alle anderen. Da hat man ein bisschen Abwechslung und hat sich auch mehr auf die Schule gefreut. Ich zum Beispiel kann mich zu Hause besser konzentrieren als in der Schule.

Und freust du dich, dass du jetzt geimpft bist?
Ich glaube, meine Mutter freut sich mehr als ich (schaut mich konfrontierend an; ich lache), weil ich mir sehr viele Gedanken über die Impfung gemacht habe. Natürlich freue ich mich, dass ich jetzt Vorteile habe. Ob der Impfstoff gut ist, weiß keiner hundertprozentig; warten wir auf die Zukunft, wie es in 40 Jahren ist.

Letzte Frage: Was hoffst du für diesen Winter in Bezug auf Corona?
Dass meine Mutter wieder zur Arbeit fährt (wir lachen beide).

Ich wünsche mir, dass wir alle schöne Weihnachten haben. Dass wir nicht mehr so eingeschränkt sind und wir alle wieder freier leben können. Und dass wir ohne Corona in das neue Jahr starten.

Illustration: Teresa Vollmuth

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