An einem Vormittag im Juli treffe ich Lukas auf Zoom. Ich habe auf eine Story von ihm reagiert, die er wenige Tage zuvor auf Instagram veröffentlichte. Darin ist er zu sehen, wie ihm ein:e Arzt/Ärztin Kompressen auf seine Verletzung an der Nase drückt. Das Gesicht blutüberströmt. Lukas besuchte am 2. Juli die Pride in Köln. In dem Video berichtet er von seiner soeben erlebten Erfahrung mit Homo- und Queerfeindlichkeit.

Lukas ist 27 Jahre alt und lebt in Köln. Das Bild, das ich sehe, als ich dem Zoom-Meeting beitrete, ist das einer selbstbewussten Person mit einem Gips im Gesicht. Sein Gesichtsausdruck strahlt Traurigkeit aus. Nicht verwunderlich, wenige Tage zuvor hat man ihm die Nase gebrochen. Im Hintergrund hängen zwei Gitarren. Lukas ist Gitarrist und Multiinstrumentalist und arbeitet mit verschiedenen Bandprojekten. Als er mich sieht, begrüßt er mich mit einem freundlichen Lächeln. Lukas beginnt von seinem Leben in Köln zu erzählen. Zwischendurch berichte ich von meinem. Nicht, weil meine Geschichte etwas mit diesem Interview zu tun hätte, sondern eher wegen Lukas‘ authentischer, verständnisvoller und verletzlicher Art, mit der ich mich verbunden fühle. Es geht um Diskriminierungserfahrungen, die er als queerer Mann fast täglich erlebt. Erlebnisse, die ihn dazu bringen, aktiv dagegen vorzugehen. Sein Grundsatz ist: „Ich spreche an, was mich stört. Für mich und für die Allgemeinheit.“

Der Anlass für dieses Interview sind Lukas Erfahrungen, die er am 2. Juli 2022 auf der ColognePride machte. 53 Jahre ist es her, dass homosexuelle und transgeschlechtliche Menschen sich im Juli 1969 in New York gegen Polizeigewalt zur Wehr setzten: ein Ereignis, dem weltweit jährlich mit dem Christopher Street Day gedacht wird.

Was bedeutet queeres Leben? Darüber spreche ich mit Lukas Wilmsmeyer.

DIEVERPEILTE: Am 2. Juli warst du auf der Pride in Köln. Warum hast du dich entschieden, dort hinzugehen und welche Erwartungen hattest du an diesen Tag?
Lukas Wilmsmeyer: Ich hatte an diesem Tag einen Shoot mit einer Band. Wir haben den ganzen Tag damit verbracht, Videos zu drehen, wofür ich verschiedene Outfits dabei hatte. Unter anderem zwei Kleider, drei Röcke, ein paar Tops, diverse Hüte, Schmuck und so weiter. Als wir gegen Abend fertig waren und noch eine Weile zusammengesessen haben, entschied ich mich dazu, im Anschluss auf die Parade zu gehen. Die Unterkunft war am Heumarkt und so konnten wir die Geschehnisse schon ein bisschen aus dem Fenster beobachten. Ich dachte mir, ich gebe dem ganzen Mal eine Chance und habe mir dann ein Outfit überlegt. Es war ganz in Weiß. Ein weißes Kleid mit weißen Schuhen, einem weißen Hut, Ohrringen und Kette. So habe ich dann das Haus verlassen und musste ziemlich schnell feststellen, dass mich so viele Menschen gleichzeitig komisch anschauten, wie fast noch nie zuvor.

Wie meinst du das?
Vor einem Monat habe ich meinen Style geändert und angefangen, Kleider in der Öffentlichkeit zu tragen.

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Lukas Wilmsmeyer Anfang Juli in Köln © Lea May für DIEVERPEILTE

Wie ging es dann weiter?
Ich fing an, mich unwohl zu fühlen und dachte: „Okay, das passt hier jetzt eigentlich nicht so richtig“. Nach einer Weile habe ich Freund:innen von mir getroffen, die ich mal auf einer Party kennengelernt habe und noch nicht so gut kenne. Das waren queere Leute und es war eigentlich alles sehr schön. Wir waren schon eine Zeit lang unterwegs, als eine Frau zu mir kam und mich dazu aufforderte, ein Foto mit ihr zu machen. Dafür beanspruchte sie meine Brille und den dazugehörigen Hut. Außerdem wollte sie, dass ich ihr die Hand für das Foto küsse.

Und, was hast du gemacht?
Ich habe ihr dann die Brille und auch den Hut gegeben, habe ihr aber angeboten, dass sie gerne meine Hand küssen dürfe.

Wie hat sie reagiert?

Darauf ist sie nicht eingegangen. Dann war sie auch schon wieder weg.

Ganz schön dreist. Wie ging es dir damit?
Für mich war das schon komisch, aber noch schockierter als ich waren meine queeren Freund:innen. Die meinten daraufhin zu mir, sie hätten sich wie im Zoo gefühlt und dass ich doch auch ein Mensch sei. Für sie war die Erfahrung also viel extremer, als sie es für mich war.

Warum hast du der Frau deinen Hut und deine Sonnenbrille gegeben?
In dem Moment war ich wohl einfach nicht rebellisch genug, um etwas zu sagen.

Hat das wirklich etwas damit zu tun, rebellisch zu sein? Ich meine, du hast mir im Vorfeld erzählt, dass du diese äußerliche Veränderung erst wenige Wochen zuvor vorgenommen hast. Für mich hängt das erst mal mit Erfahrungen zusammen, die man sammeln muss, um zu wissen, wie man auf das Fehlverhalten anderer Menschen reagieren kann.
Ja, genau! Ich war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht auf eine solche Situation vorbereitet.

Was würdest du dieser Frau jetzt gerne sagen?
Das ist meine Kleidung, die kriegst du nicht!

In dem Fall guckt die Frau vermutlich erst mal beleidigt und sagt so was wie: „Okay, dann halt nicht. Du Zicke!“.
(Lukas grinst)

Wie ging es danach weiter?
Ich hatte Hunger, schon die ganze Zeit. Ich sagte meinen Freund:innen, dass ich mir etwas zu essen holen würde und zog alleine los. Nach einer Weile fand ich eine Pommesbude an einer Ecke. Meine Freund:innen habe ich erst mal nicht mehr gesehen, also beschloss ich, mit meiner Pommes Richtung Bühne zu gehen. Auf dem Weg kamen mir zwei Menschen entgegen. Ein Mann und eine Frau, soweit ich das augenscheinlich beurteilen kann. Die beiden kamen auf mich zu und ich hörte nur, wie die Frau zu dem Typen sagte: „Ne, du kriegst jetzt keine Pommes von dem!“. Ich hatte das Gefühl, dass sie ihn zurückhalten wollte.

Was passierte dann?
Dann wollte er keine Pommes von mir haben oder hat mich zumindest nicht mehr darauf angesprochen. Allerdings waren mir die beiden schon sehr nahegekommen (zeigt einen Abstand von 30 cm mit seinen Armen). Aus dieser Entfernung hat er mir dann einen ziemlich perversen Kussmund zugeworfen (ahmt Schmatzgeräusche nach). Damit hatte ich ein Problem. Für viele mag das harmlos klingen, wenn ich das so erzähle. Das war es aber nicht für mich. Das nächste, was passierte, war, dass ich eine Pommes auf der Gabel hatte und diese dann im Affekt auf den Typen warf.

Hast du ihn getroffen?
Leider nein. Anstelle des Mannes traf meine Pommes den Arm der Frau und das fand ich nicht gut. Sie hatte mir ja gar nichts getan. Also bin ich noch mal zurück und suchte das Gespräch mit dem Mann.

Was hast du ihm gesagt?
Ich sagte ihm, dass sein Verhalten für mich nicht in Ordnung sei und sah nur, wie sich sein Arm bewegte. Daraufhin hielt ich ihn fest, um mich zu schützen und machte ihm noch einmal klar, dass das nicht okay wäre. Danach drehte ich mich um und ging weg. Das Nächste, was ich spürte, war, dass er mir von hinten auf meinen Kopf schlug. Er war ziemlich aggressiv. Das machte mich sauer und wir fingen an, uns gegenseitig zu hauen.

Und weiter?
Dann wurden wir getrennt. Für einen kurzen Moment war ein bisschen Abstand da. Ich weiß gar nicht mehr, wieso eigentlich. Was ich noch mitbekam, war ein großer Knall. Alles ging sehr schnell. Danach war erst mal alles ruhig für mich. Ich konnte das Flugobjekt gar nicht so richtig sehen, aber laut Aussagen von Zeug:innen hat er mir eine Bierflasche an den Kopf geworfen und das aus geringer Entfernung. Vielleicht einen Meter oder eine Armlänge.

Was geschah dann?
Danach war alles relativ ruhig. Ich habe sehr stark geblutet. Die Leute sagten mir immer wieder, dass ich mich hinsetzen soll, was ich auch gemacht habe, aber ich wollte nicht, dass mein weißes Outfit voll mit Blut ist und versuchte mich hinzulegen.

Das Ganze hast du auch in der Instagram-Story mit deiner Community geteilt. War das in dem Moment?
Ja, ich habe sehr schnell angefangen zu filmen und Storys zu machen. Noch während ich auf dem Boden lag. Die Leute sagten mir auch, dass ich das lassen soll, aber ich machte trotzdem weiter.

Hier geht es zu Lukas Instagram-Story.

Warum?
Ich hatte Lust, den Menschen zu zeigen, was da abgeht. Ich habe ja den ganzen Monat schon Storys gemacht, um zu erzählen, was blöd lief oder einfach scheiße ist. Das Ding mit Instagram ist: Es geht ja alles irgendwie um Aufmerksamkeit und die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen und so weiter. Und um personalisierten Content. Also zum Beispiel habe ich gemerkt, dass es die Leute mehr interessiert, wenn ich solche Geschichten selbst erzähle im Vergleich zu einem Repost von einem Magazin, das vielleicht darüber berichtet, dass die queere Situation nicht gut wäre.

Als Betroffener kannst du Emotionen auch ganz anders ausdrücken, als ich oder andere Journalist:innen das könnten.
Genau. In diesem Moment war ich also sehr ruhig, aber natürlich stark adrenalisiert. Und gleichzeitig auch irgendwie gefasst. Mir war direkt klar, dass ich das Ganze gerne zeigen möchte. Dann habe ich mit einer Story angefangen.

Und der Typ?
Der wurde direkt gefasst und dann wurde sich ja auch schon um mich gekümmert. Der Krankenwagen kam und so weiter. Meine schöne weiße Sonnenbrille, die ich erst eine Woche vorher gekauft hatte, ist leider kaputtgegangen. Darüber bin ich sehr traurig. Als der Krankenwagen dann da war, wurde die Polizeiaussage aufgenommen. Man sagte mir im Anschluss, dass ich Post bekommen würde, – darauf warte ich aktuell noch. Kurz danach bin ich ins Krankenhaus gefahren und wartete, bis die Wunde an meiner Nase genäht wurde.

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Lukas, 27, wurde auf dem CSD in Köln angegriffen. Die Wunde musste genäht werden. Das Foto entstand vor seiner Operation. © Lea May

Aufgrund dessen, dass du, nachdem der Mann dir einen Kussmund zugeworfen hatte, mit dem Pommeswurf reagiert hattest, könnte man ja behaupten, dass du alles, was danach passierte, selbst initiiert hast. Ganz nach dem Motto: „Selbst Schuld, hättest dich ja nicht wehren müssen!“. Damit möchte ich nicht sagen, dass dies auch eintreffen muss, aber ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die das behaupten werden. Wie blickst du solchen Aussagen entgegen?
Die habe ich schon bekommen. Zum Teil kann ich das auch nachvollziehen, lehne aber schon die Schuld von mir ab. Ich bin halt mit einem Kleid auf den CSD (Christopher Street Day) gegangen. Das war ganz eindeutig: my thing – my own business. Und ich denke, ich sollte das Recht haben, mich dort – und auch sonst – frei bewegen zu können, ohne belästigt zu werden. Gerade da! Und deswegen ziehe ich mir diesen Schuh nicht an, das als selbstverständlich hinnehmen zu müssen, auf der Pride in meinem Kleid gecatcalled zu werden. Das Ding ist halt, dass man jetzt in dieses „Wer hat angefangen?“ kommt. Aber die Leute, die gerne möchten, dass ich die Schuld an diesem Vorfall trage, die sehen halt die Pommes als Auslöser, und dann erst, was passiert ist. Aber es war ja gar nicht so. Eigentlich war es dieser sehr eklige, aus geringer Entfernung kommende Kuss, der zuerst passierte. Und abgesehen von der Extremität hätte es ja bereits die Chance gegeben, die Situation zu beenden, als wir getrennt wurden. Dann hätten wir einfach nach Hause gehen können. Aber dann hat dieser Mann mir eine Flasche ins Gesicht geworfen. Ich habe das selbst auch in mir, dass ich mir darüber Gedanken mache, was mit dieser Pommes war. Zumindest dreht sich vieles um diese Pommes. Und das ist irgendwie lustig, aber gleichzeitig auch lächerlich, weil es halt eine Pommes ist und wir darüber nun mehr oder weniger die ganze Zeit diskutieren.

Ganz genau. Wie du schon sagst, die Pommes war nicht der Auslöser und auch nicht das Erste, was passierte. Das ist das, was dir ein Teil der Gesellschaft aufdrücken möchte.
Vor allem sind die Größenordnungen auch komplett unverhältnismäßig. Dieser Mann hat mir eine Bierflasche ins Gesicht geschmissen. Er hat meine Nase gebrochen. Mir eine sehr tiefe Wunde zugefügt und mein Auge beschädigt. Mal abgesehen davon, welche psychologischen Folgen das mit sich zieht. Außerdem kostete er mich bereits gute 24 Stunden, die ich ausschließlich mit Ärzt:innen beschäftigt war. Hinzu kommen die 30 Tage, die ich nun mit diesem Ereignis beschäftigt bin.

Das ist ja eine Form von Täter:innen-Opfer-Umkehr. Der Täter wird in diesem Fall in Schutz genommen.
Genau. Ich lege sehr viel Wert darauf, diese Sachen nicht einfach im Sand verlaufen zu lassen. Nicht alles hinzunehmen, sondern auch anzusprechen, dass diskriminierende Äußerungen eben nicht okay sind.

Weshalb ist dir das wichtig?
Für mich selber und auch für die Allgemeinheit. Denn ich habe das Gefühl, wenn Vorfälle wie diese weiterhin unter den Tisch gekehrt werden, geht es kein Stück weiter. Und deswegen möchte ich das ansprechen, wenn bestimmte Handlungen nicht in Ordnung sind für mich. Dazu habe ich noch ein weiteres Beispiel. Ich bin ja den ganzen Pride-Monat schon im Kleid unterwegs. Da gab es verschiedene Sachen, wie zum Beispiel, dass ich eben als „Schwuchtel“ bezeichnet wurde. Einmal war ich am See und da war eine Gruppe Jugendlicher, die waren um die 16 Jahre alt. Als ich dort ankam, wollte ich mich erst mal umziehen. Einer von denen meinte dann: „Okay, wenn der sich jetzt einen runterholt, dann hauen wir den!“. Dann habe ich meine Sachen gewechselt und saß dort erst mal eine Weile. Irgendwann habe ich sie dann konfrontiert und fragte, was das eben sollte. Auf einmal wollte es keiner von denen mehr gewesen sein und sie meinten nur „Ne, das war ich nicht!“ und „Das war ja nur Spaß!“. Eigentlich habe ich die ganze Zeit über irgendwelche Leute auf ihre Kommentare angesprochen. Das Problem ist nur, wenn die dann zu Waffen greifen. Alles, was davor passiert, ist nicht so schwierig. Wenn die Leute aber bewaffnet sind, geht das ganze Konzept der Gegenüberstellung nicht mehr auf. In meiner Kindheit wurde ich oft als „Mädchen“ bezeichnet, was in diesem Kontext als Beleidigung gemeint war und von mir auch so aufgefasst wurde.

Wie ging es dir damit?
Ich habe angefangen, mich dafür zu schämen.

Was glaubst du, war der Grund dafür, dass man dich als „Mädchen“ bezeichnete?
Ich hatte längeres Haar. Das war vermutlich ein großer Faktor dafür. Dann wurde mir auch oft gesagt, dass ich zu sensibel wäre.

Du meinst also, dass du dem typisch männlichen Bild der Gesellschaft nicht entsprochen hast?
Ja, genau.Was auf der anderen Seite wieder lustig ist, denn teilweise habe ich diesem Bild auch schon entsprochen. Teilweise aber halt auch nicht.

Wie äußerte sich das bei dir?

Naja, ich war aufgedreht und bin gerne auf Bäume geklettert. Habe mich mit Lehrkräften gestritten und war auch sonst sehr aufmüpfig drauf. Sagt man zumindest.

Rebellisch also?
Ja.

Ist das etwas, was du immer noch in dir trägst? Rebellisch zu sein.
Ja, I guess irgendwie schon. Wobei ich mich selbst nie so betrachtet habe. Für mich war das immer so, dass ich einfach nur mein Leben in Ruhe leben will. Doch das gönnte man mir in vielen Situationen nicht. Stattdessen sollte ich mich verbiegen und das mache ich nicht. Da habe ich keinen Bock drauf. Und dann schließt man, ich sei rebellisch. Dabei finde ich mich eigentlich sehr friedlich auf eine Weise. Also für mich ist dieses rebellisch sein eigentlich eher etwas, was von außen provoziert wird.

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Du meinst eine Reaktion darauf, wenn man quasi zum Anderen gemacht wird?
Ja, schon. Schule war auch ein schwieriges Thema für mich. Das ist vielleicht ein blödes Beispiel, das mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun hat, aber ich fand die Schule unfassbar scheiße. Es gab Situationen, in denen ich morgens die Augen zu machte und darauf direkt ein Verbot folgte. Natürlich bekommt man dann schlechte Laune. Man ist in der Schule und kann kein bisschen Ruhe haben, wie generell als Kind. Ich meine, das ist auch eine sehr privilegierte view jetzt.

Was bedeutet Transphobie für dich und welche Erfahrungen hast du noch damit gemacht?

Ich hatte mal eine sehr unangenehme Diskussion mit einer Transfrau, die mir zu verstehen gab, dass ich nicht trans sei – und das, obwohl ich das nie behauptet habe. Danach habe ich angefangen, mir die Meinung von anderen Transmenschen einzuholen und ob dieser Vorfall auf der Cologne Pride mit Transphobie connected sei. Daraufhin haben mir die Leute unterschiedliche Definitionen mitgeteilt, die irgendwie zusammenpassten, sich aber in gewisser Weise voneinander unterschieden. Eine davon war, dass trans ist, wenn man sich nicht mit dem eigenen Geschlecht identifiziert, das einem bei der Geburt zugeordnet wurde. Das würde dann eigentlich noch viel mehr Menschen mit einbeziehen als „nur“ Transpersonen, die so weit gehen, dass sie am Ende cis passing sind. Unter diesem Begriff, wenn man diese Definition nehmen würde, wäre Transphobie eigentlich alles an Phobie oder Gewalt, Hass, Belästigung oder Diskriminierung, was gegen all diese Personen gerichtet ist, – gezielt aber auch unbewusst.

Wie hast du dich mit der Aussage der Transfrau gefühlt, nachdem sie dir in einer, dass du nicht zu dieser Gruppe gehörst.
Diese Erfahrung war sehr schwierig für mich. Ich habe ja schon angedeutet, dass mir in Köln die Community für diese Dinge fehlt und dass das auch ein Grund ist, warum mir diese Stadt nicht reicht. Und dann ist halt passiert, was passiert ist. Das hatte zur Folge, dass ich die Tage darauf in dem Modus war: „Jetzt musst du stark sein und alles regeln!“. Ich hatte viele Dinge zu tun und war auf Durchhalten und Funktionieren eingestellt. Auch das teilte ich auf Instagram, wo ich viel Feedback und Support erhalten habe.

Was macht dieser Support mit dir?
Der Support ist mega schön. Es hilft mir dabei, mich weniger allein zu fühlen und all das zu durchstehen. Außerdem kam ich dadurch an viele gute Tipps zu den unterschiedlichsten Dingen, die mit dem Thema einhergehen.  

Welcher Sexualität fühlst du dich zugehörig? Du hattest ja schon gesagt, dass du dich eher trans fühlst. Aber so richtig geklärt haben wir das noch nicht.
Ich bin Pansexuell. Das habe ich eigentlich nicht gesagt, dass ich mich als Trans fühle. Das war nur irgendwie ein großer Teil der Diskussion. Aber eigentlich ist es so, dass ich mich gerade in einem Prozess befinde und gerade gar nicht sagen kann, ob ich trans bin oder sonst irgendwas. Wobei anhand dieser klaren Definition, die wir vorher hatten, dann I guess schon. Aber ich habe meine Identität gerade nicht griffbereit. Tatsächlich ist das noch in Arbeit.

Ist das etwas, was dich stresst, die Frage nach der eigenen Identität? Ich meine, hast du das Gefühl, dass du diese Frage beantworten musst?
Ich glaube schon. Jetzt gerade lasse ich mich nicht stressen und sage sehr aktiv: „Ja, ne keine Ahnung, weiß ich jetzt nicht.“ Aber das Gefühl von Stress ist schon manchmal da. Ich meine, die Frage stellt sich eigentlich sehr selten. Das fing eigentlich erst an, als ich meinen Kleidungsstil geändert habe. Davor habe ich selbst weniger darüber nachgedacht. Vielleicht, weil es immer relativ eindeutig war, dass alle das männliche Pronomen in Verbindung mit mir benutzen. Äußerlich bin ich halt doch ein Mann für die Leute. Ich meine, mein körperlicher Aufbau ist schon schlank, aber ich habe dennoch einen relativ männlichen Körper mit breitem Kreuz und so weiter. Demnach habe ich mehr oder weniger als cis Mann gelebt und deshalb stellten sich mir diese Fragen nicht oder ich habe sie weggedrückt. Außerdem hatte ich auch Heterobeziehungen, von daher war das alles gar nicht so ein Thema.

Wann hat sich das geändert?
Das war schon immer irgendwie da, auf eine Art und Weise. Aber angefangen hat alles mit dem Style-Change sozusagen, also seit Anfang Juni. Juni war der Pride Month und das war auch meine Idee, den Monat damit zu feiern. Wobei ich dann sehr schnell festgestellt habe, dass vieles davon gar nicht so feierlich ist. Alles andere hat sich ein bisschen langsamer entwickelt. Seit einem Jahr ungefähr – probiere ich mich neu aus. Vor gut einem Jahr ist meine letzte Heterobeziehung auseinandergegangen und danach war ich öfter in Paris und London, wo ich auf queere Leute traf und mich so entfalten konnte, wie ich wollte.

Das, mit dem sich entfalten können, klingt so schön. Ich freue mich, dass du das für dich gefunden hast. Wie gehts dir damit?

Mir gehts damit eigentlich sehr gut. Bis auf den Gips auf meiner Nase (lacht), aber ansonsten finde ich das alles top.

Meinst du, der Vorfall wäre dir auch dann passiert, hättest du dich „normal“ gekleidet? Also in Jeans und Shirt?
Auf keinen Fall! Aus zwei Aspekten: Einerseits kommen die Leute dann nicht so random an und catcallen dich. Das kann auch passieren, aber die Wahrscheinlichkeit, dass das vorkommt, ist viel geringer. Und der andere Aspekt ist, dass ich durchaus, wenn ich in Jeans und Shirt da gewesen wäre und jemand würde mich belästigen, noch ruhiger gewesen wäre. Es hätte mir weniger ausgemacht, weil ich mich durchaus, wenn ich im Kleid rumlaufe, verletzlicher zeige und fühle und eine größere Angst davor verspüre, angegriffen zu werden, als sonst. Ganz einfach, weil es ja so ist. Also man muss sich ja mehr verteidigen, weil man auch mehr angegriffen wird und man auch ausgelieferter ist, angegriffen zu werden und damit halt gegebenenfalls zu dealen.

Als ich deine Storys auf Instagram durchforstete, hatte ich den Eindruck, und dieser hat sich im Übrigen im Laufe dieses Gesprächs bestätigt, dass du trotz allem, was passiert ist, ein stolzer Mensch zu sein scheinst. Was macht dich stolz?
Ich passe ziemlich gut auf mich auf, – weil ich das auch muss. Und das ist etwas, was mich stolz macht und gleichzeitig ist mein Stolz aber auch eine Weise, auf mich aufzupassen. Ich würde teilweise auch gerne mehr Verletzlichkeit zeigen, aber ich habe damit nicht immer gute Erfahrungen gemacht. Zudem merke ich alleine durch das, was in den letzten Tagen geschah, dass stolz sein sehr gut bei den Menschen aus meinem Umfeld ankommt. Verletzlichkeit zu zeigen eher weniger bzw. habe ich das Gefühl, dass man sich dafür weniger interessieren würde.

Woran misst du das?
An den Reaktionen.

Letzte Frage: Welche Veränderung wünscht du dir für dich und dein Leben?

Ich bin seit einer Weile schon auf der Suche nach einer queeren Gang, das hätte ich gerne. Also mir fehlt meine Community hier in Köln. Ich würde gerne mehr in Freiheit leben, was meine Kleidung und Sexualität angeht. Außerdem hätte ich gerne mehr Geld und möchte einfach meine Arbeit weiter machen, vielleicht auch noch mehr meine eigenen Sachen. Und sonst bin ich eigentlich sehr zufrieden.

Weitere Storys zum Vorfall auf dem CSD in Köln findest du auf Lukas Instagram-Account. Du kannst ihm auch folgen.

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Ist in Nürnberg aufgewachsen, brach erfolgreich drei Studiengänge ab und entdeckte ihre Liebe für den Journalismus nach einem Praktikum in einer Musikredaktion. 2019 gründete sie das DIEVERPEILTE-Magazin. Themenschwerpunkte sind Gesellschaft, Sexualität, Drogen, Musik und auch alles sonst, was ihre Neugierde erweckt.

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