An einem Samstag-Nachmittag im April in Stuttgart bin ich auf dem Weg zu DeKovan Shawn aka Middlez und seiner Tochter Zoe. Ich treffe mich mit ihnen in ihrem Lieblingscafé. Ich bin hier, um den Alltag der beiden zu begleiten. 

‚,I’m always a princess!‘‘ sagt Zoe zu mir, als ich frage, warum sie ein Diadem trägt. Zoe ist vier Jahre alt und wir kennen uns schon eine Weile. Ihr Vater und ich arbeiten gelegentlich am Wochenende zusammen an Projekten, denn uns verbindet Hip-Hop. Dieses Mal geht es allerdings nicht um Musik, sondern um die Beziehung der beiden.

Das Bild der gescheiterten Vater-Tochter Beziehung und die daraus resultierenden ‚,Daddy-Issues‘‘ werden in unserer Gesellschaft nicht nur akzeptiert, sondern sogar romantisiert. Dabei geht es eigentlich fast nie um den Verursacher, nämlich den Vater, sondern um die Tochter, die in den Augen der Gesellschaft ziemlich verkorkst ist und Bestätigung bei ihrem Lover sucht. 

Wie sieht also der Alltag eines jungen Vaters aus, der seine Tochter auf unsere schöne neue Welt vorbereiten soll? Middlez ist 32 Jahre alt, Rapper, Vater, Arbeitnehmer und lebt alleine in Stuttgart. Am Wochenende ist der Kalender für seine Tochter Zoe reserviert. Gemeinsam mit Zoes Mutter zieht er seine Tochter groß, auch wenn sich ihre Wege als Paar getrennt haben. Zoe verrät mir hinter den Kulissen – sozusagen als Insiderin – dass sie bei Mama und auch bei Papa ein Fahrrad hat. 

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2012 kam Middlez nach Deutschland, da das Leben in seiner Heimat, der Southside von Chicago, schlichtweg gefährlich war. Seine Mutter, die zu diesem Zeitpunkt in Deutschland lebte, rief damals an, um ihn zu bitten, nach Deutschland zu kommen. In der Nachbarschaft hatte es eine Schießerei gegeben. Sicherheit, die Chance auf etwas Neues in Kombination mit der Hip-Hop-Metropole Stuttgart sorgen dafür, dass Middlez den Schritt wagt und nach Deutschland kommt. Sechs Jahre und einige Veröffentlichungen später kommt Zoe im März 2018 auf die Welt. 

Dann kam Corona. Statt auf Tour, auf Arbeit oder in der Uni waren Middlez, der Rest der Welt und ich zu Hause. Ich sah dies als meine Chance, um Kontakte für meine Fotokarriere im Hip-Hop auszubauen. Also fuhr ich im Oktober 2020 nach Stuttgart, um Middlez in seiner deutschen Heimat kennenzulernen. Letztes Jahr fotografierte ich die beiden zum ersten Mal gemeinsam. Beim Durchgehen der Scans meiner Negative wird mir schnell klar, dass die Fotos eine Geschichte erzählen, die ich festhalten wollte.

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Wir sitzen bei Middlez im Wohnzimmer, während er die Haare von Zoe macht. Er erzählt mir davon, was die letzten vier Jahre als Vater mit ihm gemacht haben. Davon, wie er gelernt hat, seine Aufmerksamkeit nicht nur seiner Tochter zu schenken, sondern auch sich selbst, seiner Vergangenheit, dem Alltag und den Zielen des eigenen Lebens. Davon, dass es zwar in Deutschland sicherer sei, ein Kind großzuziehen, der Preis dafür allerdings wäre, weder die schönen noch harten Momente des Elternseins mit seiner Familie teilen zu können. 

„It’s not about where you from but where you at [sic]“, erwähnt er im Laufe des Gespräches passend. Ein gutes Vorbild als Rapper zu sein scheint fast wie ein Gegensatz – schaut man in die Deutschrap-Charts der letzten Jahre, so findet man so gut wie keinen Song, der Frauen weder sexualisiert, objektifiziert, noch degradiert. Wie geht man also damit um, wenn die Kolleg:innen der Szene keinen guten Umgang für die eigene Tochter darstellen? In seinem nine-to-five Job würden seinen Kolleg:innen bei einem solchen Verhalten gekündigt oder gar angezeigt.

Ein gutes Vorbild zu sein, heißt vor allem, die eigenen Gedanken und Verhaltensmuster zu hinterfragen und Verantwortung für die Folgen der eigenen Entscheidungen zu tragen. Auch Verantwortungen für sich zu tragen und für die eigenen Emotionen. Das ist eine Einstellung, die man Kindern nicht predigen kann sondern vorleben muss. 

Das bedeutet nicht, fehlerfrei zu sein und den Eindruck erwecken zu wollen, perfekt zu sein. Denn Menschlichkeit beginnt da, wo Perfektionismus aufhört. Mir ist erst beim Verfassen dieses Textes klar geworden, was es wirklich heißt, ein gutes Vorbild zu sein – in einer Welt voller „Daddy-Issues“. 

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Alle Fotos: Sade Kaingu, 2021 und 2022

Weitere Arbeiten von Sade Kaingu findest du auf ihrem Instagram-Account. Du kannst ihr auch folgen.

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Sade Kaingu
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