Krieg in Europa war für die meisten von uns unvorstellbar. Die russische Invasion in der Ukraine offenbart nicht nur auf schmerzliche Weise die Verletzlichkeit unserer vermeintlich sicheren westlichen Welt – sie zeigt auch, dass wir uns lange zu wenig für unsere östlichen Nachbarn interessiert haben. Von dem Versuch, unsere Ängste auszusprechen und der Schwierigkeit, das Leid der russischen Bevölkerung ebenfalls zu thematisieren.

Manchmal ist die Gleichzeitigkeit dieser Welt absurd. Seit etwa zwei Wochen ist die Rede von Zäsur, Zeitenwende, geopolitischer Verschiebung. Wohin ich auch gehe, egal welche sozialen Medien oder Nachrichten-Apps ich durchscrolle – die Welt ist scheinbar über Nacht eine andere geworden. Obwohl die neue Realität längst auf den Titelblättern der Zeitungen und jeglichen Bildschirmen angekommen ist, muss ich es jeden Morgen aufs Neue begreifen lernen. Ich finde mich in einem Europa wieder, in dem Krieg herrscht. Hineingequetscht in die Fetzen unseres Alltags, zwischen personalisierter Ad und Kinovorschau flimmert das Grauen in Form von düsteren Fotos über unsere Bildschirme: Panzer und der lange Militärkonvoi vor Kyiv, Frauen, die ihre Männer zurücklassen müssen und mit ihren Kindern Richtung Westen fliehen. Ukrainer:innen, die vor laufender Kamera bekunden, sie seien bereit, für ihr Land zu sterben sowie Menschen, die sich von permanenter Angst vor Luftangriffen gepeinigt, zu evakuieren versuchen. Unzählige Bilder zeigen menschliche Schicksale, deren Verlauf ungewiss ist. Die Welt scheint hilflos zuzuschauen und ich frage mich, wie man diesen Krieg ertragen soll, der nach und nach zur abscheulichen Normalität wird. Alltag fühlt sich momentan seltsam und irgendwie falsch an und das tatenlose Zusehen quält mich. Ich frage mich: Wie in aller Welt konnte es so weit kommen? 

Ich versuche dieser Frage nachzugehen. Aufgewachsen in einer trügerischen Sicherheit des wiedervereinten Deutschlands, kenne ich in meinem jungen Erwachsenenleben vor allem eine Gesellschaft, die Frieden, Wohlstand und Überfluss gewohnt ist. Man könnte sagen, dass demokratische Strukturen für meine Generation ebenso selbstverständlich sind wie 70 Jahre Frieden und das Recht, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten: Egal, welche politische oder sexuelle Orientierung – wir sind in dem Glauben an – fast – unbegrenzte Möglichkeiten aufgewachsen. Die bislang schwierigste Aufgabe in den meisten unserer Leben war es, aus einer Vielzahl von Lebensentwürfen den für uns passenden zu finden. 

Die Selbstverständlichkeit unserer Lebensführung steht in klarem Kontrast zu den restriktiven Gesellschaftsmodellen, die in autokratisch geführten Ländern wie Russland gang und gäbe sind. In dem Wissen darüber, dass das westliche Lebensmodell das Richtige ist, haben viele von uns Putins Zensur zwar als degeneriert und menschenfeindlich abgetan, dabei den Blick für das Leid der unmittelbaren Nachbarländer infolge der Krimkrise 2014 oftmals verschlossen. Hier spiegelt sich eine generelle Unwissenheit, jedoch auch Ignoranz in Bezug auf die Geschichte Osteuropas wider – und eine gewisse „Die sind halt noch nicht so weit“-Mentalität. Terror und Abhängigkeit von der früheren UdSSR warfen einen langen Schatten auf die strukturelle und gesellschaftliche Entwicklung von Ländern wie Polen, Litauen oder Lettland. Heute sind die wichtigen Unabhängigkeitsbewegungen dieser Länder – hier sei beispielsweise die Solidarność-Bewegung unter Lech Walesa in Polen genannt – kaum noch präsent. Kurz gesagt: Die wenigsten von uns interessierten sich dafür, wie jung und hart erkämpft die Souveränität ehemaliger Sowjetstaaten ist. Vielmehr verbinden wir Tschechien oder Polen mit günstigen Wochenendtrips, geruchlosem Wodka und der Erkenntnis, dass es bessere Orte für LGBTQ-Communitys gibt. Wir sollten nicht vergessen, dass erst der Zerfall der Sowjetunion 1991 die Geburtsstunde dieser unterdrückten Staaten war. Unter dem Aspekt der jahrzehntelangen Repression und vergleichsweise kurzen Unabhängigkeit sehen wir den patriotischen Kampf vieler Ukrainer:innen möglicherweise in einem neuen Licht. Und wir stellen fest: Über viele nahe gelegene Länder in Osteuropa wissen wir bis auf ein paar Klischees viel zu wenig. Deutlich wird das mitunter im akademischen Bereich, wo Osteuropa-Lehrstühle in den letzten Jahren massiv eingekürzt wurden. Erst mit der Vergiftung des russischen Oppositionellen Nawalny im Jahr 2020 wurden Menschenrechtsverletzungen in Russland wieder publik.

Gleichzeitig werden wir in diesem Krieg mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert, die wir eigentlich schon lange kennen. Wenn wir über die Unvorstellbarkeit von Krieg in Europa sprechen, so müssen wir auch über unsere eigene Ignoranz sprechen. Kriege finden ununterbrochen statt, sie befinden sich nur außerhalb unserer geographischen und politischen Blase. Sie dringen nur am Rande in unseren Mikrokosmos vor, – so auch die früheren russischen Kriege in Tschetschenien und Georgien. Dass es aktuell Kriege auf der Welt gibt, wissen wir –, aber bitte nicht vor unserer Haustür. Auch die Annexion der Krim hat aufgrund ökonomischer Interessen – wozu auch Nordstream 2 zählt – nicht zu dem gesellschaftlichen Aufschrei geführt, wie er nun zu Recht stattfindet. Ebenso müssen wir darüber sprechen, dass die aktuelle Geflüchtetenkrise ein weiteres Mal aufzeigt, dass unsere westliche Gesellschaft tief von strukturellem Rassismus geprägt ist. Dies zeigen eindrückliche Berichte von der polnischen Grenze, wo aus Kyiv geflüchtete afrikanische Studierende Diskriminierung erfuhren. 

Während hunderttausende Ukrainer:innen ins Ausland fliehen müssen, verändert sich auch die Lage in Russland von Tag zu Tag. Sanktionen erscheinen trivial im Gegensatz zu dem, was die Menschen in der Ukraine aktuell erleiden müssen. Und doch ist es ist wichtig, die momentane Realität in Russland nicht auszusparen. Viele im Ausland lebende Russ:innen sind gequält von Schuld – für einen Krieg, den sie nicht begonnen haben. Den die Welt aber als einen bestraft, der alle Unschuldigen mit einbezieht. Die Washington Post spricht bereits von stark wachsenden rassistischen Ressentiments gegen Russ:innen in Europa, die sich in einer neuen Art von Cancel Culture ausdrücken. In Russland selbst ist die Lage chaotisch. Inzwischen haben viele namhafte Unternehmen oder Zahlungsdienstleister ihren Rückzug aus dem Land angetreten, der Rubel stürzte bereits kurz nach Beginn der Invasion ab. Menschen decken sich wegen drohender Versorgungsengpässe mit den nötigsten Medikamenten ein. Manche versuchen aus Angst vor weiterer Abschottung zu fliehen – Züge und Flüge aus Russland sind zu großen Teilen ausverkauft oder stagnieren auf horrendem Preisniveau. Wer sich über den bevorstehenden Zusammenbruch der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umstände beklagt, dem drohen Haftstrafen bis zu 15 Jahren für die Verbreitung von „Falschnachrichten“: Putins neues Mediengesetz verbietet es Russ:innen und Ausländer:innen, den Krieg als solchen zu bezeichnen – mit fatalen Folgen für den Journalismus und die freie Meinungsäußerung. Eine vor dem Krieg bereits zurechtgestutzte und kremlfreundliche Berichterstattung wird im Zuge der Schließung letzter unabhängiger Medien nun zur vollständigen Informationskontrolle. Mutige Protestierende werden zu Tausenden verhaftet. Nicht zuletzt deutet vieles darauf hin, dass selbst Teile der russischen Armee nichts von ihrem bevorstehenden Kriegseinsatz wussten: Die russische Propaganda spricht von einer „Spezialoperation“, die den vermeintlichen Völkermord im Donbass beenden sollte. Die Mär der Befreiung ist eine von Putin schamlos aufgegriffene Umkehrung der Tatsachen und dient nun als zynische Rechtfertigung für seinen Krieg. Der russische Krieg gegen die Ukraine wendet sich auf andere Weise auch gegen das eigene Volk. 

Krieg, Wirtschaftskrise, Angst vor einer Atomkatastrophe. Keine Frage – das ist mehr, als man derzeit ertragen kann. Gerade wurde die Gesellschaft noch von den Nachwirkungen der Pandemie gebeutelt, nun fühlen wir eine bohrende Ohnmacht im Angesicht von Putins Krieg. Und die Frage ist: Wie können wir mit all dem umgehen? Es klingt banal, aber es ist hilfreich, sich klarzumachen, dass es immer und überall Krisenzeiten gab. Das macht sie nicht unbedingt erträglicher, kann uns aber lehren, dass bereits Generationen vor uns diese erlebt und überwunden haben. Die einzige Sicherheit ist aktuell, dass es noch mehr Unsicherheiten geben wird: über den Krieg, unsere eigene Zukunftsplanung und unser Selbstverständnis als freiheitliche Gesellschaft. Entgegentreten können wir dieser Unsicherheit, indem wir – stärker denn je – für demokratische Werte eintreten, auf denen wir uns vielleicht manchmal zu sehr ausgeruht haben. Auch können wir Wertschätzung zeigen – für alles, was uns selbstverständlich erschien: ein gut gefüllter Kühlschrank, Wellness-Urlaub und die ständige Verfügbarkeit aller Konsumgüter. Dankbarkeit hilft uns zu realisieren, wie privilegiert wir in vieler Hinsicht sind. 

Der zweite Aspekt geistert gegenwärtig inflationär durch Kolumnen und Social Media und mag nicht so ganz zur Ernsthaftigkeit dieser Tage passen: Selfcare. Selten war es wichtiger, mehr auf sich zu achten. Das bedeutet auch, Nachrichten dosiert zu konsumieren und sich eine Pause zu erlauben, wenn es zu viel wird, die Push-Nachrichten zu deaktivieren und sich selbst sowie anderen zu zeigen: Es ist okay, nicht klarzukommen mit der aktuellen Situation. Ebenso ist es okay, wenn man trotz der Lage in der Ukraine versucht, sein Leben normal weiterzuleben und nur so viel an sich heranlässt, wie man ertragen kann. Seid gut zu euch und hört auf euch selbst – niemand ist euch böse, wenn ihr eine Pause braucht. 

Zuletzt hilft Information, der Hilflosigkeit entgegenzutreten. Ihr seid nicht allein. Viele fühlen sich ähnlich verzweifelt und es gibt verschiedene Wege, die Ohnmacht dieser Tage in Hilfe für die betroffenen Menschen umzuwandeln. Ob es Engagement in Verteilerzentren für Hilfsgüter, eine Geldspende oder der Protest auf der Straße ist: Der Schreck der namenlosen Dinge wird dann überwunden, wenn wir mit Menschen über unsere Ängste sprechen und laut werden gegen das, was unsere Freiheit bedroht. Statt über die „faire Verteilung” von Flüchtenden und steigende Energiepreise zu diskutieren, sollten wir unsere historische Verantwortung erkennen. Die Kriegsverbrechen und der Holocaust in der Ukraine während des 2. Weltkriegs sind nach wie vor – teilweise – blinde Flecke im kollektiven Gedächtnis der Deutschen, mit denen wir uns dringend beschäftigen sollten. Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen und Solidarität mit den Menschen zeigen, die vom Kriegsgeschehen schwer traumatisiert sind und die unsere Hilfe dringend benötigen. So können wir genau das bewirken, was dieser Krieg zerstören sollte: Zusammenhalt und Solidarität in einer gebeutelten Welt – unabhängig von der jeweiligen Herkunft.

Autorin: Laura I.
Illustration: Teresa Vollmuth

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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