Ein kleines Licht. Unscheinbar steht es auf der kahlen, braunen und von den Jahren verschmähten Tischplatte. Tiefe Furchen und kleine Risse ziehen sich der Länge nach durch das alte Holz. Das Flackern der Kerze taucht das Braun in einen warmen Schein, welcher das Zimmer mysteriös erleuchtet.

Die Kerze steht seit eh und je auf dem gleichen Platz. Die stetige Wärme hat bereits eine kleine Kuhle geformt, die nun ein Teil des Holzes ist. Holz und Feuer in Harmonie – ohne Zerstörung. Die Kerze hat schon lange nicht mehr so gebrannt wie in dieser Nacht. Er betrachtet die Kerze mit einer warmen Zuneigung in den Augen. In ihrer Flamme vereint sie mehrere Farben und verleiht dem Raum eine Einzigartigkeit, die er sonst nur in ihren Augen sah.

Sie ist wie alle Farben auf einmal und trotz ihrer dezenten Erscheinung strahlt sie heller als so mancher Stern. Ihre Energie könnte man nicht übersehen, so rein und pur, wie sie ihn anleuchtet. Erstickt von der Einsamkeit setzt sich der alte Mann jeden Abend an den gleichen Platz, an den gleichen alten Tisch und zündet die Kerze an, um sich zu erinnern. Er will die Farben sehen und die Dunkelheit des Raumes mit ihren Strahlen vertreiben.

Der Tag so lang und ermüdend er auch sein mag, ist finsterer als die Nacht, da er diese mit einer kleiner Kerze erhellen kann. Mit den Fingern zeichnet er träumerisch die kratzigen Furchen nach und erinnert sich an die Zeit, als sie noch weich und eben waren. Der Tisch war schon hier, bevor sie kam und ist immer noch da, nachdem sie gegangen ist. Er bleibt und er wird auch noch in der dunklen Ecke stehen, wenn er ihr folgt. Vielleicht ist es schon bald, vielleicht dauert es nur noch so lang, bis das Licht der Kerze erloschen ist. Vielleicht wird er aber noch viele Abende eine neue Kerze aus der Schublade über der Spüle holen, um ihre Schönheit zu betrachten.

Der Schein hat fast eine hypnotische Wirkung auf ihn. Das Blau am unteren Ende des Stängels und das Weiß, welches langsam in ein glühendes Orange übergeht. Die Farben erinnern ihn an die vergangenen Jahre. Wie alles begann. Und wie alles endete. Es macht ihn traurig, der Kerze langsam beim Verschwinden zuzusehen, aber gleichzeitig erfüllt es ihn auch mit Glückseligkeit. Die Kraft der Kerze ist beinahe so stark wie seine Liebe zu ihr. Sie glüht immer weiter, obwohl sie dabei schmilzt. 

Trotz des Flackerns und der teils unruhigen Bewegung der Flamme erlischt sie nicht. Auch seine Flamme wird ewig brennen, solange er atmet und sie mit Sauerstoff versorgen kann. Und so sitzt er da und in seinen Augen spiegelt sich der Schein der Kerze und tausend Erinnerungen, die ihm in diesem Moment durch den Kopf gehen.

Illustration © Teresa Vollmuth

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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