Mein Leben war bis dato immer gut gewesen. Mir hat es an nichts gefehlt. Mama und Papa haben immer schöne Sachen mit uns gemacht. Wir lebten in einem Haus mit Garten, in einer ruhigen Nachbarschaft, in der ich viele Freund:innen hatte. Ich dachte, mir könnte nichts passieren. Meiner Familie könnte nichts passieren. Und dann der Schock. Wir stehen auf dem McDonalds-Parkplatz. Mein kleiner Bruder auf dem Rücksitz, ich auf dem Beifahrersitz, meine Mama am Lenkrad.

“Bevor wir reingehen”, sagt sie, “muss ich euch noch etwas mitteilen.” Ich höre ihr gespannt zu. Ihre Tonart gefällt mir nicht. 

“Euer Papa und ich, wir haben uns getrennt.”

Was?

Ich dachte ich höre nicht richtig. Es ist schon erstaunlich, wie schnell eine Welt in sich zusammenbrechen kann. Ich war zehn. Mein Bruder fünf. Er hat das alles noch weniger verstanden als ich.

“Ihr … trennt euch? Warum? Liebt ihr euch nicht mehr?”

“Wir haben uns noch gern. Aber nur als Freunde.”

Ich fange an zu weinen. Meine Mama sagt, ich soll aufhören, damit wir reingehen und essen können. Ich schaue sie perplex an. Ist das gerade ihr Ernst? Meine Familie bricht auseinander und sie sagt mir, ich soll aufhören zu weinen? Sauer. Enttäuscht. Suck it up.
Du willst Mama nicht traurig machen, indem du weiter weinst.

Später am Abend. Ich sitze mit meinem Papa auf dem Bett. Er erklärt mir, dass es ihm leid tut. Dass es für ihn auch schwer ist. Er weint. Ich habe meinen Papa noch nie weinen sehen.

Aber wenn es ihn so fertig macht, wieso muss es dann passieren? Wieso können wir nicht einfach weiter eine Familie bleiben?

Der nächste Tag. Ich rufe meine beste Freundin an. Werde zu ihr gefahren. Sie tröstet mich.

Schule. Sehe alle Freund:innen wieder. Muss ihnen erzählen, was passiert ist. Sie schauen mich mit großen Augen an. Dass die Eltern sich trennen, war damals noch unfassbar. In meinem Umkreis waren meine Eltern die ersten, die diesen Schritt gemacht haben.

Die Tage vergingen. Meine Eltern versuchten wieder miteinander anzubandeln – ohne Erfolg. Ich las Bücher über Trennungen, die meine Mutter mir gekauft hatte. Ja, ist alles schön und gut, toll, jetzt weiß ich, dass ich nicht alleine bin. Ich hasse es trotzdem.

Mein Vater hat eine Wohnung gefunden. Sie ist schön. 

Am Tag seines Umzugs verstecke ich seine Schlüssel und blockiere die Tür.

Papa-Wochenende. Alle zwei Wochen sehe ich meinen Papa zwei Tage lang. Manchmal kommt meine Mama mit und übernachtet. Das macht uns Hoffnung. Aber auch das verläuft sich im Sande und irgendwann begreifen wir, dass das jetzt die Realität ist. 

Mein Bruder und ich schlafen zusammen auf einer Ausziehcouch im Büro meines Vaters. Das fühlt sich nicht wie zu Hause an und ist ziemlich nervig. Aber wir wollen Zeit mit Papa verbringen, also machen wir es.

Ich verpasse Übernachtungspartys meiner Freundinnen.

Und werde schneller erwachsen als angedacht. 

“Du bist nicht der Papa”, sagt man mir. “Du musst deinen Bruder nicht erziehen.” Aber wer macht es sonst? Papa, wenn wir alle zwei Wochen mal das Wochenende da sind? Oder meine Mama, die sich den Arsch abrackert, um genug Geld zu verdienen, damit wir drei gut leben können?

Mittlerweile sind auch wir in eine Wohnung umgezogen. Meine Mutter schläft im Wohnzimmer, mein Bruder und ich haben eigene Zimmer. Ich habe diese Wohnung geliebt. 

Weihnachten feiern wir alle zusammen. Das ist schön. 

Meine Mama hat einen neuen Partner. Er ist sehr nett. 

Mein Papa hat eine neue Partnerin. Sie scheint auch nett zu sein. 

Wie der Schein manchmal trügen kann.

Verpasse noch mehr Treffen meiner Freundinnen, weil ich auf meinen Bruder aufpasse, damit meine Mama abends mal was mit ihren Freundinnen machen kann. Ich habe es angeboten. Ich bin trotzdem traurig.

Es wird besser mit der Zeit. Man gewöhnt sich dran. Verbringe mehr Zeit mit dem neuen Freund meiner Mutter, wir machen Fahrradtouren, wir kochen gemeinsam, es macht Spaß. Ich lerne seine Kinder kennen. Sein Sohn wohnt bei ihm. Auch er ist nett. Es folgen gemeinsame Urlaube in Dänemark. Es ist schön.

Auch mit Papas neuer Freundin verbringe ich mehr Zeit. Sie kümmert sich um uns. Sie mag uns sehr. Oder?

Wir machen gemeinsame Ausflüge, fahren auch zusammen in den Urlaub, übernachten auch mal bei ihr. Ich habe Spaß.

Doch nach zwei Jahren bemerke ich, dass da etwas nicht stimmt. Immer wieder bekomme ich den Eindruck, sie ist eifersüchtig auf uns Kinder, weil wir manchmal mehr als zwei Tage alle zwei Wochen mit unserem Vater verbringen wollen. Sie redet mit mir über Beziehungsstress. Ich war dreizehn.

Dann fängt es an. 

Mein Papa kommt zu mir, sagt, ich muss zum Arzt, ich sei zu dünn.

Wurde von Arzt zu Arzt geschleppt, schließlich soll ich in die Essklinik. Die Einzigen, die zu mir halten und wissen, ich bin nicht magersüchtig: meine Mama und meine Tante. Danke. Ohne euch hätte ich das nicht geschafft. 

Vertrauen. Weg.

Meine Verbindung zu meinem Vater verschlechtert sich. Seine Partnerin meckert meinen Bruder immer wieder an. Es gibt Streit. Mein Vater lässt sich beeinflussen. Ich habe nie meine Meinung gesagt, mich immer an alle Regeln gehalten. Aber jetzt platzt mir der Kragen.

Wer denken die, wer sie sind? Sie hat schon mal gar kein Mitspracherecht. Sie hat nichts zu sagen. Und er? Kann er sich wirklich so eine krasse Meinung erlauben, wenn er uns nur so wenig zu Gesicht bekommt?

Ja, mein Bruder war anstrengend. Was erwartet man von einem achtjährigen Jungen, der seit drei Jahren mit einer nicht ständig vorhandenen Vaterfigur aufwächst?

Der Probleme in der Schule hat, da seine Lehrer:innen nicht genügend auf ihn eingehen? Ich war so sauer.

Wir waren bei meiner Oma. Papas Freundin hat wieder rumgezickt. Ich keife sie an. Frage sie, was ihr einfallen würde, so über meinen Bruder zu sprechen. Ich bin wütend. Meine Oma ist aufgebracht. Sie mag sie. “Sie passt perfekt zu deinem Vater. Er darf auch glücklich sein.

Das sagt er mir auch. “Habe ich es nicht verdient, glücklich zu sein?”

Doch natürlich. Aber warum mit ihr?

1 Jahr später – Trennung.

Seitdem hatte mein Vater noch zwei andere Partnerinnen. Die eine Beziehung hielt nicht ganz so lange, aber seine Freundin war wenigstens nett. Sehr unsicher, aber nett. Ich war traurig, als er sich von ihr getrennt hat.

Ich komme aus Kanada zurück. Mein Vater holt mich am Flughafen ab, erzählt mir, dass er eine neue Freundin hat. Ich freue mich für ihn. Natürlich. Er sagt, sie sei nervös, mich kennenzulernen. Alle anderen kennt sie schon, nur mich nicht. Sie kommt vorbei. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich wusste sofort, dass ich mich mit ihr verstehen würde. Und das hat sich bewahrheitet. Die beiden sind mittlerweile seit knapp drei Jahren zusammen. Meine Mama und sie verstehen sich unfassbar gut. Wir treffen uns zum gemeinsamen Essen, wir feiern zusammen Weihnachten  …

Das ist das Beste, was je passieren konnte.

Meine Mutter ist seit zehn Jahren mit dem gleichen Partner zusammen. Sie haben ihre Ups und Downs, aber irgendwie kommen sie nie wirklich voneinander los. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich mir ein Leben ohne ihn auch nicht mehr wirklich vorstellen.

Ich habe das große Glück, dass meine Eltern noch befreundet sind. Sie waren gemeinsam auf meinem Abiball, ziehen (meistens zumindest) an einem Strang und sind immer füreinander da. Dankbar. Ich bin so dankbar dafür. Ich weiß nämlich auch, dass das absolut nicht selbstverständlich ist.

Der Schmerz wird besser. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie es wäre, wenn meine Eltern noch zusammen wären. Ich glaube, das ist auch gut so. Beide zusammen wären irgendwie total anstrengend. Natürlich fragt man sich manchmal noch, – was wäre, wenn – aber tief im Inneren weiß man, dass alles gut so ist, wie es eben gerade ist.

Ich habe lieber glücklich getrennte Eltern als unglücklich verheiratete.

Meine Mama hat mich immer gefragt, ob ich glaube, dass ich jetzt verkorkst bin. Meine Antwort war immer Nein. Nachdem ich jetzt aber immer mehr merke, wie anders meine Kindheit war und was für tief liegende Probleme ich jetzt habe, fällt die Antwort wohl anders aus.

Ich möchte meinen Eltern hier keinerlei Vorwürfe machen. Aber so was zieht nicht einfach spurlos an einem vorbei. Jetzt sitze ich hier mit den Vertrauensproblemen, den Verlustängsten und frage mich, wie ich damit umgehen soll. Ich sitze hier und erfahre, dass ich schon viel zu früh viel zu erwachsen geworden bin. Dass meine Freund:innen ganz anders empfangen werden, wenn sie nach Hause kommen, dass sie sich nicht für alles und jeden verantwortlich fühlen. Dass sie nicht denken, dass es ohne sie nicht läuft.

Es ist hart. Und ich weiß, dass ich mir Hilfe suchen sollte. Und ich weiß auch, dass es besser werden wird. Und daran halte ich fest.

Autorin: Louisa Knorn
Illustration: Laura Sistig

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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