Schon mal ‘ne Bewerbung an eine große Redaktion geschickt? Ich noch nicht und ich fürchte mich davor, es zu versuchen – der Journalismus ist keine einladende Branche. Anstellungen sind schwer zu finden, bezahlte noch schwerer und viele landen als freie Journalist:innen in der sozial ungesicherten Selbstständigkeit. Melisa Erkurt gehört zu denen, die es quasi geschafft haben. Sie ist Kolumnistin bei taz und Falter, hat ein Buch geschrieben und mit die Chefredaktion selbst ein Medium gegründet. Dabei war das alles andere als geplant. Wenn man ihr nicht auf dem Weg zur Uni das biber Magazin in die Hand gedrückt hätte, wäre sie Lehrerin geworden. Unter dem Beruf Journalist:in konnte sie sich bis dahin kaum etwas vorstellen, zuhause wurde Journalismus nicht konsumiert. Das Migrant:innenmagazin biber war das erste Medium, das sie bis zum Ende gelesen hatte und so begann sie, dort zu schreiben. Jetzt kennt sie die Branche und auch die Probleme, die man von außen oft nicht sieht.

DIEVERPEILTE: Als junge Frau mit Migrationshintergrund entsprichst du nicht dem klassischen Typ des Chefredakteurs. Bist du dadurch auf Schwierigkeiten gestoßen?
Melisa Erkurt: Die erste Schwierigkeit war, dass ich mich in diesem Job gar nicht gesehen habe. Ich wusste gar nicht, dass es mit meiner Biografie möglich wäre – meine Eltern sind Arbeiter:innen und wir sind nach Österreich geflüchtet. Solche Menschen sind in den Redaktionen nicht so präsent und wenn du dich in einem Beruf nicht siehst, wirst du das nicht anstreben. Du fühlst dich dort auch oft nicht so richtig wohl. Das habe ich gemerkt, als ich das biber verlassen und andere Redaktionen kennengelernt habe. Dort gab es weniger Menschen, die ähnliche Lebensrealitäten hatten wie ich. Da fühlt man sich schon manchmal einsam, man ist auch oft die Erklärerin. Ich hatte das Gefühl, ich kann jetzt nicht einfach nur Journalistin sein – man sagt natürlich schon etwas, wenn Kolleg:innen etwas Diskriminierendes in ihren Berichten machen, was ihnen wahrscheinlich gar nicht so bewusst ist. Aber solange Menschen in den Machtpositionen auch nicht unterschiedliche Lebensrealitäten haben, solange in den Redaktionen nicht vielleicht zumindest ein Drittel oder so nicht weiß, heterosexuell, männlich und Kind von Akademiker:innen ist, bleibt das schwierig.

Wie war es vonseiten der Leser:innen?
Hass im Netz ist eine Sache, die Frauen in der Öffentlichkeit kennen und wenn die Leute auch wissen, dass du Muslima bist und Migrationsgeschichte hast, da kriegst du einen Batzen ab. Es gibt nicht wirklich Schulungen oder Trainings für Diversitäts-Know-How, da ist gar kein Bewusstsein, wie man damit umgehen soll als Redaktion. Viele Chefredakteure denken, sie haben eine Redakteurin mit Migrationsgeschichte und das reicht. So ist es natürlich nicht. Die muss sich auch wohl und sicher fühlen.

Eine bestimmte Lebensrealität ist sehr stark repräsentiert und die wird als selbstverständlich wahrgenommen. 
Objektivität ist im Journalismus natürlich das A und O. Und Objektivität wird als das definiert, was die männliche, autochthone Mehrheitsgesellschaft als objektiv empfindet. Lange war es so, dass Frauen, Journalistinnen, die sich für die Gleichberechtigung der Frauen eingesetzt haben, schon als aktivistisch galten. Das muss man sich mal vorstellen! Gut, bei Frauen hat man jetzt ein bisschen Nachsicht, man darf sich als Journalistin gegen Sexismus einsetzen. Aber beim Thema Migrationshintergrund und Rassismus ist es oft noch so, dass Journalist:innen, die selber betroffen sind, oft in dieses aktivistische Eck gerückt werden – obwohl sie null aktivistisch sind – und dadurch diskreditiert man sie. Wenn ich jetzt auch nach Deutschland blicke, dann sind diese Journalist:innen oft nicht angestellt, sondern freie [Journalist:innen, Anm. d. Red.]. Da frage ich mich, ob das vielleicht auch daran liegt, dass man sie beim öffentlich-rechtlichen schnell loswerden können will, wenn sie etwas sagen, das eben „zu aktivistisch“ ist, aus dem Blick der weißen Mehrheitsgesellschaft. Das muss man neu definieren – was aber erst geht, wenn die Führungspositionen auch diverser werden und davon sind wir meilenweit entfernt.

Personen, die sich gegen irgendeine Form von Diskriminierung auflehnen, sind oft die, die selbst betroffen sind. Was dann auch wieder verhindert, dass sie in den restlichen Themen präsenter sind. 
Viele werden in dieses Eck gedrängt. Man gibt ihnen die „Migrationsthemen“ und dann sind sie „zu aktivistisch“. So wird das ein Teufelskreis. Im Journalismus müssen Menschen, die nicht weiß sind oder Migrationsbiografie haben, immer mehr aufpassen, was sie sagen, was sie schreiben, weil allein ihre Existenz als Statement gewertet wird. Eine schwarze Person könnte einen rechten Politiker nicht so objektiv interviewen wie eine weiße Person. Das ist vollkommener Blödsinn, aber diese Meinung herrscht in den Köpfen. Einem Menschen, der nicht in dieses klassische Schema passt, wird es nicht einfach gemacht, in einer Redaktion zu arbeiten. Es ist wirklich mit vielen Schwierigkeiten verbunden und ich verstehe, wieso es so wenige Migrant:innen im Journalismus gibt. Mal abgesehen davon, dass man unbezahlte Praktika machen muss und Menschen mit Migrationshintergrund überproportional oft aus ärmeren Familien kommen und sich das nicht leisten können.

Das ist gerade für viele junge Leute ein extrem wichtiger Punkt. Wenn man in den Journalismus reinschnuppert, merkt man schnell, wie prekär das eigentlich ist – besonders für die Freien und die unbezahlten Praktikant:innen. Werden dadurch bestimmte Leute vom System bevorzugt?
Klar. Das sagen auch die neuen deutschen Medienmacher:innen, die sich darauf spezialisiert haben, sich anzuschauen, was diese Hürden sind und wieso die Redaktionen nicht divers sind. Das hat viel mit diesen unbezahlten Praktika zu tun. Auch viel damit, dass Menschen aus unteren Schichten, die keine Akademiker:innen als Eltern haben, wenn sie studieren, etwas Sicheres machen. Etwas wie Lehrerin. Journalismus ist da schon mal irgendwie fern. Und dann brauchst du Kontakte… Als ich zum ORF gegangen bin, wurde ich ständig gefragt: „Wie bist du hier reingekommen? Also über wen?“ und für mich war das nicht ganz klar – Wie meinen sie das? Ich wurde einfach gefragt. Erst dann habe ich gemerkt, dass es manche gibt, die irgendwie Patenkind von jemandem sind, die machen ein Praktikum und dann bleibt dir der Name im Gedächtnis. Außerdem wissen wir auch von Studien, dass Menschen eher Leute anstellen, die einem selber ähneln. Weiße männliche Chefredakteure stellen eher weiße männliche Menschen an und das geht dann so weiter.

Wie geht ihr bei der Chefredaktion an dieses Problem heran?
Wir schreiben extra hinzu „Menschen mit Diskriminierungserfahrung bevorzugt“ und dann erst bekommst du eine diversere Breite an Bewerbungen. Aber es sind auch bei uns zuerst meistens weiße Akademiker:innenkinder, meistens Frauen – der Journalismus ist ja mittlerweile sehr weiblich, seit er so schlecht bezahlt ist und prekär (lacht). Das heißt, auch wir müssen gezielt nach diesen Menschen suchen. Viele sehen das als Benachteiligung und sagen, das wäre ungerecht. Ich sehe das nicht so. Ich sehe, wir versuchen, die Chancen annähernd anzupassen.

Vielen fehlen auch die Umgangsformen, die über Klasse und Herkunft vererbt werden und einem erleichtern, an Leute heranzutreten.
Deshalb bin ich so aktiv auf Social Media: Es ist eine sehr niederschwellige Form des Netzwerkens und das trauen sich die meisten, ich auch. Ich gehe zum Beispiel gar nicht gerne auf diese Journalismus-Events. Das sind Orte, wo ich mich nicht wohlfühle. Das hat eben mit Klasse zu tun, wie du schon gesagt hast. Obwohl die meisten mich dort wahrscheinlich mittlerweile kennen und ich viele auch mag, mag ich das gar nicht gern. Ich glaube, viele können sich gar nicht vorstellen, wie viel Überwindung das kosten kann und denken sich dann, die fühlen sich zu gut oder zu arrogant. Ich höre ja auch immer Aussagen wie „Die Migrant:innen wollen ja nicht in den Journalismus. Sie bewerben sich nicht.“ Man muss einen so niederschwelligen Zugang schaffen, dass sie sich auch trauen.

Du hast mal davon gesprochen, dass die jungen Menschen, die dir schreiben, oft sagen, sie hätten das Gefühl, für ihre Stimme wäre kein Platz. Stimmt das?
Das kommt darauf an, was sie bewirken wollen und was für eine Karriere sie im Journalismus anstreben. Wenn man sich damit bis zur Rente seinen Lebensunterhalt verdienen will, würde ich nicht unbedingt die eigene Stimme nutzen, um auf Themen hinzuweisen, von denen man selbst betroffen ist. Dann wird es schwierig, wie wir schon besprochen haben. Aber wenn man eigentlich immer freie:r Journalist:in sein möchte, selbstständig, sein eigenes Ding machen, kann man das auf Social Media mittlerweile ja richtig gut. Man muss sich nur im Klaren sein, was man möchte und, dass es oft kein Zurück gibt. Wenn du einmal im Journalismus oder auf Social Media lautstark Beiträge gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen Sexismus machst, und selbst betroffen bist, wird es irgendwann vielleicht schwierig, dass große Redaktionen dir eine Anstellung geben.

Würdest du sagen, dass dadurch in der Medienwelt inhaltlich etwas ausgelassen wird?
Es ist leider so. Ich möchte nicht sagen, dass das gut ist. Die Mehrheit in der Medienlandschaft, die die Jobs und die Kolumnen vergeben, die Talkshows besetzen, hat teilweise eine ähnliche Biografie und ist ähnlich aufgewachsen. Sie haben ähnliche Vorstellungen davon, was Journalismus ist, als hätten sie Objektivität für sich gepachtet. Begriffe, wie Identitätspolitik könnte man genauso für die weiße Mehrheitsgesellschaft anwenden. Macht man aber nicht, man sagt das nur für die Minderheiten. Gleichzeitig erwarten die Redaktionen es von den migrantischen Redakteur:innen. Wenn sie es machen, sind wir wieder in diesem Teufelskreis, dann ist es zu viel Betroffenheitsjournalismus.

Welche Konsequenzen siehst du langfristig, wenn das nicht genug aufgearbeitet wird?
Du wirst [als Medium] irgendwann irrelevant. Die jungen Menschen, aus der Generation Z, sind durch Social Media so vernetzt, dass sie gewohnt sind, alle Lebensrealitäten dort abgebildet zu sehen – selbst wenn sie nicht von irgendeiner Diskriminierung betroffen sind. Zu klassischen Medien werden die nicht mehr greifen. Diese Konsequenz ist unabhängig davon, dass es ein Versäumnis des Journalismus ist. Das Ziel ist ja nicht, die ohnehin Informierten zu erreichen, sondern alle abzubilden, alle zu erreichen. Abgesehen davon glaube ich, dass es auch wirtschaftlich nicht klug ist. Sie verlieren die Nachfolgegenerationen. Man sieht ja schon, dass die kaum Medien konsumieren, sich aber sehr wohl informieren wollen.

Was verändert ihr mit der Chefredaktion in dieser Welt?
Mir ist sofort aufgefallen, dass uns Leute abgeworben wurden, von denen es hieß, solche Journalist:innen gäbe es gar nicht. Idan, unser erster Redakteur, macht jetzt TikTok für die wichtigste Nachrichtensendung Österreichs, eine unserer Redakteurinnen macht Social Media für ein anderes öffentlich-rechtliches Format, Alena hat als jüngste Redakteurin einen Journalismuspreis gewonnen… Die großen Medien wollen diese Leute nicht ausbilden, aber sie wollen sie haben und nehmen sie sich quasi dann von uns. Ich freue mich natürlich! Aber wieso erkennen die Redaktionen dadurch nicht, dass sie vielleicht mehr in ihre Ausbildung investieren sollten? Dann merke ich auch, dass junge Menschen uns konsumieren, über uns reden, sich über uns auch in Themen vertiefen, wo man ja oft sagt, dass man diese Generation gar nicht erreichen könnte. Dabei geht das eigentlich ganz gut durch Instagram.

Seid ihr im Gründungsprozess auch auf Schwierigkeiten gestoßen?
Geld. Niemand will für Journalismus zahlen. Alle wollen vielleicht diesen super jungen, diversen Journalismus, aber tatsächlich unterstützen tun nicht viele. Das ist die größte Herausforderung, wie bei allen Medien – die Finanzierung.

Worin liegt der Wert speziell in so kleinen und neuen Projekten?
Es gibt nicht so viele Stellen, die ein Beitrag passieren muss, wodurch man teilweise die Relevanz verliert beziehungsweise den direkten Zugang. Das ist, was so junge, kleine Formate ausmacht: Dass sie schnell sind, dass es oft sehr authentisch ist… Sie unterscheiden sich zwar von der journalistischen Qualität von üblichen Influencer:innen, aber von der Aufbereitung der Inhalte sind sie ähnlich. Das gefällt mir gut und ist, glaube ich, sehr zugänglich. Kleine Medien haben eine Community, mit der sie im Austausch sind. Wenn du mit einem:r Redakteur:in eines öffentlich-rechtlichen schreibst, wird er:sie dir vielleicht nicht zurückschreiben. Wenn du aber einem kleinen Medium schreibst, antworten die, zumindest wir, sofort. Das sind riesige Vorteile, die im Journalismus lange unterschätzt wurden. Bei großen Medien war eine Person, der:die Praktikant:in vielleicht, für Social Media und Community Management zuständig. Besonders kleine Medien unterschätzen das nicht. Die sind wirklich aktiv und dadurch entstehen oft eigene Stories. Ich glaube, es ist einfach viel unkomplizierter, Journalismus zu machen, wenn man ein kleines Medium ist.

Man kann die Brücken bauen, zwischen der Routine, die viele Menschen heute auf den neueren Netzwerken haben, und Informationen, wofür die großen Medien fast zu weit weg sind.
Ja genau, und man macht auch mehr. Der:die Journalist:in von morgen muss auch Community Manager:in sein und mit Leuten interagieren, sie müssen selber Formate entwickeln können. Und wenn du in einem kleinen Medium arbeitest, machst du auch immer ein bisschen was von allem. Unsere Redakteur:innen drehen selbst und schneiden, kommentieren selber die Beiträge, recherchieren… Und solche Leute suchen alle – deswegen werden sie den kleinen Medien abgeworben. Das ist natürlich ein Problem, denn dann verlieren sie ihre Redakteur:innen.

Wir erleben selber auch, dass es sehr schwierig ist, langfristig zu überleben. Was können die einzelnen Konsument:innen beitragen, wenn sie nicht zufällig einen Fonds verwalten?
Naja, das zu konsumieren mal in erster Linie (lacht). Zu teilen, zu empfehlen – es geht ja viel über Mundpropaganda. Und klar, wenn man das irgendwie übrig hat… Wir zahlen ja alle für Netflix, Spotify, Amazon prime, da können wir vielleicht auch drei Euro im Monat einem kleinen Medium überweisen. Das ist, glaube ich, eine Frage der Prioritäten. Man merkt oft, wenn kleine Medien sagen, dass ihnen das Geld ausgeht, dann kommen die Leute darauf, dass sie sie unterstützen sollten. Aber so weit muss es nicht kommen. Man kann gute Arbeit auch einfach so honorieren. Das kostet halt. Ich glaube, viele wissen das nicht und das müssten Medien auch transparenter kommunizieren. Was wie viel Arbeitsaufwand ist, was wie viel kostet und dass man nicht irgendwie riesige Inseratenförderungen bekommt. Medien und kleine Medien müssten transparenter kommunizieren, wie sie sich finanzieren, damit dieses Bewusstsein geschaffen wird. Woher sollen auch Menschen, die Journalismus nicht kennen, wissen, dass die auf Geld angewiesen sind? Mir war nicht klar, wie sich Medien finanzieren, bis ich selber angefangen habe, in einem zu arbeiten.

Illustration: Laura Sistig

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Autor:innen

Charlotte Koi
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Seit 2021 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Wirtschafts- und
Sozialwissenschaften in Wien studiert und befindet sich aktuell im
Philosophiestudium. Themenschwerpunkte sind Gesellschaft, Wirtschaft und
Poltik.   

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