Schon seit über zehn Jahren beschwere ich mich, dass uns Jungen nicht zugehört wird. Noch immer sitzen dieselben Menschen an der Macht und entscheiden über Dinge, die sie oft gar nicht mehr richtig betreffen werden. Dabei hätten wir so gute Ideen. Wir hätten den Mut, wirklich etwas zu verändern, auch wenn dabei mal was schief geht. Aber die Alten hören uns eben nicht zu. Wir hätten ja noch nicht die Erfahrung, die es bräuchte, um die Welt richtig zu verstehen, und überhaupt gibt es so viel, das wir noch zu lernen hätten. Bullshit. Diesen Fehler möchte ich nicht machen. Nachdem wir auch nicht die letzte Generation sein werden, heißt das, dass wir den noch Jüngeren genauso das Wort überlassen sollen. Damit sie uns sagen, was sie denken, fühlen, glauben. Uns die Meinung geigen, ihre Wünsche mitteilen und mit den Vorurteilen, die alle über sie haben, aufräumen. Zum Beispiel dem, dass die Kinder alle nur am Handy kleben. Daher habe ich meine elfjährige Schwester Filippa gefragt, wie sie denn eigentlich so zu ihrem Smartphone steht.

DIEVERPEILTE: Kannst du dein Handy einmal so beschreiben, als würdest du einer guten Freund:in davon erzählen?
Filippa: Ich habe ein iPhone XR. Es ist schwarz und hat eine Kamera. Ich habe eine durchsichtige Hülle, auf die ich Glitzer über das Apple-Zeichen geklebt habe. Mein Papa hat sich im Sommer ein neues gekauft und dann hab ich seines bekommen.

Wie viel Zeit verbringst du denn am Handy?
Weiß nicht, ich kann nachschauen. Ich schätze so vier Stunden pro Tag?

[Öffnet die Einstellungen und sieht nach]

Genau sind es vier Stunden und 47 Minuten.

Da hast du gut geschätzt. Was sind so die Apps, die du am liebsten benutzt?
Ich verwende Snapchat gerne und Roblox. Das ist ein Spiel, bei dem man Parkours machen kann oder einfach Spiele mit anderen Menschen auf der Welt spielt. Ich kann auch mit meinen Freund:innen spielen, meistens aber mit anderen Menschen irgendwo. Dann spricht man halt Englisch im Chat.

Gefällt es dir, mit fremden Kindern zu spielen?
Ja. Ich finde es lustig, dass man sich austauschen kann und nicht immer mit den gleichen Personen schreibt. Das wird langweilig mit der Zeit. Gerade schreibe ich mit Kindern in Deutschland. Was die so machen, in welche Schule die gehen.

[Liest mir einen Chat vor]

„Hallo — Hallo — Wie gehts dir — Mir gehts gut und dir“

Ja, ungefähr so.

Wem schreibst du sonst noch so?
Meinen Freundinnen, vor allem mit der Lotti. Seit dem Online-Unterricht schreiben wir uns sicher jeden Tag. Wir texten uns die ganze Zeit in der Stunde und lachen die anderen Kinder aus, wenn sie doof in die Kamera schauen. Zum Beispiel so

[Zieht eine Grimasse]

Und wir machen immer zusammen Partnerarbeit, obwohl wir nicht dürfen. Richtige Gangster.

(Ich lache) Ändert sich dann deine Stimmung, wenn du dein Handy benutzt?
Naja, es ist lustig. Man sieht Sachen, die vielleicht zum Lachen bringen. Gifs oder im WhatsApp-Status, in Snapchat-Stories.

Und wenn dein Handy rumliegt und es läutet, wie fühlst du dich dann?
„Oh nein, es ruft jemand an, ich will nicht telefonieren.“ Dann hebe ich meistens nicht ab. Oft ist es die Lotti und das nervt, ich schreibe lieber. Wenn ich eine Nachricht bekomme, dann schaue ich, was drin steht und überlege, ob ich antworte oder nicht. Wenn zum Beispiel jemand schreibt „Kann ich zu dir kommen?“, dann schreibe ich nicht zurück. Ich mag das nicht, weil mein Zimmer meistens nicht aufgeräumt ist. Es darf wirklich niemand zu mir kommen, wenn mein Zimmer nicht aufgeräumt ist. Aber eine Nachricht zu bekommen ist ganz normal. Ich bin dann nicht aufgeregt, daran habe ich mich gewöhnt. Meistens habe ich es sowieso stumm geschalten, damit es nicht immer aufleuchtet.

Welche sozialen Netzwerke verwendest du jetzt?
Also WhatsApp, falls das zählt. Sonst nur Rublox, da spreche ich ja auch mit anderen Kindern, und Snapchat.

Würdest du gerne Netzwerke nutzen, die du aufgrund deines Alters nicht nutzen darfst?
TikTok (lächelt verschmitzt) und Instagram. Aber ich darf nicht, also mach ich’s nicht. Auch wenn das jetzt sehr komisch klingt, irgendwie. Mama sagt, da kriegt man einen schlechten Einfluss. Und da hat sie recht, aber es ist richtig lustig, das anzuschauen. Meine Freundinnen dürfen das aber fast alle.

Was sagt Mama generell zu deiner Handynutzung?
Ich verwende es zu viel. Das sagt sie immer, wenn ich irgendwas machen soll, aber nichts mache. Also Zimmer aufräumen. Aber das stimmt dann auch. Dann sitze ich am Handy und vergesse es halt. Ich soll schon seit vier Tagen aufräumen und hab’s noch immer nicht gemacht. Aber dein Zimmer hat auch nicht besser ausgeschaut.

(Ich lache) Das kann sein. Könntest du eine Woche ohne Handy verbringen?
Ja. Das wäre schlimm, aber ich glaube, ich würde mich daran gewöhnen. Mit meinen Freundinnen kann ich eh am Computer schreiben. Aber für eine Woche wäre es auch ohne den ok. Wenn ich es dann nicht so schlimm finde, würde ich es vielleicht länger machen. Dann würde ich mehr mein Zimmer dekorieren, basteln und zeichnen.

Welchen emotionalen Wert hat dein Handy für dich als Gerät?
Es ist einfach ein Besitz. Wie ein Uhu. (Sie lacht) Weil, der Uhu wird leer und man kann ihn auffüllen; das Handy auch. Einfach ein Besitz. Wenn das Haus irgendwie abfackelt, wäre das einzige, was ich mitnehmen würde meine Meerschweinchen und die Fotos. Wenn ich Zeit hätte, würde ich es vielleicht nehmen, aber die Mama hat ein Handy und das reicht.

Glaubst du, dass dein Leben sehr anders wäre, wenn du kein Handy hättest?
Ja wär’s. Weil ich mehr Zeit hätte für alles und nie rumtrödeln würde.

Das klingt ja eigentlich ganz gut.
Stimmt.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE. 

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