Ich sitze hier vor meinem Laptop, schaue aus dem Fenster und höre die Regentropfen an die Scheibe prasseln. Eigentlich müsste ich lernen, doch meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Was ist bloß los mit mir?

Seit Tagen fühle ich mich motivationslos, allein und verlassen. Verlassen von Freunden, Familie und jeglicher Regelmäßigkeit und Sicherheit in meinem Leben. Ich stehe still. Die ganze Welt steht still und ich mittendrin. Ich könnte schreien, doch ich schweige, schlucke das Gefühl herunter, als wäre nichts gewesen. Ich verspüre den Drang, die Zahnräder des Lebens wieder anzukurbeln, doch leider hat sich ein Stein im Antrieb verhakt. Es steht still. Ich denke mir immer wieder, es muss doch etwas geben, diesen harten Brocken zu entfernen – doch es ist aussichtslos … er wird vielleicht weicher oder bröckelt, aber um nun die ungeschönte Wahrheit beim Namen zu nennen: Er steckt fest. Für wie lang, das weiß keiner. Ob wir ihn überhaupt jemals ganz entfernen können, ist fraglich.

Ich weiß nur umso länger diese Blockade vorhanden ist, desto zerbrechlicher wird das System. Die Räder verlieren irgendwann an Kraft dagegen zu arbeiten und werden ihr ganzes Leben gelähmt sein. Wieder andere bekommen kleine Risse und verlieren an Stabilität. Wasser wird eindringen und sie von innen heraus sprengen. Wir werden von diesem Prozess nichts mitbekommen, auch nicht, wie sie ums Überleben kämpfen, an ihrer Stelle wird irgendwann nur ein leeres Loch sein und wir werden uns wundern, was passiert ist. Andere kleinere Räder verschwinden ganz von der Bildfläche ohne Vorwarnung, einfach so; einfach weg. Das System kommt zum Erliegen. Es ist still, man hört einzig das Kräuseln des Windes durch die freien Stellen. Jedes Rad ist wichtig, diese Zahnräder in systemrelevant oder nicht einzuteilen, ist hier wohl die dümmste Idee, die man haben kann. Jedes Zahnrad ist wichtig, ob groß oder klein, eher am Rand oder mittig platziert, jedes ist wichtig, sonst können wir den Wiederantrieb vergessen.

Und worum geht es?

Genau den Babyelefanten! Jetzt denkt sich jeder, die hat ein Rad ab. Ja, genau, genau das habe ich. Wen wundert es, irgendwann muss man halt mal durchdrehen. Spaß bei Seite, es geht um Corona … jaja blah, blah … Abstand, Lockdown, die Welt geht unter … die alltägliche Leier und die wachsende Unsicherheit unter der Bevölkerung. Wir sind machtlos, wir sind die Verlierer, alle anderen sind so ungerecht.

Dabei vergessen wir, dass es an uns liegt, wie wir diesem Thema gegenübertreten. Wir können versauern, resignieren und untergehen oder wir stehen auf und sagen: „Hey, lass uns doch was damit machen.“

Und hier appelliere ich vor allem an unsere junge Generation. An die Älteren auch, aber die haben gerade mit Arbeitslosigkeit, Insolvenz und Kurzarbeitergeld am meisten zu tun. Wo seid ihr Klimaschützer:innen? Wo seid ihr Kinder der Fridays for Future-Bewegung? Das ist doch die Gelegenheit für euch neue Ideen zu sammeln, eure Pläne auszuarbeiten und Werbung zu machen? Wir sind in dieser Zeit mehr denn je in Social Media und im Internet unterwegs, eigentlich müssten euch die Finger brennen vom ständigen Schreiben und veröffentlichen von Fakten über die Zerstörung der Erde und des Klimawandels. Denn gerade der Lockdown hat uns gezeigt, wenn wir jetzt handeln, kann sich unsere Erde noch erholen. Denn sie braucht uns nicht, sie kommt gut ohne uns zurecht. Aber wir hingegen würden ganz schön dumm dastehen, wenn uns Mutter Erde nicht mehr Heimat gewähren würde.

Auch sollten wir uns fragen, möchten wir wieder in einer Welt leben, in der nur noch Geld, Macht und Expansion zählt. Wie schnell kommt dieses System zum Erliegen, wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr gegeben sind. Wie viele haben gemerkt, dass nicht die Arbeit das wichtigste ist, sondern menschliche Kontakte, Beziehungen und gute Gespräche? Viele haben gemerkt, dass ein bisschen Selfcare dem Körper guttut? Wollen wir das nicht in unserem zukünftigen Alltag mit einbauen? Wollen wir nicht aus dieser Krise gehen und unseren Kindern einmal erzählen: Ja es war hart, aber wir haben unglaublich viel über uns selbst und die Welt gelernt, sonst würde es die Welt in der du gerade lebst, nicht mehr in der Form geben?

Möchten wir nicht dieses Miteinander, was wir im Moment lernen weiterführen? Haben wir nicht verstanden, dass Alleingänge Einzelner richtig in die Hose gehen können und wir gemeinsam viel erreichen können? Vielleicht sollten wir auch mehr im Einklang der Natur leben, denn war es nicht unser einziger Rückzugsort, der uns so viel Energie gegeben hat? Und und und … Ich könnte noch so viel aufzählen, doch ich denke, das meiste ist gesagt. Die Mehrheit wird sich eh schon Gedanken für sich gemacht haben und die anderen lade ich gerne dazu ein.

Lasst uns gemeinsam dieses System der Zahnräder wieder zum Laufen bringen, bunt anmalen und vielleicht etwas anders als davor. Wir haben jetzt alle Zeit der Welt, doch wenn es so weit ist, sollten wir nicht mit leeren Händen dastehen.

*Der Babyelefant wurde in Österreich als bildliches Veranschauungsmittel hergenommen, um den Menschen zu verdeutlichen, was 1,50 m Abstand bedeuten.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE  / Illustration: Marius Korn

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