Der Körper ist das materielle Ding im Raum, das unserem Denken und Fühlen eine Form gibt. Er ist das Medium, durch den das Ich in der Welt stehen und sich äußern kann. Über den Körper kann es sich artikulieren, mit Worten und Taten. Das Ich ist unumgänglich an ihn gebunden – ohneeinander funktionieren sie nicht. Stichwort. Funktionieren ist das, was die Milliardenmal unterschiedlich geformte Materie zu tun hat. Sie trägt die Seele und formt das, was wir als Ganzes Mensch nennen. Was passiert, wenn die Einheit von Körper und Seele gestört werden? Wie verändert sich ihr Verhältnis zueinander und ihr Umgang miteinander?

In der postmodernen Gesellschaft gibt es ein tief verankertes Körperproblem.

Das äußerliche Erscheinungsbild des Menschen spielt seit jeher eine Rolle. Zeitgeister beinhalten immer auch Schönheitsideale. Doch wenn die Gestaltung des Körpers zum Hauptthema medialer Diskurse wird und an dessen biologischen Grenzen geht, haben wir nicht nur ein Körperproblem, sondern auch ein Leibproblem. Vor lauter Äußerlichkeiten verlernen wir unsere Materie, die Träger unserer Emotionen und Empfindungen ist, zu spüren und zu leben.

Der Mensch muss schön sein.

Das suggerieren die zahlreichen Diätinspirationen in Lifestyle-Magazinen mit makellosen Photoshop-Faces, Ernährungscoach-Werbevideos auf Youtube oder Fernsehformate wie „Germanys Next Topmodel“. Die Perfektionsblase mit weißen, schlanken, lachenden, meist weiblich gelesenen Personen wird langsam zu einer ehrlicheren und diverseren transformiert. Dennoch hinken besonders die Formate der Öffentlich-rechtlichen hinterher. Etwa in Reality- und Trash-TV, die eine große Bandbreite Menschen ansprechen. Jugendliche wie Erwachsene. Das ist insofern problematisch, da die Inhalte durch ihre Einfachheit leicht und leider oft unreflektiert konsumiert werden und somit enormen Einfluss auf die Meinungsbildung und Wahrnehmung des eigenen Körperbildes haben können.

Der Körper wird zum Konsumobjekt. Schonungslos.

In Abnehm-Shows wie „The Biggest Loser“ oder Beauty-Sendungen wie „Extrem Schön!“, wird er zum beliebig veränderbaren Ding – seine Idealisierung als Ziel. Ungeachtet seines Wesens, was ihn eigentlich ausmacht, wird der Mensch auf die Makel seiner Materie reduziert. Unsere Jagd nach Schönheit wird durch die permanente Konfrontation mit Tipps zur Körperoptimierung befeuert.

Wie wirkt sich das langfristig auf unsere Selbstwahrnehmung aus?

Jeden Tag wird der Mensch von Idealbildern berieselt. Neben Werbebannern und Magazinen strahlen auch Social Media Plattformen wie Instagram auf uns ab. Sie fungieren als Ort der Selbstinszenierung. Im Sekundentakt präsentieren Menschen ihre Körper. Weiches seitliches Licht, Photoshop und Posen. Dazu Rezepte für Muskelaufbau und Fettabbau.

Ein gelungener Körper ist im Trend. Und wer dem Trend nicht folgt, ist nicht schön.

So könnte man meinen. Und obwohl die Beiträge zu Cellulite und Body Positivity zunehmen, stehen Disziplin und Perfektion der Körpertoleranz immer noch im weg. Ein gelungener, der Norm entsprechender Körper erfordert Arbeit. So entsteht unterschwellig der Druck, dem Schönheitsideal der postmodernen Leistungsgesellschaft zu entsprechen. Dieses Bild des ultimativen Norm-Körpers wird zum einen durch das bewusste und unbewusste Vergleichen von Körpern und deren Bewertung nach dick, dünn, sportlich oder unsportlich gestützt. Zum anderen verführen uns die unzähligen Möglichkeiten von Technik, Medizin und anderen Institutionen zur schnellen Korrektur zwischendurch.

Jede:r hat individuelle Motivationen, den eigenen Körper zu verändern und diese Option darf jeder Mensch nutzen. Dennoch sollten wir reflektieren, welche Optimierungsziele erstrebenswert sind und welche in einer tiefen Krise aus Selbstzweifeln und fehlender Selbstliebe resultieren.

Wie Körper und Seele am besten funktionieren, kann der Mensch nur für sich selbst herausfinden.

Dazu muss er lernen, seinen Leib zu spüren und auf dessen Signale zu vertrauen. Es bedarf regelmäßiger Selbstreflexion. Wie fühle ich mich gerade? Warum fühle ich mich so und welche inneren Empfindungen und äußeren Einflüsse tragen dazu bei, dass ich mich so fühle? Der Mensch steht in einer Welt, in der sein Ganzes in Bruchteile zerschlagen wird. Damit er heilen kann, muss er lernen, sich selbst zu pflegen. Schönheitsideale bestimmen niemals seinen Wert.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Foto © artelja

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