Derzeit verfalle ich manchmal in eine melancholische Trauerstimmung, weil ich endlich wieder rausgehen will. Ich weiß, das ist ein absolutes Luxusproblem. Es ist unumstritten ein Privileg, sich nach langen Partynächten zu sehnen, statt nach sauberem Trinkwasser. Und trotzdem hungere ich so sehr nach Vortrinken in unserer kleinen WG-Küche, in der die Hälfte der Leute auf dem Boden sitzen muss. Nach Tanzen im Club. Nach Stehtisch-Abenden auf dem Kiez, an denen wir den halben Biervorrat des Kiosks kaufen. Allerdings ist mir die Tage aufgefallen, dass ich eine Diskussion ziemlich lange nicht mehr führen musste, seit man sich nur noch mit den gleichen fünf Freunden trifft:

Unser Stammkiosk auf St. Pauli. Auf dem Stehtisch vor uns ist langsam kein Platz mehr für leere Bierflaschen. Meine Freundin Lara¹ will trotzdem reingehen und Nachschub holen. Da fällt ihr der Typ auf, der neben uns stehen geblieben ist, um sich eine Zigarette zu drehen. „Warum sprichst du ihn nicht an?“, schmunzle ich. Noch bevor sie reagieren kann, antwortet Jan¹, ein Freund von uns: „Na, weil sie das Girl ist.“ „Sollte im 21. Jahrhundert nicht auch die Frau den Mann ansprechen dürfen?“, werfe ich ein. „Natürlich dürfen Frauen das, aber es ist schon evolutionär so vorgesehen, dass der Mann als Jäger den offensiven Part beim Kennenlernen übernimmt.“ So umfassend meine Gegenrede auch ist, Jan ist nicht davon abzubringen, dass Laras Verhalten von ihrer Gebärmutter biologisch vorbestimmt sei: „Das ist schließlich wissenschaftlich bewiesen.“

Das Gerücht, Geschlechterrollen wären biologisch determiniert, hält sich hartnäckig. Es gibt tatsächlich Studien aus dem Forschungsgebiet der Evolutionspsychologie, die davon ausgehen, dass Männer* und Frauen* im Laufe der Evolution mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert waren und unterschiedliche Strategien entwickelt haben, damit umzugehen – und dass sich damit noch heute Unterschiede zwischen Männern* und Frauen* erklären lassen. Die Sorte Mensch, die behauptet, Menschen mit Uterus seien Jagdobjekte, macht daraus einen Faktastisch-Post, der behauptet, dass Männer* 19 mal am Tag an Sex denken, während Frauen* dies nur zehnmal tun. Schwupps ist die stärker ausgeprägte sexuelle Begierde des männlichen Geschlechts eine biologische Gesetzmäßigkeit. Blöd gelaufen für die andere Hälfte der Menschheit, die keinen Bock mehr hat, immer nur den passiven Part zu spielen.

Das ist natürlich etwas überspitzt dargestellt, doch ich reagiere mittlerweile recht empfindlich auf Situationen, wie die vor dem Kiosk. Denn Diskussionen, in denen pseudo-wissenschaftlich behauptet wird, Geschlechterunterschiede wären von der Evolution nicht ohne Grund so vorgesehen, limitieren Menschen –  meistens Frauen* –  in ihren Möglichkeiten. „Klar können Mütter auch arbeiten gehen, aber biologisch gesehen, sind Frauen einfach häuslicher.“ „Klar können Frauen auch One-Night Stands haben, aber evolutionär gesehen haben Männer einfach einen ausgeprägteren Sextrieb.“ Meiner Meinung nach gehören diese aber lange der Vergangenheit an. Doch Jan ist nicht gleich gegen Frauenrechte oder gar ein Frauenhasser, weil er da anderer Auffassung ist. Wer sich nicht in der links-feministischen Uni-Bubble aufhält, begegnet überall im Alltag reproduzierten Stereotypen: Sexualisierte Werbung, Hierarchien am Arbeitsplatz, die traditionelle Aufgabenteilung der Eltern. Umso wichtiger finde ich es, auf ein „Das ist wissenschaftlich bewiesen“ mit auch für Menschen, die sich nicht mit den Themen Gender und Feminismus befassen, gut verständlichen Gegenargumenten reagieren zu können. Oft hatte ich das Gefühl, mich dumm und dämlich zu reden, ohne den angeblichen wissenschaftlichen Beweis entkräften zu können. Darum habe ich schonmal Kontra-Argumente gesammelt für den Tag, an dem wir endlich wieder unser Bier vorm Kiosk trinken dürfen, während wir über Evolution und Geschlechterrollen diskutieren. Goodbye Gender-Darwinismus.

1. Nature and Nurture

Tatsächlich hat man in der Schule ziemlich viele schlaue Dinge gelernt, zum Beispiel dass die Entwicklung von Persönlichkeit und Verhaltensweisen durch Gene und Umwelt bestimmt ist. Nature und Nurture. In Studien ist es nur schwer möglich, genetische von Umwelteinflüssen, geschweige denn deren Interaktion voneinander zu trennen. Dafür müsste man die Entwicklung von Individuen betrachten, die komplett ohne äußere Einflüsse leben und das ist dank Forschungsethik zum Glück nicht erlaubt. Auch in der Evolutionspsychologie geht man nicht davon aus, dass männliches oder weibliches Rollenverhalten angeboren wäre, sondern man spricht von spezifischen Reaktionsmustern auf spezifische Umweltbedingungen. So wird gerne behauptet, dass Frauen* nicht dominant genug für Führungspositionen wären. Woher das kommt? Mutterrolle und vorzugsweise soziale Berufe verlangen Frauen* Einfühlsamkeit statt Konkurrenzverhalten ab. In der Altenpflege zu beweisen, dass man die Rollstühle am schnellsten über den Flur schiebt, kann man machen – wäre aber ziemlich unangebracht. Viele Frauen* – mich eingeschlossen – nehmen sich außerdem automatisch zurück, weil ihnen die Gruppendynamik wichtiger ist als der eigene Standpunkt in der Gruppe. Was ich damit sagen will: Die Job- bzw. Alltagsanforderungen haben oftmals einen viel größeren Einfluss darauf, welche Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften wir ausprägen, als das biologische Geschlecht.

2. Evolution = Anpassung

Fangen wir noch weiter vorne an. Was ist eigentlich Evolution?

Die Natur des Menschen wurde schon immer gerne verwendet, um neue Lebensmodelle abzuwehren und sinnlose Verhaltensregeln zu rechtfertigen. In der Vergangenheit musste sie zu diesem Zweck bereits für absurdeste Erklärungen herhalten. Margarete Stokowski schreibt in Untenrum Frei: „Als man Masturbation noch schlimm fand, erklärte man, sie lasse die Hände abfaulen.“

Eine natürliche Ordnung, die fortbestehen soll, „weil das schon in der Steinzeit so gewesen ist“ widerspricht sogar der Evolutionstheorie. Natürlich ist im Sinne der Evolution nicht, was schon immer so gewesen ist, sondern was das eigene Leben und die Fortpflanzung sichert. Anpassung und so. Auch typisch männliche und typisch weibliche Verhaltensmuster haben sich an die Herausforderungen der Gegenwart angepasst. Früher haben Frauen* in der Regel kein eigenes Geld verdient, dementsprechend musste der Mann die Frau auf einen Drink einladen. Spätestens seit Frauen* ohne Erlaubnis ihres Ehemannes verdienen dürfen, spricht nichts dagegen, dass meine Freundin Lara auch ohne Penis ihr Interesse zeigt, indem sie einen Drink bzw. ein Kioskbier spendiert.

Unabhängig vom Geschlecht müssen wir für unser Essen heute nicht mehr auf die Jagd gehen und es auch nicht mehr am Feuer aufwärmen. Wir behandeln heute Krankheiten, an denen unsere Neandertaler-Vorfahr*innen gestorben wären. Evolution heißt Anpassung und Anpassung heißt Fortschritt. Und das ist absolut wünschenswert. Damit wir Krebs heilen können und damit Lara den süßen Typen anspricht, bevor er seine Zigarette geraucht hat und die beiden sich nie kennenlernen, weil sie gewartet hat, dass er den ersten Schritt macht.

Übrigens: Es gibt Forscher*innen, die annehmen, dass Frauen* in der Steinzeit mit auf die Jagd gingen.

3. Das starke Geschlecht?

Befragungen, bei denen Männern* und Frauen* jeweils typische Attribute zugeordnet werden, sollen zeigen, dass Männlichkeit vor allem mit Autonomie, Leistungs- und Wettbewerbsorientierung assoziiert wird. Doch im Gegensatz zum Penis ist die Definition über Leistung und Status nicht angeboren, sondern gelernt. Durch geschlechterspezifische Erziehung, gesellschaftliche Erwartungen und Arbeitsstrukturen.

Das Gleiche gilt für angeblich typisch weibliche Eigenschaften wie Häuslichkeit oder Einfühlsamkeit. Ob Mann* oder Frau, wir kriegen von klein auf durch unsere Eltern, Medien und Lehrer*innen eingetrichtert, welchen Rollennormen wir entsprechen sollen und bekommen einen ganzen Berg von Stolpersteinen in den Weg gelegt, wenn wir uns dagegen wehren. Wenn wir diese über die Lebensspanne doch recht konstanten Erwartungen nicht bewusst hinterfragen, übernehmen wir sie mit der Zeit und akzeptieren eine Unterteilung in starkes und schwaches Geschlecht. Damit keine Missverständnisse auftreten: Dieses Rollenspiel ist für beide Seiten (und erst recht für alle dazwischen) gleichermaßen anstrengend.

Geschlechterrollen sind gesellschaftlich konstruiert. Das lässt sich gut daran erkennen, dass Geschlechtsunterschiede umso größer sind, je reicher der Kulturkreis ist. Rosa Mädchenspielzeug und blaue Jungs-Kleidung sind Produkte des Wohlstands. Auch wenn Gender-Reveal-Partys anderes vermuten lassen, kommen Babys nur blau auf die Welt, wenn sie während der Geburt zu wenig Luft gekriegt haben.

4. Genetisch? Biologisch? You better know the difference!

Zu guter Letzt kann man „biologisch“ und „genetisch“ nicht gleichsetzen. Wenn ein beliebiges Hirnareal z.B. bei Frauen* größer ist als bei Männern*, dann muss dies kein Hinweis auf einen genetischen Ursprung sein. Der Unterschied kann durch Anpassung an die verschiedenen Umweltbedingungen und Alltagsanforderungen entstanden sein.

Ein bekanntes Beispiel aus der Neurologie sind Vogelexperten, in deren Gehirnen eine bestimmte Gehirnwindung vergrößert gefunden wurde. Doch würde niemand behaupten, das sichere Identifizieren von Vogelarten sei genetisch veranlagt. Gehirnareale, die viel genutzt werden, entwickeln sich schlichtweg besser. Deswegen weiß der Vogelexperte so gut Bescheid. Und deswegen sind Frauen* schneller im Windeln wechseln. Merken kann man sich: Physiologische Unterschiede sind nicht gleichbedeutend mit genetischen Unterschieden. Auch Körper und Gehirne können sich daran anpassen, was die Gesellschaft von ihnen erwartet.

Ich möchte keinen Sätzen mehr begegnen, die mir sagen, was ich natürlich auch darf, aber biologisch oder evolutionär nicht für mich vorgesehen wäre. Und dafür ist es wichtig, dass wir schauen, wo dieser Irrglaube herkommt und ihn entkräften. Jan habe ich während meiner Recherche auf dem Laufenden gehalten, scheinbar mit Erfolg: Vor wenigen Tagen, als Lara sich bei unserem wöchentlichen Zoom-Meeting beschwerte, dass ihr Tinder-Date sich nicht mehr melden würde, fragte er sie: „Warum rufst du ihn nicht einfach an?“

Hier wird Frauen* und Männern* mit Sternchen geschrieben, weil diese Begriffe gesellschaftlich konstruiert sind im System der Gender-Binarität.

¹ Namen von der Redaktion geändert

FOTO: PAULA HEILER

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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One Comment on “Der Mann muss die Frau zuerst ansprechen! Oder?”

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