Vor ein paar Monaten habe ich das erste Mal von Systemaufstellung gehört. „Interessant“, dachte ich und entschied mich, eine Familienaufstellung zu machen. Ohne wirklich zu wissen, was auf mich zukommen wird, stand ich im Wohnzimmer des Systemaufstellers Matze Bauer* (42) in Hamburg und stellte Holzfiguren als Stellvertretende für meine Familienmitglieder auf. Es war spannend und auch gleichzeitig emotional. Ich erfuhr vieles, was ich nicht gedacht hätte, konnte in meiner Aufstellung aber auch Dinge sehen, die ich von mir nur zu gut kannte. Oft werden Aufstellungen aber nicht mit Figuren, sondern mit anderen Menschen gemacht. In einer Gruppe stellt eine Person andere Personen als Stellvertretende ihrer Familienmitglieder, Gefühle oder sogar Dinge auf: Das hat in meiner Vorstellung noch mal eine ganz andere Wirkung und eine Schamgrenze, die erst mal überwunden werden muss. Wie funktioniert es in einer Gruppe, in anderen Settings, mit anderen Themen und nach welchen Regeln funktioniert Systemaufstellung? 

Matze und ich haben uns noch einmal zu einem Interview getroffen und über die verschiedenen Arten sowie Möglichkeiten der Systemaufstellung gesprochen.

DIEVERPEILTE: Was ist Systemaufstellung?
Matze Bauer:
Systemaufstellung bzw. das klassische Familienstellen sind im Prinzip innere Bilder der Beziehung zu und von einzelnen Familienmitgliedern, wobei alle eine Rolle spielen. Man spricht von einem Familiensystem. Dort gibt es die Herkunftsfamilie, das sind Mutter, Vater, Geschwister und die Großeltern. Man kann das aber auch bis in die ganze Ahnengeneration weiter fortsetzen. Es gibt aber auch die Gegenwartsfamilien oder das Gegenwartssystem: Das ist dann im Prinzip die eigene Familie, die eigene Partnerschaft, die eigenen Kinder. 

Wie wird eine Systemaufstellung bzw. Familienaufstellung durchgeführt und wozu dient sie?
In einer Systemaufstellung schauen wir uns an, wie die Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder untereinander sind. Gibt es da Verbindungen? Gibt es Verstrickungen? Es gibt die Aufstellung in Gruppen mit Stellvertretenden, oder mit Figuren. Und man kann diese so aufstellen, um Informationen darüber zu bekommen, wie Situationen entstanden sein könnten. Als Aufstellungsleiter:in kann man darüber Hypothesen aufstellen. Beispielsweise, wenn sich zwei Figuren gegenübergestellt werden, dann vermittelt das ein gewisses Bild und aus diesem Bild kann man eine Hypothese ableiten und es abfragen, wodurch die Hypothese entweder bestätigt oder widerlegt wird. Wenn sie widerlegt wird, dann schaut man weiter. Aber letztendlich dient die Aufstellung zur Informationsbeschaffung über wirkende Beziehungen im Familiensystem. 

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Aber eine Systemaufstellung ist ja nicht nur auf Familie ausgelegt, sondern es gibt auch andere Aufstellungsarten. Welche sind das?
Wenn man eine Aufstellung in andere Richtungen macht, dann heißt das Strukturaufstellung, weil man dabei mit Strukturelementen arbeitet. Das können Glaubenssätze sein, aber auch Geld oder der Job. Dann steht die Aufstellung nicht mehr für die Beziehung zu Personen, sondern für die Beziehung zu den jeweiligen Strukturelementen. Was aber auch passieren kann, ist, dass man mit einer Strukturaufstellung startet und bei einer Familienaufstellung landet. Die Möglichkeiten sind da groß, was aufgestellt werden kann. Es geht dann auch eher um eine Entscheidungshilfe. Man kann auch eine Systemaufstellung im Firmenkontext in Teams anwenden. Das ist dann die Organisationsaufstellung.

Das finde ich interessant mit der Organisationsaufstellung. Hast du ein Beispiel, was dabei im Fokus steht und beachtet werden muss?
Zum Beispiel hat jede Person im Business-Kontext zwar eine eigene Position, die mit der Berufsbezeichnung einhergeht, aber gleichzeitig auch eine Rolle in dem Team. Und manchmal sind das Sachen, die miteinander kollidieren und eine Aufstellung kann dann Klarheit verschaffen und auch helfen. Als Systemaufsteller muss ich dann überlegen, wie ich die Leute in eine Ordnung bekomme, die dem Ziel dienlicher ist. Wenn ich ein Unternehmen habe, habe ich immer ein Ziel, dass als Grundvoraussetzung hat, dass die Leute im Team gut miteinander arbeiten können. Es kann dann in zwei Richtungen gehen: Entweder die Leute verhalten sich dem Ziel vernünftig entsprechend und das Ziel ist erreichbar oder sie verhalten sich halt nicht entsprechend und gehen immer in private Themen. Das hat zur Folge, dass es nicht mehr darum geht, gut zu arbeiten und das Unternehmensziel zu erreichen, sondern es geht dann um private Konflikte. Wenn das passiert, kann ich das in einer Organisationsaufstellung gut ausarbeiten. Das kann ich machen, ohne dass sich Leute oder Teammitglieder in einer unangemessenen Art im Arbeitskontext exkulpieren müssen und sich quasi wie an den Pranger gestellt fühlen. Wodurch es wirklich lösungsorientiert gestaltet ist. 

Nach welchem Grundsatz orientiert sich eine Systemaufstellung im Allgemeinen?
Jedes System ist abgeleitet von der Familienaufstellung. Der Grundsatz ist, dass es in den Systemen eine versteckte Grundordnung gibt. Das heißt, die Älteren für die Kleineren, also das Prinzip: Vater und Mutter kümmern sich um die Kinder. Oder auch die erstgeborenen stehen an erster Stelle und dann kommen die anderen. Und wenn diese Ordnungen gestört sind, dann gibt es Störungen im System, was sich dann ungünstig äußert. 

Was hat das für Auswirkungen auf die anderen Arten der Systemaufstellung? Auch im Hinblick auf die Organisationsaufstellung in Firmen?
In dem Beispiel der Organisationsaufstellung ist das auch so, dass Ordnungen in Teams sich als günstiger erwiesen haben. Und es gibt auch Ordnungsprinzipien, die ähnlich sind, wie in der Familienaufstellung. 

Kannst du ein Beispiel geben, was für Probleme häufig zutage kommen in Firmen, die durch eine Organisationsaufstellung dann gelöst werden können?
Es gibt Verwechslungen, besonders wenn intensive Gefühle mit ins Spiel kommen, die nicht in den Arbeitskontext gehören. Diese intensiven Gefühle rühren meistens aus dem familiären System. Zum Beispiel passiert es sehr häufig, dass Erwartungen an einen Chef gestellt werden, die, vorsichtig gesagt, eigentlich an einen Vater gestellt werden. Wenn man das dann voneinander trennt, auch sichtbar voneinander trennt, und deutlich macht, dass da eine Verwechslung vorliegt oder eine Verschiebung, gibt es sofort eine Änderung im Umgang und in der Haltung. 

Passiert das nur in der Konstellation Chef und Vater?
Nein, es ist nicht unbedingt immer der Vater. Es ist auch oft eine andere Person aus dem System, an die diese Erwartungen eigentlich gerichtet sind. Und durch irgendetwas gab es dann eine Verschiebung bzw. eine Verwechslung. Das passiert ganz unbewusst. 

Hast du das auch mal umgekehrt erlebt, dass der:die Chef:in Erwartungen an Mitarbeitende hatte, die eigentlich an jemanden aus der Familie gestellt wurden und wer ist das dann häufig?
Ja, das habe ich auch schon erlebt. Es kann zum Beispiel sein, dass Erwartungen an Mitarbeitende gestellt werden, die eigentlich an der:die Eheparter:in gestellt werden. Ich meine jetzt nicht in physischer Hinsicht, sondern von dem, was er:sie zu leisten hat. 

Im Hinblick darauf, dass eine Systemaufstellung auch sehr emotional werden kann, finde ich es schwierig, das im Firmenkontext zu betrachten. Es ist für mich unvorstellbar vor meinen Kolleg:innen so emotional zu werden oder emotionale Dinge preisgeben zu müssen. Wie kann man sich das genau vorstellen?
Klar, es sollte natürlich nicht so emotional werden, weil man sich immer noch im Arbeitskontext befindet und weil, wie du schon gesagt hast, das Arbeitskolleg:innen sind. In der Organisationsaufstellung gibt es klare Regeln. Alles, was in den privaten Kontext gehört, bleibt dann auch dort. Es geht dann nur um den Firmenkontext. 

Was passiert aber, wenn das Problem seinen Ursprung im Privaten hat?
Manchmal ist es unausweichlich, dass etwas Privates mit hineinkommt, wenn es sich sehr aufdrängt, quasi. Aber da kann man sagen, dass da eine Sache ist, die nicht so richtig dahin gehört und die kann sich der- oder diejenige dann später in einem anderen Kontext noch mal anschauen, wenn er:sie möchte. Dann geht man wieder auf das eigentliche Thema zurück.

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Matze Bauer, 42, vergangenen Monat in Hamburg © Jonas Albrecht für DIEVERPEILTE

Abgesehen von dem Firmenkontext, wofür kann Systemaufstellung noch angewendet werden oder welche Problematiken können dadurch noch aufgezeigt werden?
Viele kommen mit unterschiedlichen Dingen zu mir, meistens wenn ein konkretes Problem systematisch auftaucht. Das können Krankheitssymptomatiken sein, einschränkende Lebensmuster oder Glaubensgrundsätze. Manche können es auch nicht so klar definieren, aber sie fühlen sich als lebten sie ein Leben mit angezogener Handbremse und sie kommen nicht wirklich in ihre Kraft oder zu dem, was sie eigentlich machen wollen. Oder es geht um Beziehungsproblematiken. Verschiedene Beziehungen, die immer wieder am gleichen Punkt scheitern, bei denen sich dann auch viele fragen, warum sich bestimmte Problematiken immer wiederholen oder warum sie immer wieder den gleichen Typen Mensch auswählen, obwohl sie wissen, dass es mit diesen scheitert. Eine andere Sache ist häufig, dass Menschen schon viele Jahre von dem:der Partner:in getrennt sind und es trotzdem noch weh tut.

Wie lässt sich die Problematik, in der ein Mensch steckt, genau herausfinden?
Es ist wichtig, dass auch die Frage, die eine Person bei einer Systemaufstellung hat, berücksichtigt wird. Und dabei gilt: Je besser die Frage, desto präziser die Antwort.

Aber gibt es zum Beispiel bei einer Familienaufstellung immer eine Frage? Ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht erst mal darum geht, überhaupt herauszufinden, wo das Problem liegt. Bei anderen Problematiken könnte ich mir schon eher vorstellen, dass es da eine explizite Frage gibt.
Die Frage oder das Anliegen und die Elemente, die du für eine Aufstellung brauchst, herauszuarbeiten, ist im Prinzip die Aufgabe des:der Aufstellers:in. Am Anfang kann man sich auch erst mal ein Bild darüber verschaffen, was in der Familie systemisch überhaupt los ist. Eine Aufstellung funktioniert auch nicht immer ganz ohne Informationen und man kommt dann an Grenzen, an denen man sich neue dazu holen muss. Mit diesen Informationen kann man die Dynamik, um die es geht, prüfen. Letztendlich kommt keiner und sagt, dass er:sie jetzt mal eine Familienaufstellung machen will, sondern es kommen die Leute mit einem Anliegen. Zum Beispiel, weil er:sie nicht mit der Mutter zurechtkommt oder die Trennung von dem:der Partner:in nicht funktioniert. 

Also kann man schon sagen, dass jede Person letztendlich mit einem bestimmten Problem kommt.
Ja genau. Das kann man so sagen. 

Am Ende würde mich interessieren, was die Systemaufstellung im Bereich mentaler Gesundheit bewirkt?
Mentale Gesundheit ist ja ein weites Feld und wenn es um mentale Gesundheit geht, dann ist Therapie mit Sicherheit das probate Mittel. Die Aufstellungsarbeit ist keine Therapie. Sie kann aber durchaus eine therapeutische Intervention sein. Meistens kommen die Menschen zu einer Aufstellung, bevor sie richtig krank werden, aber merken, dass, wenn sie nichts machen, zum Beispiel in ein Burnout rutschen. Oder wenn Leute schon austherapiert sind, aber merken, dass es wieder wie am Anfang ist, dann kann man sagen, es ist ein Muster, das man sich anschauen kann. Ich helfe den Leuten in Lebenskrisen und ich begleite sie dabei, Informationen dazu zu beschaffen im Hinblick auf die Dynamik hinter dieser Krise. Das bedeutet, dass die Menschen, die zu mir kommen auch in der Lage sein müssen, eine Handlung selbst abzuleiten, ohne von mir direkt bzw. nah begleitet zu werden. 

Vielen Dank für das Interview Matze!

Du hast Bock auf eine Systemaufstellung bekommen? Dann melde dich gerne bei Matze Bauer und vereinbare ein unverbindliches und kostenloses Erstgespräch mit ihm. Die Systemaufstellungen bei Matze sind einzeln und in Gruppen, online sowie persönlich möglich.

*2017 arbeitete Matze in einer Firma, die ihm den Auftrag gab, eine Struktur zur besseren Unternehmensentwicklung aufzubauen. Für ihn war klar, dass es einen Impuls von außen benötigte, um sich zu entwickeln. Da sie sich als Team aber nicht einig werden konnten, welche Person von außen die beste war, entschied Matze sich kurzerhand selbst eine Ausbildung zum Systemaufsteller zu machen. 

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Seit 2021 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Geisteswissenschaften mit Fokus auf Indien an der Universität Hamburg studiert. Themenschwerpunkte sind Gesellschaftspolitik und feministische Themen.

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