Was bitte müssen Mädchen in dieser Konsumgesellschaft, in der wir leben, ertragen? Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt. Wenn ich als mein 26-jähriges Ich heute Jugendliche betrachte, fühle ich mich manchmal zurückversetzt in meine Jugend. In den Augen der Mädchen meine ich, eine gewisse Traurigkeit wahrzunehmen. Ich glaube, ihren Blick als einen Sehnsüchtigen zu erkennen, der nach Bestätigung heischt. Bestätigung für ihre Körper, eine Legitimation, dass sie richtig sind, so wie sie sind. Doch von den Massenmedien, die sich in jede kleinste Ecke der kulturellen Alltäglichkeit schlängeln, bekommen sie Gegenteiliges gesagt: Du bist falsch, so wie du bist. Du musst schlanker, hübscher, besser sein, nur darüber erfährst du den Wert, nach dem du dich so sehr sehnst. Ich wollte damals meinen Wert definieren, in dem ich versuchte, Beauty-Standards zu erfüllen. Doch leider scheiterte ich kläglich.

Die Beauty-Industrie und die jungen Frauen

Bei mir fing es an mit einem BH. Irgendwann wuchs da etwas: Brüste! Und die waren irgendwie spitz. Was geschah? Natürlich wurde ich gehänselt. Brüste waren rund geformt und standen wie eine eins oder etwa nicht? Meine Mutter kaufte mir also Hello Kitty-BH‘s für 12,99€ das Stück. Körbchengröße A. Von nun an lag mein Brustkorb in Ketten.

Dann bekam ich Pickel und schmierte mir den Concealer drauf, der im Bad rumlag. Irgendwann auf das ganze Gesicht. Ich kaufte mir also Make-up. Irgendwie wollte ich immer mehr so aussehen wie die Models auf der Cosmopolitain (Für BRAVO Girl fühlte ich mich schon zu alt, ich trug mittlerweile schon Körbchengröße B). Also kaufte ich mir auch den Extra Long Lashes Mascara und Rouge, das zu meinem Vanille-Teint passte. *Katsching*: 30€ weg.

So nahm alles seinen Lauf. Die Beauty-Industrie hatte mich für sich gewonnen. Ich erinnere mich, dass ich mit dreizehn Jahren ein paar Verehrer in meiner Schule hatte. Meine Mitschüler*innen und auch meine Eltern und die Freund*innen meiner Eltern, sagten mir plötzlich, wie hübsch ich sei. Nachdem ich um mein zehntes Lebensjahr herum das Frustessen entdeckte, unglücklich war und als ‚moppelig‘ beschrieben wurde, war dies etwas Neues für mich. Innerhalb eines Jahres schoss ich in die Höhe und mein Körper formte sich ganz neu. Für eine dreizehnjährige war ich nun recht groß, hatte schon mein kleines A-Körbchen und Anzeichen einer kurvigen Hüfte. So war es wohl um mich geschehen. Von nun an geierte ich nach Bestätigung, zwang mich immer mehr in ein gesellschaftliches Korsett, das mir zum Verhängnis wurde.

Mit sechzehn hatte sich mein Körper wieder verändert. Oberschenkel, Hüfte und Po wurden breiter. Und durch meine bis dahin unbedenkliche Ernährung, bestehend aus nicht wenig Zucker, wölbte sich mein Bauch etwas. Beim Germany’s-Next-Topmodel-Schauen musste ich feststellen, dass Heidi wohl kein Foto für mich hätte.

Essstörung: Hungern, weinen, fressen

Es gab Abende, an denen meine Mutter mich weinend ertragen musste, weil es ein Foto von mir und einer (schlankeren) Freundin gab, auf dem ich mich so sehr verabscheute, dass eine Welt für mich zusammenbrach. Ich verstand es nicht: Ich aß doch nur 1000 Kalorien am Tag und hatte dreimal wöchentlich Sport. Wie konnte mein Körper so ‚ekelig‘ sein? Heute weiß ich, dass das, was mein 16-jähriges Ich da tat, als Essstörung einzuordnen ist. Für mich war es normal. Es wurde bei mir nie so schlimm, dass ich gar nichts mehr aß. Vor allem abends hatte ich oft Fressflashs, für die ich mich verurteilte.

Mein Verhältnis zu meinem Körper ist ein schwieriges, seitdem ich die äußerlichen Merkmale einer Frau trage. Von der Gesellschaft werden weiblich gelesene Personen objektifiziert und sexualisiert. Ich habe diese Praktik komplett verinnerlicht, sehe mich selbst gewohnheitsmäßig als Objekt und sexualisiere meinen Körper, statt als Subjekt für mich einzustehen.

Seitdem ich Anfang zwanzig bin, seitdem ich eine Sozialwissenschaft studiere, breche ich mit Schönheitsidealen. Ich schminke mich selten, trage nur manchmal einen BH, lasse mein Körperhaar zeitweise stehen. Nach außen gebe ich mich als starke Frau, die einen F*** auf die Meinung anderer gibt. Ich zelebriere meine Selbstliebe und rede Freund*innen gut zu, ihre Selbstzweifel aus dem Weg zu räumen.

Dämonen der Vergangenheit

Doch dann kam der Tag, an dem ich die Spiegel abhing. Seit ein paar Wochen fühlte ich mich zunehmend unwohl in meinem Körper, bewertete ihn negativ, er fing wieder an, mich anzuwidern. Auslöser war, dass ich jemanden interessant fand, der einen schönheitsideal-perfekten Körper hatte und ich mich dafür schämte, auch nur eine Minute zu denken, es könnte auf Gegenseitigkeit beruhen. Offensichtlich ist es nicht genug, dass ich meinem eigenen Körper die Bürde der vermeintlichen Perfektion auferlege. Sie legt sich wie ein Schleier über mein Sichtfeld, sodass ich auch die Körper der anderen nach diesem Schema scanne, bewerte und einordne. Und so schrie die Scham in mir immer lauter, bis ich allein in meinem Bett lag, alles aufschrieb, was ich an meinem Körper hasste und bitterlich weinte.

Die Stimme der Vernunft brachte mich dazu, irgendetwas zu tun. Ich hing also alle Spiegel in meiner Wohnung ab. Entweder von der Wand oder ich bedeckte sie mit Stoffen. Dann schrieb ich wieder Dinge auf, versuchte die Dämonen zu ergründen und wollte ihnen die Stirn bieten. Die Gesellschaft mit ihren Medien, meine Mitschüler*innen von damals und meine Familie ergaben eine Mischung, die mein jugendliches Selbst so stark prägten, dass es heute schwierig ist, diese Verbindungen in meinem Gehirn zu kappen. Nach vielen mit Wut, Traurigkeit und Hoffnung beschriebenen Zetteln ging es mir langsam wieder besser. Es dauerte dennoch ein paar Tage, bis ich bereit war, meinem Spiegelbild wieder zu begegnen.

Ich weiß, dass es eingetrichterte Glaubenssätze sind, die ich scheinbar doch noch nicht loslassen kann. Ich weiß, dass es nicht stimmt, dass alle Menschen meinen Körper sexualisieren, geschweige denn ekelig finden. Ich weiß, dass es nichts mit meinem tatsächlichen Gewicht zu tun hat, ob ich mich schön oder nicht schön finde, dass es eine reine Kopfsache ist. Ich weiß auch, dass ich nicht schönheitsideal-schön sein muss, um wertvoll zu sein. Und dass diese Gesellschaft sowieso ein Problem mit ihrem Schönheitswahn hat. Lasst die Körper einfach Körper sein und zwängt sie nicht in Zwangsjacken!

Dieses Wissen ist Gold wert, schützt mich aber nicht immer vor meinen Dämonen. Vielleicht wird es noch mehr solcher Tage geben. Vielleicht werden sie immer seltener, vielleicht sind sie nun wieder öfter da. Es ist ok. Denn ich weiß auch, die Heilung meiner Wunden ist ein Prozess und verläuft nicht gradlinig, sondern in Wellen. Doch ich bewege mich fort und werde niemals wieder dort sein, wo ich mit 16 war. Es wird sich vielleicht ähnlich anfühlen, doch ich bin meilenweit entfernt und der Weg zurück wäre ein schlimmerer als der nach vorn: der Weg der Selbstliebe.

Wenn du von einer Essstörung betroffen bist und Hilfe suchst: Hilfe bei Essstörungen – Bundes Fachverband Essstörungen (bundesfachverbandessstoerungen.de)

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE. 

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