Es ist mitten in der Nacht.

Eigentlich würde ich morgen früh eine Klausur schreiben, aber ich bin noch nicht sicher, ob ich hingehe. Es ist mitten in der Nacht – sagte ich bereits – 4:09 Uhr, und ich habe Angst. Und zwar so richtig.

Auf die Uhr geschaut habe ich auch um 2:09 Uhr, um 2:56 Uhr, um 3:09 Uhr, 3:20 Uhr und eben jetzt. Und mit jedem Mal Schauen hört das Zittern etwas auf und verwandelt sich mehr und mehr in ein ungutes Gefühl. Genug der Exposition. Wir sind nicht bei Effi Briest.

Er sah eigentlich voll nett aus. Ein bisschen nerdy, sehr langes, welliges Haar. Physiker. Mag Metal. Ein wandelndes Klischee, allerdings mit unklischeehaften Zügen, wie sich herausstellen sollte. „Sollen wir noch ein Helles zusammen trinken?“ „Ja. Warum nicht.“ Fühlt sich fast an wie eine Party: eine fremde Person und ein Bier. Die Freundin, die gerade noch dabei war, nimmt die Bahn zur Südstadt. Ich wohn‘ hier nebenan und denk mir nix dabei. So spazieren wir durch den Abend, dieser Fremde und ich, und auch wenn die Situation etwas weird ist, ist es doch auch ein bisschen cool.

Nur hin und wieder stock‘ ich kurz: Hat er gerade meine Taille berührt? War bestimmt nicht extra.

Ich hatt‘ nicht viel gegessen, das zweite Bier haut daher irgendwie rein. Er trinkt nicht oft, hat ewig niemanden gesehen, sagt er. Corona halt. Wir sind jedenfalls angetrunken, irgendwann, ich muss tierisch pinkeln. Wir lehnen an einer beleuchteten Wand an genau dem Kiosk an, von dem aus wir gestartet sind und diskutieren plötzlich ziemlich feurig über Feminismus, über Frauen, die Mütter werden sollen, weil es ihre Natur sei, über Evolution und das Gehirn. Triebe, wo sie sitzen, über Mann und Frau und die männliche Versorgerrolle.

Mansplaining ist ihm kein Begriff, er beherrscht dies aber aus dem FF. Irgendwann stellt er mir nur noch Fragen à la: „Wie heißt der Teil des Gehirns, in dem sich die Triebe befinden?“ oder „Was ist vor fünf Millionen Jahren mit dem menschlichen Gehirn passiert? Was ist vor 30 Millionen Jahren auf der Erde passiert?“

„Eh?“ Ich bin genervt, aber gut darin, nett zu sein. Ich bin lesbisch. Das findet er bescheuert. Nun gut, denk ich. Egal. Ich muss ja eh pinkeln. „Ich hau mal rein. Ich wohn‘ da vorn.“ „Ich muss auch da lang zur Bahn.“ „Ok.“ Handynummern austauschen? Klar man, weil ich dumm wie Brot bin. Man ahnt: Keine gute Idee.

An meiner Tür angekommen, sagt er zu mir: „Ich komm jetzt mit zu dir rein.“ Ich lache künstlich verstört und sage: „Nein.“ Er sagt: „Ach. Klar, komm schon.“ „Nein. Du gehst jetzt nach Hause. Danke für das Gespräch und den Input. Ich muss pinkeln und schreibe morgen Klausur.“ Er sagt: „Ich gehe nur, wenn du mich küsst“ und reißt mich ein Stück zu sich heran.

Da flipp ich kurz aus – innerlich. „Tschüss“, sag ich unfreundlich und drücke die Tür zu. Währenddessen ruft er mir noch hinterher, dass ich mich „ja gar nicht mehr melden brauche!“ Da klopft mein Herz schon. Gott sei Dank ist mein Mitbewohner da.

Etwa eine Stunde vergeht, es ist Mitternacht, ich liege im Bett und mein Handy vibriert minutenlang, immer wieder. Da wird mir klar: Oh No. Der ist kein Guter. Ich geh ran, weil ich nicht weiß, wie man sich verhält in so einer Situation und will irgendwie schlichten. Am Telefon beginnt er mit: „Du bist eine so tolle Frau. Hör zu. Lass mich dein Versorger sein“ und endet mit: „Es ist mir egal, ob du das willst und ob du eine Freundin hast. Ich komme jetzt zu dir und bleibe die ganze Nacht vor deiner Tür, wenn du mich nicht reinlässt“.

Und was soll ich sagen? Es klingelt wirklich 20 Minuten später an der Tür. Es klingelt und klingelt und ich kann nicht aufhören zu zittern. Da lieg ich wie eine kleine Wurst, zusammengekauert in meinem Bett im Erdgeschoss und hab Angst, durchs Fenster zu schauen, Schiss davor, dass hinterm Vorhang jemand lauert.

Irgendwann musste ich die Polizei rufen. „Jo, da wollen mer ja ma hoffe, dat sie da jetzt keinen Stalker haben“.

Die sind dann auch gekommen und haben ihn angetroffen. Da war er schon auf dem Weg zurück zur Bahn. Was er gesagt hat, wie er über all das denkt, ob er mich jetzt umbringen oder eben einfach nur weiterhin „versorgen“ will, das weiß ich alles nicht.

Ich weiß nur, dass ich jetzt nicht schlafen kann und dass ich lange nicht mehr so große Angst hatte. Ich wollte mit irgendwem darüber reden, hab aber niemanden erreicht. Schlafen alle. Daher schreib ich’s euch.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE 
Bild: Jil Fabienne Weißhaupt

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