Es ist kurz vor meinem 16. Geburtstag, als ich das erste Mal zur Frauenärztin gehe. Meine Mission ist klar. Ich möchte keine Kontrolluntersuchung, ich will mir die Pille verschreiben lassen! In meinem Freund:innenkreis nehmen schon fast alle die Pille. Viele bereits seit sie zwölf Jahre alt sind. Ich bin also ein Spätzünder, was die Antibabypille angeht. Voller Hoffnung und Erwartungen sitze ich im Behandlungszimmer. Ich warte die ganze Zeit nur auf die eine Frage. Diese, wegen der ich dann auch endlich dazu gehöre. “Sind Sie hier, um sich die Pille verschreiben zu lassen?”, fragt die Ärztin. Ich nicke ganz aufgeregt. “Sehr gut. Haben Sie denn irgendwelche Probleme mit Ihrer Haut?”, fährt sie fort. 

Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht einmal darüber nachgedacht, dass ich meine Hautprobleme loswerden könnte, indem ich die Pille nehme. Für mich war es immer nur ein Verhütungsmittel. Umso schöner, dass ich zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen kann. Zumindest dachte ich damals, dass die Pille eine doppelte Lösung wäre. Ich erzähle der Ärztin also, wie schlimm meine Haut doch ist und dass vor allem mein Rücken und mein Dekolleté von Unreinheiten übersät sind. Zack! Ich bekomme eine “Beauty-Pille” verschrieben, welche neben dem Schutz vor ungewollten Schwangerschaften auch meine Pickel wegzaubert. 

Als die Pille am 18. August 1960 eingeführt wird, gilt sie als Befreiungsschlag und Anstoß der sexuellen Revolution. Endlich können Personen mit Uterus selbst entscheiden, ob und wann sie schwanger werden wollen. Allerdings wurde und wird immer mehr über den Nutzen als über die Risiken gesprochen. Ähnlich bei mir. Das Einzige, was mir die Frauenärztin erzählt, ist, das ich nicht schwanger werden kann und meine Pickel weggehen. Nach ein paar Monaten stelle ich das auch fest. Meine Haut sieht gut aus, besser als davor auf jeden Fall. Auch meine Periode ist nun endlich regelmäßig und ich muss keine Angst mehr haben, von ihr überrascht zu werden. Meine kleine Oberweite ist ebenfalls schnell gewachsen. Innerhalb weniger Monate muss ich mich dreimal mit neuen BHs eindecken.

Das hört sich für viele vielleicht erst mal gut an, aber die Haut macht ein so schnelles Wachstum einfach nicht mit und seitdem zeigen mir das die Dehnungsstreifen deutlich auf. Mein Rücken hat das Mehrgewicht auch nicht gut weggesteckt. Kurze Zeit später habe ich nicht nur größere Brüste, sondern auch eine größere Konfektionsgröße. Ich möchte nicht sagen, dass das ein Problem ist. Für ein pubertierendes Mädchen in einem dünnen Freund:innenkreis ist es aber nicht so einfach zu akzeptieren, dass es kurviger ist als andere. Vor allem, wenn ihr das auch gesagt wird. Aber das ist ein anderes Thema. 

Lange Zeit sind die Gewichtszunahme, die größere Oberweite und meine bessere Haut die einzigen Nebenerscheinungen, die ich mitbekomme. Die richtig gravierenden Auffälligkeiten kommen erst nach etwas über drei Jahren. Ich bin auf einmal viel öfter schlecht gelaunt, allgemein sehr launisch. Aus dem Bett komme ich ebenfalls nur schwer und hinzukommt, dass meine Libido fast gar nicht mehr existent ist. Also wirklich: beinahe 0,0. 

Es ist mir sehr lange unangenehm, darüber zu reden, dass ich keine Lust mehr habe. Ich weiß nicht, wieso, aber es ist ein Thema, über welches nicht gerne offen gesprochen wird. Deswegen hat es auch gedauert, bis ich mich meinem neuen Frauenarzt anvertraut habe. Ich kann ja nicht erahnen, dass es vielen Personen, die die Pille nehmen, so geht. Er erzählt mir aber, dass ich nicht die einzige Patient:in bin, die eine Verschlechterung ihrer Stimmung bis hin zu Depressionen in Kombination mit einem starken Libidoverlust feststellt. Manchmal hinterlässt die Pille wohl so starke Spuren, dass Patient:innen auch nach dem Absetzen nur schwer wieder Lust verspüren können. “Ich sag ja immer, die Antibabypille ist doppelte Verhütung!” Da hat mein Frauenarzt leider nicht unrecht. 

Ich würde gerne davon erzählen, wie gut es mir jetzt geht, weil ich die Pille seit zwei Jahren nicht mehr nehme. Es geht mir sicher besser. Allerdings ist meine Haut durch das Absetzen so schlimm geworden wie nie zuvor, ich bekam sechs Monate lang meine Periode nicht und so wirklich am Start ist meine Libido immer noch nicht. Dafür pumpe ich meinen Körper nicht mehr mit Hormonen voll. Ich weiß, dass die Pille für viele Personen die einzig mögliche Verhütungsmethode ist oder sie damit absolut keine Probleme haben. Das möchte ich auch gar nicht abstreiten. Ich verteufele auch hormonelle Verhütung nicht per se.

Ich kann allerdings nicht nachvollziehen, wie so viele Ärzt:innen, jungen Menschen die Pille verschreiben, ohne über die Nebenwirkungen aufzuklären. Es wurde mir damals kein einziges Risiko aufgezeigt. Mir wurde nicht gesagt, dass ich dadurch ein erhöhtes Thrombose-Risiko bekomme. Auch wurde in keinem Atemzug erwähnt, dass ich keinen Bock mehr auf Sex haben könnte und die Pille Depressionen auslösen kann. Freund:innen berichten Ähnliches. Den meisten wurde die Pille einfach verschrieben und viele von ihnen setzten sie aufgrund der beschriebenen Nebenwirkungen nach Jahren wieder ab. Das große Problem ist und bleibt also die fehlende Aufklärung! Ja, die Pille macht uns freier – aber zu welchem Preis? 

ILLUSTRATION: AUDREY BYRNE

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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