Sanfte braune Augen, strubbelige schwarze Haare. Ein Lächeln auf den Lippen, manchmal ein bisschen verschmitzt. Kleine Lachfältchen um die Augen. So habe ich ihn in Erinnerung: Lustig, klug und neugierig. Aber auch immer mit einem nachdenklichen, fast sorgenvollen Ausdruck in seinem wachen Blick. Ich merke, wie aufgeregt ich bin. Es ist unser erstes Treffen nach so langer Zeit. Kennengelernt haben wir uns 2014, auf einer meiner Reisen durch Marokko. Sieben Jahre ist es her, dass er mir das Atlas-Gebirge, sein Zuhause, zeigte. Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Das soll sich heute ändern. Wir sind verabredet, in meiner Wohnung in Köln. Ob ich ihn überhaupt wiedererkenne? Es klingelt. Ich drücke auf. Er ignoriert den Aufzug, läuft die Treppen hoch, nimmt zwei Stufen auf einmal – dann steht er vor mir. Die strubbelige schwarze Mähne musste einer Kurzhaarfrisur weichen. Er trägt eine Skater-Cap, stylische westliche Klamotten, wie alle hier. Steht ihm. Ein Grinsen breitet sich auf seinem immer noch vertrauten Gesicht aus. Endlich ist er angekommen. Said* wollte schon nach Deutschland, als ich ihn kennenlernte. Konnte er aber nicht. Auch nicht zu Besuch.

Scheinehe Illu 2.16.9
Illustration  © tarantrullart

Auf meine Frage, wie er es geschafft habe, nach Deutschland zu kommen, antwortet er zögernd. „Ich bin verheiratet“, sagt er knapp. Ich hake nach: „So richtig? Hast du dich verliebt?“. „Ne…“, sein Blick weicht meinem aus, bevor er mir seine Geschichte erzählt. Said lebt seit vier Jahre in einer Scheinehe. Eine andere Chance, um in die EU einzureisen, gab es für ihn nicht. Ich frage ihn, warum er weg wollte. Es war schön in Marokko, am Fuße des Atlasgebirges, in dem kleinen Dorf direkt an den großen roten Felsen, die ich so mochte. Der Tourismus, sagt er, ist alles was Marokko hat. Er selbst hat einen Bachelor in International Law, spricht mehrere Fremdsprachen. Arbeit in dem Bereich? Gibt es nicht. Anstatt eines Masters machte er eine Ausbildung zum Koch und fing im Hotel des Vaters an, von dem die ganze Familie lebt. „Wenn Touristen da sind, ist es schön. Sie erzählen von der Welt da draußen, bringen Geld. Und dann gehen sie. Und wir bleiben hier. Wenn die Saison zu Ende ist und sie weg sind, dann bleibt nichts. Dann sitzt man rum.“ Er habe immer gewusst, dass das nicht für immer gut geht, mit der finanziellen Abhängigkeit vom Tourismus, lange bevor es Corona gab. „Aber für den Tourismus machen sie alles. Hättest Du Dir den Fuß gebrochen beim Wandern: direkt ein Hubschrauber. Gibt es Komplikationen bei der Geburt eines Kindes, dann kommt keiner. So viele Frauen sterben in den Bergen.“

Auch die stark islamisch geprägte Gesellschaft, so Said, finden viele Jüngere nicht gut. Mit den strengen Regeln kann er nichts anfangen. Er ist geborener Muslim, praktiziert die Religion seiner Eltern aber nicht. Einmal, erzählt er, sei er an Ramadan mit einem Freund unterwegs gewesen: „Wir haben etwas gegessen, am Fluss.“ Dafür wären sie um ein Haar im Gefängnis gelandet – vor Strafe schützt ihn sein Selbstverständnis als Atheist nicht. Und auch der soziale Druck stört ihn: „Sich mit einer gemischten Gruppe treffen, ganz normal, das geht nicht. Wenn man mit Mädchen oder Frauen gesehen wird, ruft jemand die Polizei. Entweder man ist verheiratet, oder man bezahlt – manchmal hohe Strafen, manchmal die Polizei, damit sie einen in Ruhe lässt. Alle korrupt.“ Jemanden kennenlernen, eine Beziehung aufbauen, das läuft anders in Marokko. Meistens über die Eltern, über Familie oder Bekannte.

„Dann ruft ein Bekannter bei den Eltern an, sagt der Sohn findet die Tochter gut. Wenn sie ihn auch mag, dann telefonieren sie. Das ist der einzige Kontakt bis zur Hochzeit. Vielleicht auch mal ein Treffen, aber da muss jemand dabei sein.“ Eine Perspektive in seinem Land sieht Said für sich nicht. Wie so viele junge Menschen. Und in den sicheren Hafen der EU, da sind sie sich einig, gibt es neben Flucht nur einen Weg: die Ehe.

Scheinehe Illu 3.16.9
Illustration  © tarantrullart

Nach einer Frau gesucht hat Said trotzdem nicht. Das hat sich einfach so ergeben. Eine Deutsche, die mit ihrem Bruder eine Woche im Hotel der Familie verbrachte. Die drei freundeten sich an, ein zweiter Urlaub wurde geplant und Said zeigte auch ihnen das Land, das er so vermisst, in dem er aber nicht leben will. Wie ich vor ihnen luden auch sie ihn auf einen Besuch nach Deutschland ein. Das Urlaubs- Visum wurde – wie so oft – abgelehnt. „Lass gut sein“, habe er gesagt. Zwei Monate später rief sie an „Ich habe eine Idee – wir heiraten. Lass uns das versuchen.“ Es folgten zwei Jahre der Vorbereitung. Alle sechs Monate kam sie zu Besuch, wurde Teil der Familie und nahm mit ihm gemeinsam bürokratische Hürden. Sie ist gute 15 Jahre älter als er, verliebt waren sie nie. Eine richtige Feier gab es trotzdem, in Marokko, im Kreise seiner Familie. Die freute sich für ihn. Darüber, dass er endlich raus konnte. Ein Jahr später war es endlich soweit: Said zog um, zu seiner Frau und ihrem Bruder, in eine 3er WG. Sie unternahmen viel gemeinsam, machten Urlaube. Dass sie kein Paar waren merkte niemand – ein gut gehütetes Geheimnis, auch vor Freunden. Streit zwischen ihnen habe es nicht gegeben, sagt er. Nur einer machte die Ehe der beiden zu schaffen: Saids Freundin. Ein Schatten legt sich über sein eben noch fröhliches Gesicht und mir wird einmal mehr bewusst, was er aufgegeben hat, um hier zu sein. Vier Jahre war er mit ihr zusammen. Sie lebt in Paris, besuchte ihn regelmäßig in Marokko. Heiraten konnten sie nicht, weil sie selbst noch in einem Scheidungsjahr steckte. Seine Freundin wusste von seinem Vorhaben, unterstützte ihn, als sich ihm die Chance bot. Als er ankam besuchte er sie sofort. Die Beziehung der beiden scheiterte trotzdem: „Es war einfach zu schwierig für sie.“ Das, sagt Said, sei das Einzige, was er an seiner Entscheidung bereut. „Das war was richtig Gutes. Wir hatten unsere Zukunft geplant. Vielleicht hätte ich warten sollen. Aber ich hatte keine Wahl.“ Ob die Beziehung zu ihr das Warten überdauert hätte, ob eine solche Chance für ihn noch einmal gekommen wäre? Ein zu hohes Risiko, wenn die Freiheit plötzlich zum Greifen nah ist.

*Name geändert.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Spenden Illustration 1 100 sw 1

Jetzt DIEVERPEILTE supporten und mit dieser geilen Autorin anstoßen!

Folgt uns auf Facebook, Instagram und Spotify.

Website | + posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.