Oft erscheint das Leben gerade so fruchtbar eintönig. Tag auf Tag hat denselben Ablauf, das Wochenende ist kaum noch vom Montag zu unterscheiden. Die Tage füllen sich ungeachtet, man liest, man lernt, man geht spazieren. Doch alles ist immer geplant, immer berechenbar. Nur selten passiert es, dass ich unterwegs überrascht werde. Wenige unerwartete Beobachtungen, es fehlen die herausragenden Gespräche mit Fremden. Wann war das letzte Mal, dass ich mit Kellner:innen, über ihre Lebensgeschichte geredet habe oder mit Unbekannten am Boden gesessen bin? 

Die Welt verschließt sich dadurch, man sieht nur noch, was man kennt. Die Wenigen, die man trifft, sind Freund:innen, man gehört zum selben Kreis. Man tauscht ähnliche Meinungen aus, diskutiert mit dem gleichen Ziel. Die gleichen Dinge bleiben unverstanden und dieselben Utopien erträumt. Es erscheint manchmal gar leicht, die Welt zu verbessern. Die Pluralität im Hintergrund verschwimmt. Wie sehr wir nur eine Gruppe der Unzähligen sind, wird vergessen.

Und das in einer Zeit, in der wir viel mehr verstehen müssen, dass alle anders sind. Alle von uns unterschiedliche Bedürfnisse haben und Probleme mit unterschiedlichen Lösungen, ja gar kontradiktorischen. Wir verstehen den Rest nicht mehr und uns oft auch nicht selbst. 

Doch ein Lichtblick bleibt selbst in dieser nebligen Zeit: Taxifahrten. Eine unerwartete Rettung vor der trügerischen Farblosigkeit. Und dafür viel zu ungeachtet. Wie bei der Lottoziehung werden Menschen zwei aus zwei Millionen gezogen. Der unsichtbare Logarithmus spielt die blonde Dame mit den High Heels. Nach der Wartezeit sitze ich maskiert auf dem Rücksitz. Und nun kommt der entscheidende Moment. Spreche ich oder nicht?

Mit neutraler Stimme stelle ich die übliche Frage. Na, viel los heute? Eine Antwort, die mich kaum interessiert. Doch man findet weiter Worte. Stück für Stück bahnen wir uns durch die Nacht, während die Scheinwerfer immer tiefere Gebiete erleuchten. Ehe ich es mich versehe, finde ich mich in einem Gespräch wieder, das weder klaren Anfang noch Ende haben wird, rein durch Temporalität begrenzt. Die Welten, die ich hier entdecke, sind von mir noch unbetreten.

Eine Kollision mit einem Menschen, die ich weder planen noch wiederholen könnte. Ein fremder Wagen im Riesenrad, aus dem man nach der nächsten Runde wieder aussteigen wird. Wir finden schnell eine Gemeinsamkeit, einen Punkt, wo wir gleich ticken. Und ich merke wieder, dass wir alle gleich sind. Haben alle die gleichen Wünsche, Ängste, Begierden und somit die gleichen Rechte, Pflichten und Ansprüche.

Und gleichzeitig reflektiere ich aus meiner Position. Ich erkenne die Parallelen und die Koordinaten. Sehe mich als anderes Subjekt und begreife. Sehe noch so viele andere Subjekte und begreife: die Welt ist nicht eintönig und sie wird es auch niemals sein. Man muss die Farben nur finden.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE. /
Illustration: Julian KernerAtelier Kerner

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