Der August ist fast vorbei und der Monat kam mir kürzer vor als ein Blinzeln. Man nimmt sich vor, jeden Tag zu genießen und zu schätzen. Als wäre der neue Monat eine Raupe, die sich erst noch in einen Schmetterling verwandeln muss. Aber nicht jede Raupe schafft diese Verwandlung, und ehe man sich versieht, bleibt man in dem schützenden Kokon, der die Chance auf Veränderung bot, gefangen. Die Zeit läuft weiter, man selbst aber bleibt ein Gefangener der Stagnation. Die Zeiger der Zeit lassen sich nicht aufhalten und das stetige Ticken begleitet den Schlag unserer Herzen wie ein Rhythmus, der uns ungefragt vorantreibt. Manchmal fühlt es sich so an, als würde ich nur für dieses Ticken leben – für die Zeit. Als würde ich mich gleichzeitig nach ihr verzehren, während ich sie ebenso fürchte. Wir streben nach Verwandlung, Selbstoptimierung und Entwicklung und gleichzeitig bereiten uns das Älterwerden und die Veränderung Angst. Ich habe Angst davor, Zeit zu verschwenden. In manchen Momenten habe ich das Gefühl, dass mir die Zeit wie Sand aus der Hand rieselt und der Wind jedes Korn davon treibt, bis meine Hand wieder hohl ist. Die Sanduhr für den Monat August würde ich gerne erneut umdrehen. Die Zeit besser nutzen, sie auskosten und jeden einzelnen Moment wertschätzen. 

Zeitverlust kann jedoch auch ein Segen sein. Wenn Zeit vergeht, fühlt es sich an wie ein Fluss, auf dem die Gedanken ebenso wie die Zeit zerfließen. Heute konnte ich beobachten, wie die Blätter des Baumes vor meinem Balkon abfallen. Zeit fordert immer ihren Tribut, gibt aber gleichzeitig Raum für Neuanfänge und für Veränderung. Veränderung geschieht folglich immer – jede Sekunde. Wir verändern uns und das ist auch wichtig, denn sonst wären wir wieder gefangen in der Stagnation. Veränderung kann jedoch sehr schmerzlich sein, weil sie uns zwingt, unsere Gewohnheiten zu verlassen und uns selbst zu reflektieren. Dieser Moment der Selbstreflexion inspirierte mich zu einem Selbstexperiment im September.

In diesem Monat wollte ich meine Gewohnheiten verändern und etwas ausprobieren, was ich zuvor stets vermied, aus Angst vor Verurteilung. Diesen Monat wollte ich die Zeit besser nutzen, sodass ich jede Sekunde für mich nutze, ohne der Zeit die Kontrolle über mein Leben zu überlassen. Oftmals mache ich meine täglichen Aktivitäten von anderen Menschen abhängig. Wenn ich Lust auf einen Besuch im Kino habe, aber niemand meiner Freunde Zeit hat, gehe ich natürlich nicht und bleibe lieber allein zu Hause. Wenn ich abends Lust auf asiatisches Essen habe, bestelle ich lieber, als mich in ein Restaurant zu setzen.

Aber warum ist das so? Woher kommt die direkte soziale Demütigung, wenn eine Frau ohne Begleitung in einem Restaurant sitzt? Und warum besitzen wir nicht die Souveränität, trotz möglicher Schmälerung unsere Freizeit zu emanzipieren? Allein die Tatsache, dass es für diese psychologische Abschätzung keinen Begriff gibt, zeigt, dass man sich noch nicht ausreichend damit auseinandergesetzt hat. Im 21. Jahrhundert sollte dies doch eigentlich normalisiert sein. Leider werden insbesondere Frauen stets im Licht der sozialen Abschätzung gesehen. Was ich damit meine, ist simpel: Oftmals stellen wir unsere eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund, um den Erwartungen von fremden Menschen zu entsprechen. Wir passen uns sozialen Konventionen an, die schon seit Jahrhunderten die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts unterstützen und somit den Chauvinismus begünstigen. Immerhin sind Frauen in der heutigen Zeit fähig, sich außerhalb des Eigenheims zu bewegen, ohne zuvor die Erlaubnis ihres Mannes oder ihrer Familie zu erhalten. Dennoch ist es erschreckend, dass wir in einer globalisierten und modernen Welt immer noch ein stigmatisiertes Bild von Frauen besitzen. Dieses Stigma konnte ich selbst sehr deutlich spüren. 

An einem Freitagabend entschied ich mich trotz anfänglicher Bedenken zu einem Kinobesuch – ohne Begleitung. An der Kasse des Kinos angekommen, bat ich um ein Ticket. Der junge Mann schaute mich sichtlich verwundert an, widersprach aber nicht. Eigentlich gibt es da auch nichts zu widersprechen. Und dennoch war sein Blick mitleidig. Obwohl er mich nicht kennt, geht er davon aus, dass ich weder Freund:innen noch einen Partner besitze, welche mich begleiten könnten. Als er mir mein Ticket reichte, erhielt ich auch noch ein Lächeln von ihm, welches eher erzwungen als ehrlich wirkte. Um ihn noch mehr in seine Unbehaglichkeit zu drängen, bestellte ich auch noch eine große Tüte Popcorn. Schließlich gibt es kein Gesetz, welches besagt, dass große Popcorntüten nur für Paare gedacht sind. Obwohl mir seine Abschätzung und Verurteilung mehr als bewusst war, fühlte ich mich stark und unabhängig. Ich fühlte mich wie Bridget Jones, die endlich die Vorteile des Alleinseins entdeckt und sich gegen Mr. Charming entschied. Ich habe die Kontrolle und Bestimmungsfreiheit über meine Freizeit und muss diese weder von sozialen Konventionen noch von den Plänen meiner Freund:innen abhängig machen. Im Kinosaal angekommen, war es dunkel, weshalb ich nicht wirklich auffiel. Ich genoss also den Film und mein Popcorn mit einer Selbstzufriedenheit, die ich sonst nur bei der Fertigstellung eines Artikels empfinde. Es war, als hätte ich einen Kampf gewonnen, den ich unbewusst mit mir selbst und den Erwartungshaltungen der anderen ausgefochten habe. In diesem Moment realisierte ich, dass Feminismus auch Selbstkontrolle bedeutet. Kontrolle über mein eigenes Leben und meine Entscheidungen. 

Im Endeffekt hat Feminismus etwas mit dem Selbstverständnis von Freiheit zu tun. Laut dem Philosophen Sartre können wir unser Freiheitskonzept selbst entwerfen und es nach unserem Geschmack formen. Jedoch sind in diesem Rezept für die eigene Freiheit stets Zutaten der Gesellschaft integriert. Das bedeutet: Wir erschaffen während unserer Existenz die Essenz für unsere Freiheit, indem wir uns der Autonomie der Wahl bewusst werden. Die Wahl, ob wir nun als Frau allein ins Kino gehen, uns allein ins Restaurant setzen oder allein einen Spaziergang machen, bleibt uns überlassen. Ich habe für mich selbst festgestellt, dass mir diese Macht der Entscheidung und auch Umsetzung so viel mehr gibt als die Isolation aus Angst vor Verurteilung. Werden wir nicht schon auf Social Media ausreichend beurteilt, als dass wir uns noch vor einer Beurteilung in der realen Welt fürchten müssten? Denn im Endeffekt ist die eigene Verurteilung das größte Hindernis, welches wir lernen müssen zu überwinden, um zu wachsen und uns zu emanzipieren.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: Laura Sistig

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