Es ist Samstagmorgen, 10:34 Uhr. Kalter Schweiß klebt auf meiner Stirn. In mir kommt die Frage auf, wie Schwitzen für meinen Körper überhaupt noch möglich ist, da mein Inneres sich so trocken anfühlt wie meine Vulva, wenn ich an meinen nächsten Lohnzettel denke. Als wären meine Gedanken für alle im Raum sichtbar, ruft im selben Moment eine fordernde Stimme aus weiter Ferne „Wasser, bitte!“.

Ein weiterer Tab ploppt neben den sechsundzwanzig bereits Bestehenden in meinem Kopf auf. Das Gefühl von überwältigendem Stress strömt durch meinen Körper.

Wie automatisiert bewegen sich meine Beine Richtung Bar und ich überlege, ob der Song, der durch die Boxen dröhnt, tatsächlich in Endlosschleife spielt oder ich einfach kein Zeitgefühl mehr habe. Schneller Blick auf die Uhr, 10:34 Uhr. Die Zeit läuft in Lichtgeschwindigkeit und steht gleichzeitig auf Stillstand. Mein Körper schiebt sich Richtung Bar durch die Menschenmasse durch, die noch verzweifelt nach einem Sitzplatz sucht. An der Theke schlägt der Puls noch um einige Frequenzen höher. Die weit aufgerissenen Augen meiner Kolleg:innen bestätigen meine Annahme und spiegeln ihren inneren Gemütszustand wieder: Stress. Aber back to the Tabs in meinem Kopf. Schnell zur Spüle, Wasser holen.

Während der Wasserhahn übertrieben langsam Tropfen in den Krug spuckt, überlege ich kurz, ob ich die Zeit für einen Schluck der heiligen Flüssigkeit nutzen soll. Noch bevor ich ansatzweise zur Handlung überschreiten kann, klatscht mich eine fordernde Stimme zurück in die Realität. „FRÄULEIN, Wasser bitte!“, ruft die anscheinend dehydrierende Kundin mir erneut zu. Meine Beine laufen im Galopp Richtung schreiender Hyäne. Ankommen und abserviert wollen meine Beine weiterschreiten, doch noch bevor ich überhaupt einen Meter weit gekommen bin, höre ich das Hyänenrudel hinter mir fletschen: „So ein Drecksladen. Die Bedienung lässt hier wirklich zu wünschen übrig.“ Ich schnappe kurz nach Luft und drehe mich um. Meine Blicke werfen Molotowcocktails an den Tisch, aber schließlich schreite ich stillschweigend weiter. Die Gäste sind ja Kings and Queens, oder?

Wenn ich Freund:innen von Situationen wie diesen erzähle, bekomme ich wenig Verständnis für mein Verharren in der Gastronomie. Es sei doch eine erniedrigende Arbeit, in der kein respektvoller Umgang gegenüber uns Mitarbeiter:innen herrsche und generell sei ich mit Studium in der Tasche doch viel zu überqualifiziert für einen Job wie diesen. Auch wenn ich diesen Job nur nebenbei und mit absehbarem Ende nachgehe, um mich während der verbleibenden Studienzeit über Wasser zu halten, finde ich die Argumente meiner Freund:innen schwach.

Na klar, sie beinhalten einige Wahrheiten. Es stimmt, dass Bediensteten aus der Gastronomie zu wenig Respekt entgegengebracht wird. Adäquate Anerkennung für die erbrachten Leistungen kommen weder seitens der Gesellschaft noch seitens der Arbeitgeber:innen. Es existieren diverse Vorurteile gegenüber Menschen, die in der Gastronomie arbeiten. Personen, die sich für diesen Job entscheiden, haben demnach entweder eine Vorliebe für berauschende Substanzen oder einen Intelligenzquotienten kleiner gleich null. Oder beides gleichzeitig.

Meine persönlichen Erfahrungen haben mir jedoch gelehrt, dass das Leben auch in diesem Berufsfeld keinem binären Code folgt. Die Möglichkeit, Alkohol zu konsumieren, ergibt sich allein durch die ständige Verfügbarkeit viel schneller als in anderen Jobs. Dieses Angebot wird von vielen auch gerne angenommen, insbesondere, wenn sich Situationen oder der Arbeitstag als besonders stressig und überfordernd darstellen. Jedoch ist die Annahme, dass alle Gastronomieangestellten diverse Suchtprobleme haben, nicht mehr als ein verkommenes Vorurteil. Alkohol ist ein unbestreitbarer Teil dieser Branche, wie Alkohol und die damit einhergehenden Probleme auch unbestreitbare Bestandteile der gesamten Gesellschaft sind – unabhängig davon, welchen Beruf jemand nachgeht. Es konnte noch kein kausaler Zusammenhang zwischen Alkoholmissbrauch und Beruf gefunden werden, viel eher zeigt sich eine berufsgruppenübergreifende Tendenz zum drinking to cope in stressigen Situationen.

Die Behauptung, dass Kellner:innen in ihrer Leistungsfähigkeit beschränkt sind und nur einem so geistig unterfordernden Job nachgehen könnten, ist ein Paradebeispiel von Diskriminierung aufgrund der sozialen Klasse und den dazu assoziierten Berufsfeldern. Dieses herablassende Vorurteil ist keineswegs eines, mit dem sich nur Gastronomieangestellte auseinandersetzen müssen, sondern viele Arbeiter:innen. Jede:r, der* / die* jemals einen Tag im Service gearbeitet hat, weiß, dass dies nicht stimmt. Die siebenundzwanzig Tabs in meinem Kopf sind kein Einzelfall und ohne ein gut funktionierendes Arbeitsgedächtnis läuft in diesem Job gar nichts. Noch dazu belangt es in einem Dienstleistungsberuf einer ordentlichen Portion an emotionaler Intelligenz, da die Kund:innen nicht immer einfach sind und uns oft nicht auf Augenhöhe begegnen. Unabhängig davon sollten aber alle das Lokal mit einem Lächeln verlassen.

Diese Vorurteile sind also nicht mehr als bloße Vorurteile. Was jedoch niemand im Gastronomiegewerbe abstreiten würde, sind die miserablen und oft prekären Arbeitsbedingungen. Wie in vielen Jobs des Dienstleistungssektors sind Überstunden, nicht existierende Pausen und Mindestlöhne, die Norm und die herrschende Hierarchie zwischen Angestellten und Vorgesetzten erzeugt so viel Druck, dass diese Ungerechtigkeiten nur selten infrage gestellt werden. Ich werde nie vergessen, wie ich an meinem ersten Arbeitstag – ein klassischer Samstagmorgen – einen mir sympathisch scheinenden Kollegen nach den Pausenregelungen fragte. Dieser sah mich nur bedauernd an und seufzte: “ Ach, Schatzi. Es gibt hier keine Pausen. Wenn du aufs Klo musst, dann geh mal schnell, ja.” Ok, für die ein oder andere eingeschweißte Gastrohaut mag dieser Umstand normal und mein Belangen lächerlich klingen. Meines Erachtens ist es absurd, dass man 2022 immer noch Betriebe hat, die es schaffen, dass sich die eigenen Mitarbeiter:innen gegen eine gesetzlich vorgeschriebene Ruhepause entscheiden. Wer Pausen beansprucht, ist kein respektierter Bestandteil des Teams und bekommt das auch zu spüren. Nach diesem einen Gespräch nahm ich nie wieder das Wort Pause während meiner Arbeitszeit in den Mund.

Also warum gibt es dann dennoch Menschen, die in dieser Branche bleiben? Naja, jeder arbeitende Mensch muss sich durch finanzielle Einnahmen das Überleben sichern. Und nicht jeder Mensch hat das bürgerliche Privileg, sich frei zwischen multiplen Berufsfeldern entscheiden zu können. Die Möglichkeit zur individuellen Lebensgestaltung ist keine, die für alle Menschen zugänglich ist – auch nicht in Deutschland oder Österreich. Argumente wie kündige doch einfach sind zu vergleichen mit Aussagen wie Ach, trenn dich doch einfach, wenn sich eine Person in einer misshandelnden, jedoch existenzsichernden, Beziehung befindet. Manchen Menschen scheint das neoliberale Selbstoptimierungsmindset so eingetrichtert zu sein, dass sie nicht verstehen, dass vollkommene Entscheidungsfreiheit über die Gestaltung des eigenen Lebens für insbesondere Personen aus sozioökonomisch schwachen Verhältnissen schlussendlich nicht mehr ist als bloße Fiktion. In diesem Wirtschaftssystem wird und muss es immer Personen geben, die sich in ökonomischen, sozialen und / oder psychischen Abhängigkeiten befinden.

Denn der springende Punkt ist, diese Arbeit – so nervenaufreibend und selbstmordgefährdend sie des öfteren auch sein mag – ist an und für sich eine schöne Beschäftigung. Es sind Momente wie jene, in denen alltäglich bekannte Gesichter sich durch die Tür hinein schleichen und dich darum bitten, etwa den Kuchen doch für sie auszuwählen, weil du ja weißt, was ihnen am besten schmeckt, in denen mir jedes Mal aufs Neue die tragende Relevanz dieses Berufs bewusst wird. Menschen kommen, um sich mitzuteilen, weil sie sich wohlfühlen und wortwörtlich einen Platz für sich finden. Oft erzählen sie intime Geschichten aus ihrem Leben, manchmal sprechen sie einfach nur über Belangloses. Das Gesprächsthema ist letztendlich nebensächlich, viel eher relevant ist, dass sie Gesprächspartner:innen haben. Für solche Personen sind meine Kolleg:innen und ich keine stillservierenden Dienstleister:innen, sondern wichtige Konstanten im Alltag. So wie in allen Branchen mit Serviceleistungen und direkter Kund:innenbetreuung, leisten wir emotionale Arbeit und tragen somit einen erheblichen Teil zum sozialen Erhalt unserer Gesellschaft bei.

19:12 Uhr, ich schließe den letzten Tab und der Desktop ist leer. Erschöpft zähle ich meine Einnahmen des heutigen Tages und wütend bemerke ich wieder einmal, wie wenig von diesem ganzen Geld schlussendlich bei uns Kellner:innen ankommt. Doch für eine Konfrontation fehlt mir heute die Kraft. Meine Beine tragen mich müde durch die Tür, die heute für so viele Menschen offen stand. Ein letzter Blick geht über meine Schultern und meine Hände schicken Küsse an die verbleibenden Kolleg:innen. Auch wenn die Anerkennung überall anders fehlt, insgeheim wissen wir: die Arbeit, die wir leisten ist fucking hilarious.

Illustration: Teresa Vollmuth

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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