Warnung: Dieser Text enthält Schilderungen einer Essstörung.

Ich war gerade in den Kindergarten gekommen, als ich das erste Mal gefragt wurde was ich denn werden wolle. Obwohl die Frage eigentlich sehr offen formuliert war, wusste ich sofort, was gemeint war: Man wollte wissen, welchen Beruf ich später einmal ausüben wollte. 

Was ich damals geantwortet habe, weiß ich nicht mehr. Viel interessanter als meine Antwort ist aber ohnehin die Frage. Schon Kleinkinder nach ihrem Wunschberuf zu fragen, zeigt welche Rolle Arbeit in unserer Gesellschaft spielt: Menschen definieren sich über ihren Job und nicht selten wird er zu einem bedeutenden Teil ihrer Identität.

Die Arbeit ist Ausdruck von Persönlichkeit, von Werten und insbesondere von Leistung. Unter einem erfolgreichen Menschen versteht man gemeinhin eine Person, die in hoher Position arbeitet und/oder viel Geld verdient. Personen, die viel arbeiten, werden mit Anerkennung bedacht; Personen, die wenig oder gar nicht arbeiten, erfahren hingegen häufig Ablehnung. Menschen ohne Arbeit sind ganz erheblicher Diskriminierung ausgesetzt, die auf ihrer vermeintlich geringen ökonomischen und gesellschaftlichen Leistung – und in der Folge niedrigen empfundenen Nützlichkeit – basiert.

Dieses Prinzip der Leistung haben wir internalisiert: Wir haben es soweit in unsere Handlungs- und Denkstruktur übernommen, dass wir es instinktiv und häufig unbemerkt auf unser eigenes Leben und das anderer anwenden.

Mich als kleines Kind schon nach meinem Wunschberuf zu fragen, obwohl ich offensichtlich noch keinerlei Idee vom Arbeitsleben hatte, ist ein Beispiel für internalisierten Kapitalismus. Mit dem Begriff beziehe ich mich auf das Wesen des heutigen Kapitalismus, der sich in der Persönlichkeit von Individuen fortschreibt und sich auf diese Weise von alleine reproduziert.

Das bedeutet: Wir haben die kapitalistische Funktionsweise so sehr verinnerlicht, dass wir automatisch unser Denken und Handeln danach ausrichten. Wir brauchen niemanden mehr, der uns nach der Schulzeit dazu zwingt einen Job zu suchen und in der Regel auch niemanden, der uns morgens antreibt, damit wir auch wirklich auf der Arbeit erscheinen. Das machen wir von ganz alleine, denn wir haben gelernt: Arbeit ist das Wichtigste im Leben und ohne Arbeit sind wir nichts.

Das war nicht immer so. Erst mit der Industrialisierung begann die Produktivmachung der Menschen im Sinne einer kapitalistischen Verwertungslogik und der Zwang zur Arbeit. Viele Arbeiter:innen mussten nun in wirtschaftlicher Abhängigkeit für wenige Kapitalbesitzer:innen schuften. Die Fabrik war Arbeitsplatz und Disziplinierungsmaßnahme in einem: Arbeiter:innen wurden durch Fabrikgesetze, harte Aufseher:innen und strenge Zeitvorgaben den Zwängen der Fabrik unterworfen. How to get work out of workers war für Fabrikbesitzer:innen die vorherrschende Herausforderung, denn die Arbeiter:innen sollten zu größtmöglicher Produktivität angehalten werden. Es dauerte einige Generationen, in denen sich das Prinzip der Leistung immer weiter in die Köpfe der Menschen einschrieb, bis schließlich der institutionalisierte Zwang durch die Fabrik nicht mehr nötig war.

Heute brauchen wir schon lange niemanden mehr, der uns produktiv macht. Heute haben wir das kapitalistische System soweit internalisiert, dass wir von ganz alleine die größtmögliche Produktivität aus uns herausholen. Für das System selbst ist das sehr praktisch: Wenn wir seine Logik soweit verinnerlicht haben, dass wir uns selber disziplinieren und nicht mehr von außen zur Arbeit gezwungen werden müssen, spart das einiges an Ressourcen.

Für uns selbst hingegen kann die Verinnerlichung der kapitalistischen Normen und Werte auch sehr negative Auswirkungen haben. So führt sie bei vielen Menschen dazu, dass diese ihren Selbstwert gänzlich an ihre Leistung in Schule, Uni oder Beruf koppeln. Sobald die erbrachte Leistung eigenen oder fremden Ansprüchen nicht (mehr) gerecht wird, hat das oft verheerende Auswirkungen auf die mentale Gesundheit. 

Diese Erfahrung habe auch ich gemacht. Schon früh begann ich meinen Wert als Mensch viel zu stark von meiner Leistung abhängig zu machen. Spätestens im Gymnasium entstand bei mir ein Leistungsdruck, der mich einerseits anspornte, aber andererseits schon bald in eine Depression führte. Ich hatte damals den Eindruck, mein Wert als Mensch würde von meinen Noten in der Schule abhängen und wenn meine Noten nicht im Einserbereich lagen, war ich – meiner Logik zufolge – wertlos.

Als Reaktion auf meine Depression entwickelte ich eine Magersucht, denn in ihr glaubte ich endlich etwas gefunden zu haben, das ich besser konnte als alle anderen: Abnehmen. Meine Leistung – und damit meinen Wert – las ich nun nicht mehr an meinen Noten ab, sondern an der Zahl auf der Waage. 

Doch Leistungsdruck und übertriebener Leistungsanspruch sind nur zwei Beispiele einer ganzen Reihe an Symptomen im Denken und Handeln, die der internalisierte Kapitalismus in Menschen hervorrufen kann. Einige davon konnte auch ich bereits bei mir beobachten.

Diese Beispiele habe ich in folgender, nicht vollständiger Liste aufgeführt:

  • Wenn ich über meine Zukunft nachdenke, denke ich fast ausschließlich an meine beruflichen Chancen und Möglichkeiten.
  • Wenn ich einen Menschen neu kennenlerne, frage ich sie/ihn wie selbstverständlich als erstes danach, was sie/er studiert oder beruflich macht.
  • Meine psychische Gesundheit steht in starker Abhängigkeit zu meiner Leistung auf der Arbeit oder zu meinen Noten in der Schule/Uni: Wenn ich eine schlechte Bewertung erhalte, ruft das zum Beispiel oft starke Selbstzweifel hervor. 
  • Ich fühle mich schuldig, wenn ich eine Pause brauche oder einfach mal nichts tue.
  •  Zeit zu verschwenden war lange eine meiner größten Horrorvorstellungen.
  • Am Abend geht es mir nur dann gut, wenn ich tagsüber produktiv war und etwas geschafft habe. Ist das nicht der Fall, geht es mir in der Regel schlecht. 
  • Ganz automatisch priorisiere ich häufig Studium und Arbeit über Familie, Freunde, Hobbies und meine mentale wie physische Gesundheit.
  • Ich habe Angst davor, dass andere mich als faul oder unproduktiv wahrnehmen könnten.
  • Ich habe den ständigen Drang, mich selbst zu optimieren, sei es im Job, beim Sport oder in anderen Lebensbereichen.

Ich habe gemerkt, dass die kleine Kapitalistin in mir vor allem negative Auswirkungen auf mein Leben und insbesondere auf meine Psyche hat. Natürlich motiviert sie mich auch, weshalb ich ihretwegen mehr und bessere Leistungen erbringe.

Doch zu welchem Preis? Bei mir ist sie vor allem der Auslöser von Unzufriedenheit und negativen Gedankenspiralen. Und deshalb habe ich verstanden, dass ich nicht glücklich werden kann, solange die kleine Kapitalistin in mir so viel zu sagen hat.

Wenn man kapitalistische Logiken überwinden möchte, ist der erste Schritt immer, zu erkennen, wie man sie internalisiert hat. Das Unbewusste bewusst zu machen ist wichtig, denn nur auf diese Weise können automatisiertes Verhalten und ungesunde Denk- und Verhaltensmuster geändert werden. Diesen ersten Schritt bin ich bereits gegangen. Jetzt ist es Zeit, den zweiten zu gehen und zu handeln. In diesem Fall bedeutet handeln, mir zum Beispiel mehr Zeit zu nehmen, in der ich bewusst nicht handle.

Denn: In einer Welt, in der Leistung durch Arbeit das vorherrschende Prinzip darstellt, ist chillen Rebellion. Ich rebelliere.

Autorin: Lena Gröbe
Illustration: Teresa Vollmuth

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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