Panisch blicke ich auf den Papiercontainer unserer Filiale herab. Zwei Paar Herrenschuhe der Marke Lacoste und zwei Paar Ugg Boots liegen dort zugedeckt unter dem Altpapier des Hauses. Sie schauen mir vorwurfsvoll entgegen, nachdem ich sie möglichst leise und so tief es eben ging, mit braunen Pappkartons zugedeckt hatte. Mit einem zittrigen Gefühl gehe ich zurück in das Lager des Schuhgeschäftes, in dem ich aushelfe, um meine Mittagspause anzutreten.

André*, mein langjähriger Kollege, ist heute nicht so gut drauf wie sonst. Sein Gesichtsausdruck ist kalt und macht einen befremdlichen Eindruck auf mich. Ich frage mich, ob er etwas gemerkt hat. Unmöglich denke ich, womöglich hat er nur einen schlechten Tag. Er ist einer von vier Festangestellten und teilt sich an diesem Freitagvormittag die Schicht im Laden mit mir. In der Küche ziehe ich mir meinen dicken Wintermantel über, verstecke mein schlechtes Gewissen hinter dem Wollschal und verabschiede mich mit einem gekünstelten „Bis gleich“ von ihm in meine Pause.

Die paranoiden Gedanken begleiten mich. Was, wenn er mich dabei gesehen hat, wie ich mit dieser riesigen Plastiktüte – in welcher sich immerhin Ware im Wert von knapp 800 Euro befand –, das Lager verlassen habe? Habe ich sie auch gut genug versteckt? Es ist zu spät, ich kann meine Tat nicht mehr rückgängig machen, also bleibt mir nichts anderes übrig, als damit zu leben. Nachdem ich die belegte Brezel, die ich beim Kiosk in unserer Straße gekauft habe, abwesend und in einem rekordverdächtigen Tempo in meinen Mund geschoben habe, gehe ich in ein paar Geschäfte. Ich kann nicht anders, es ist, als ob mich die Schaufensterpuppen immer wieder zu sich rufen würden.

In der Umkleide eines Kleidungsgeschäftes blicke ich meinem frustrierten Spiegelbild entgegen. Mein Anblick deprimiert mich. Hinzu kommt, dass mir nichts davon passt, was ich gerne tragen würde. Im letzten Jahr verwandelte sich meine Konfektionsgröße von einer schlanken 34 in eine fast schon besorgniserregende 42. Während ich in der Vergangenheit meines Körpers schwelge, huscht mir eine Träne über die Wange. Für einen kurzen Augenblick hätte es mich vermutlich mit Glück erfüllt, würde eines der Teile passen. Irgendetwas, indem ich mich schön fühle. Immerhin habe ich die Schuhe. Für die kann ich schlecht zu dick sein. Erneut ziehe ich mir die ausgeleierte schwarze Stoffhose über meinen fetten Bauch, stopfe meine verschwitzte Bluse hinein und ziehe Mantel und Schal darüber. Frustriert verlasse ich den Laden und überlege, ob ich noch ein anderes Geschäft aufsuchen soll. Bei einem Blick auf die Uhr bemerke ich, dass es sich nicht mehr rentiert. Noch zehn Minuten, dann geht es wieder an die Arbeit. Widerwillig kehren meine Gedanken zurück zu Ándre und den geklauten Schuhen.

Als ich in unsere Gasse einbiege, sehe ich ein Polizeiauto vor dem Laden stehen. Herzstillstand. Wie erstarrt stehe ich da und beobachte die zwei Beamten, die sich nun in ihren Wagen setzen und wegfahren. Und da ist Ándre, der mit einer ernsten Miene zurück in unsere Filiale geht. Er hat mich also doch gesehen. Angsterfüllt greife ich zu meinem Handy in der Jackentasche und rufe meinen Freund an. Die Hälfte des Diebesgutes war für ihn bestimmt. Es hilft mir dabei, ruhigen Gewissens nach Hause zu kommen, wenn ich ihn in mein Doppelleben involviere. Er ist nicht begeistert von dem, was ich tue, undankbar aber auch nicht.

Nach ein paar Minuten lege ich auf, er weiß mir nicht zu helfen und mir bleibt nichts anderes übrig, als mich dem zu stellen, was auf mich wartet. Vor dem Laden stehend, sehe ich Ándres ernstes Gesicht, das mich aus dem Schaufenster heraus anstarrt. Er wartet schon auf mich. Neben ihm steht Wiebke*, unsere Kollegin und stellvertretende Filialleiterin. Eigentlich hat sie heute frei, ihre Anwesenheit ist ein schlechtes Zeichen. Auch ich kann meine Fassade nicht länger aufrechterhalten, nicht vor den beiden, immerhin arbeiten wir seit fast sieben Jahren zusammen. Ándre sperrt die Tür auf und lässt mich rein. Meine Lippen beben, viel mehr als ein „Hallo Wiebke“ bekomme ich nicht heraus.

Ándre spricht nicht, ich glaube, ihm geht es wie mir, Herz in der Hose. Wiebke redet jetzt und bittet mich ins Büro, sie meint, ich weiß sicher, worum es geht. Ja, das tue ich und es tut mir so verdammt leid. Wie konnte es nur soweit kommen? So viele Jahre, in denen ich damit durchgekommen bin. Jetzt habt ihr mich endlich auf frischer Tat erwischt, nachdem ihr euch die vergangenen Monate schon sehr stark über die großen Verluste wundern musstet. Ja, sagte ich da nur, die Kunden klauen einfach zu viel.

Wir sitzen in unserem kleinen Büro. Wiebke am Tisch, ich links neben ihr, Ándre rechts von mir. Da ist sie, dieses verwerfliche Plastikding, vollgepackt bis zum Rand mit Luxusartikeln. Wiebke ist ruhig, als sie anfängt zu reden. Sie sagt, sie wissen schon länger Bescheid. Haben nur auf den richtigen Moment gewartet. Beweisen konnten sie es mir nie. Schon unser damaliger Chef, der vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, verdächtigte mich. Ich kann nicht anders, die Tränen laufen. Schweren Herzens entschuldige ich mich, erzähle Ihnen von mir und meiner Sucht. Von den vielen Gerichtsverhandlungen. Es war schon immer da. Mit 16 wurde es mehr. Enttäuscht und doch verständnisvoll blicken sie mich an, ein bisschen sprachlos, ein bisschen bestätigt. Sie sagen, ich brauche Hilfe. Ich sage, ich weiß. Wiebke hält mir meine Kündigung entgegen, ich unterzeichne. Keine Polizei, dafür eine Chance.

*Namen von der Redaktion geändert

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE / Bild: Sofia

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