WARNUNG: Dieser Text handelt von Alltagsrassismus.

Das wichtigste vorweg: Ich bin schwarz. 

Zumindest genauso schwarz, wie ich weiß bin. „Braun“ habe ich das früher immer genannt, aber meine (weiße) Mutter meinte, so bezeichnet man dunkelhäutige Menschen nicht. 
Okay, dann eben schwarz (gelesen).

Das hat bis zu einem gewissen Zeitpunkt keine vordergründige Rolle in meinem Leben gespielt. Eigentlich bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich herausgefunden habe, dass ich alles, was mit meiner schwarzen Seite zu tun hat, ab meinem 5. Lebensjahr gedanklich beiseite geschoben habe.

„Du bist doch eine von uns“, habe ich in den letzten beiden Jahren wirklich oft gehört und niemals hat die Person, die das ausgesprochen hat, gemerkt, was allein dieser Satz schon alles anrichten kann. Ich schätze jedem, der sich mit dem Thema Alltagsrassismus schon einmal auseinandergesetzt hat, ist klar, dass jede Reaktion auf einen noch so kleinen Spruch viel tiefgründiger erklärt werden muss als der Spruch selbst. 

Warum?

Mein (böses) Erwachen hatte ich, wie sehr viele andere Menschen im Mai 2020 mit dem Tod des US-Amerikaners George Floyd. Natürlich war mir auch zuvor bewusst, dass Rassismus nicht irgendwann mal einfach von der Bildfläche verschwunden ist, aber jetzt begreife ich, er hat viele Facetten.

Etwas mitgenommen von wochenlanger intensiver Verfolgung der Berichterstattung und darauffolgender Selbstreflexion sitze ich am vermutlich letzten Sommertag des Jahres 2020 bei meiner besten Freundin auf der Terrasse. Warum man einen Abend mit sechs erwachsenen Frauen (mit meinen beiden besten Freundinnen und unseren Müttern) einen „Mädelsabend“ nennt, ist mir bis heute ein Rätsel. Das Konzept ist jedoch durchaus schlüssig. Es gibt Aperol, wahlweise Hugo und gemischte Platten. Es ist ein schöner Abend, fast wie in vergangenen Zeiten.

Ich überhöre gekonnt Greta-Thunberg- und Vegetarier-Witze und genieße Gespräche, bei denen ich denke, etwas sagen zu können. 

Die erste Partei verabschiedet sich und wir sind nur noch zu viert.

Es ist kühler geworden.

„Also rassistische Polizeigewalt hin oder her, aber Straßen umzubenennen und Statuen abzureißen ist nun wirklich übertrieben“, sagt die Mutter meiner besten Freundin.

Und da ist er! Der Elefant im Raum, der uns möglicherweise noch ein Leben lang verfolgen wird (auch, wenn ich das wirklich nicht hoffe). Meine Mutter hatte gerade selbst einige Erleuchtungen bezüglich der Diskriminierung von BIPOCs und reagiert gereizt. 
Meine beste Freundin, welcher ich zuvor nur kurz erklärt hatte, weshalb mir das Thema wichtig ist, schweigt. Ich selbst versuche, mich so lange wie möglich aus der Diskussion herauszuhalten, bevor mir die Situation zu heikel wird. 

Unterbewusst hasse ich mich dafür, dass ich mich einmische. 

In unserem vermeintlichen Streit geht es um Straßenschilder, Haare und Augenblicke, in denen sich Personen mit Migrationshintergrund zu (Un)recht angegriffen gefühlt haben.

Meine Mutter hält (dafür, dass sie, wie sie selbst sagt, ihren Kopf diesbezüglich fünfzig Jahre lang auf Durchzug gestellt hat) erstaunlich gut dagegen. Sie ist dabei zusätzlich und tief emotional in ihre persönlichen Argumentationen verwickelt. Es geht schließlich um ihre eigene Familie, ihren Ex-Mann und mich, ihre Tochter. Diskussionen in solch einem Rahmen sollen sachlich geführt werden, sagt man. Man muss die anderen zu Wort kommen lassen und sich verschiedene Positionen anhören und reflektieren. Da gibt es nur ein kleines Problem, welches sich wunderbar in diesem Szenario auf der Terrasse widerspiegelt:

Ich befürchte, die Positionen sind von vornherein ungerecht verteilt. Es geht mir nicht darum, zu erklären, warum gewisse (rassistische) Bemerkungen nicht rassistisch sind, sondern den Begriff Rassismus auf die Art und Weise auszudehnen, dass er jegliche von BIPOCs als diskriminierend empfundene Dinge mit einschließt. Als mir die Mutter meiner besten Freundin am nächsten Morgen noch einmal erklärt, warum sie nicht rassistisch ist und sie mich persönlich erst recht nicht meint, wird das noch einmal deutlicher.

Ich sitze mindestens eine Stunde bei ihr am Frühstückstisch und höre ihr beim Reden zu. Wenn ich die Chance bekomme, mich zu äußern, fühle ich mich so in die Ecke gedrängt, dass ich Aussagen treffe, die ich so – in einem nüchterneren Zustand – lieber wieder revidiert hätte. Zusätzlich vergesse ich das Allerwichtigste zu erwähnen:

Es geht nicht unbedingt um mich und meine Meinung über ihre Person! 

Ich bin nicht „die eine schwarze Person“, auch wenn das in meinem Umfeld häufiger der Fall zu sein scheint. Und ich habe nicht die Erfahrungen gemacht, die andere gemacht haben und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass alle schwarze Menschen zusammen – genauso wenig wie alle weißen, – in irgendeiner Sache ein homogenes Meinungsbild abgeben würden.

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Lena Jacobi-Chau Mitte März in Köln. © Viola Halfar

Natürlich wäre es schön, wenn jemand dem schwarzen Teil von mir zuhören würde, nicht nur dann, wenn es jemanden „gerade so interessiert, weil ich so schön braun bin“ (da ist braun natürlich wieder die richtige Wortwahl). Allerdings wäre es mir viel wichtiger, dass möglichst vielen betroffenen Menschen mehr und besser zugehört wird. Vielleicht hätten dann viele Nicht-Betroffene auch nicht das Bedürfnis, sich für ihre „ja gar nicht vorhandenen“ Äußerungen und Taten rechtfertigen zu müssen. Im Endeffekt ist es nämlich dann genau das, was es nicht sein soll:

Eine weiße Person bestimmt einen Begriff, der die Beschreibung eines Vergehens ihrerseits an einer schwarzen Person bezeichnet. Wenn die schwarze Person definieren will, wo das Vergehen anfängt und wo es aufhört, fühlt sich die weiße Person in ihrem Handeln viel zu angegriffen, um überhaupt zuzuhören. Dabei geht es doch genau darum zu erkennen, wo Rassismus anfängt und wo er aufhört. Das kann doch keine Diskussion sein.

Wenn ich mich mit dem Rad hinlege, dann werde ich wahrscheinlich heulen. Wenn es meine beste Freundin hinfetzt, dann wird sie sich eventuell nur über einen blauen Fleck ärgern. Schmerz kann nicht einheitlich begriffen werden, schon gar nicht, wenn es um Emotionen geht. Oder?

Um die Geschichte abzuhaken (obviously not possible) oder sie zumindest als einen Teil der Vergangenheit zu begreifen, aus dem man lernen kann, muss man sie kennen und sie versuchen zu verstehen. Möglichst multidimensional, auch wenn das objektiv gesehen nicht möglich ist.

Wenn schwarze Leute nicht selbst definieren dürfen, was ihnen wehtut und was nicht, weil sie „zu emotional involviert sind“, dann ist der Begriff Rassismus ein Wort von weißen Leuten für weiße Leute, weil es niemand anderen inkludiert. Das würde auch bedeuten, dass es Rassismus nicht mehr gäbe, wenn weiße Leute ihn für beendet erklären würden. Ich glaube nicht, dass das funktionieren würde.

Autorin: Lena Jacobi-Chau

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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