Ich schließe die Tabs meines Handys – eins nach dem anderen. Eine automatisierte Bewegung. Ein routinierter Zyklus, den ich jeden Abend erneut durchführe. Mein Tag besteht aus Apps. Anhand der Historie kann ich erkennen, wie ich meine Zeit genutzt oder eher verschwendet habe. Ich schreibe noch eine letzte Nachricht und aktualisiere noch ein letztes Mal meinen Instagram Account. Nach dem Schließen der Tabs fühle ich mich erschöpft. Meine Augen schmerzen und mein Kopf tut weh – beides von dem sterilen Licht meines Handys. Nachdem ich mich nun endlich von den Verlockungen der digitalen Welt losgerissen habe, versuche ich zu schlafen – vergebens. Ich bin wach, wacher als je zuvor, doch mein Körper ist ausgelaugt. Erschöpfung weicht innerer Unruhe. Kein Muskel, keine Faser regt sich, doch in meinem Kopf jagt ein Gedanke den anderen. Sie verfolgen einander wie weiße Blutkörperchen, wie Krankheitserreger in meinem Verstand. Ausgelöst durch eine Nachricht, angekurbelt durch meine Ängste, jagen mich nun meine Gedanken. Das ganze Leben als Teil der Generation Z fühlt sich teilweise wie eine Jagd an. Wir als Mitglieder dieser Generation jagen einander in den Wäldern von Social Media. Wir beobachten unser dargestelltes Verhalten und manche warten nur darauf zu attackieren. Natürlich ist dies ein sehr drastischer Vergleich, um das Sozialverhalten in den sozialen Netzwerken darzustellen. Aber in meinem Fall kann schon eine ignorierte Nachricht oder ein falscher Kommentar ausreichen, um die natürliche Reaktion von einem gejagten Tier auszulösen – Flucht. Aus den Tiefen von Social Media fliehe ich in die Tiefen meiner Gedanken. Von einer Bubble in die nächste. 

In meiner Bubble habe ich das Gefühl, mein Körper sei bewegungslos. Es fühlt sich an, als befände ich mich nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern in meinem Kopf. Das grelle Licht meines Handys strahlt mir entgegen, die schwarze Schrift verschwimmt hinter dem Schleier meiner Gedanken. Alles verschwimmt und weicht einem tristen Grau – einer Art Einöde. Grau umgeben von Nichts. Eine tödliche Mischung. Sie lässt keine anderen Gedanken zu als meine eigenen und die Stimmen, die mir aus meinem Handy folgen. Ich versuche meine Konzentration wieder auf meinen Körper zu richten, sodass mein Fokus wieder auf der Realität liegt. Doch die Realität ist der grauen Masse gewichen, in der sich mein Geist nun befindet. Sie erinnert an einen Treibsand, der jegliche Art von Bewegung als Einladung sieht, mich mehr und mehr in sein Inneres zu ziehen wie ein Raubtier in seine Höhle. Genau so fühlt sich die Gedankenspirale in meinem Kopf an. Je mehr ich versuche, ihr zu entkommen, desto mehr zieht sie mich hinab. Weiter und weiter, bis ich komplett regungslos bin und auch meine Gedanken verschwinden. Denn am Ende der Spirale wartet die Leere, eine Leere, die so weit ist wie die graue Wüste, in der ich mich zuvor befand. Diese Art von Schmerz ist indolent. Denn obwohl mein Körper gegen einen Eindringling kämpft, fühle ich nichts. Unser Immunsystem kämpft bekanntlich nur gegen fremde Feinde an und nicht gegen den eigenen Verstand. Dieser Kampf ist endogener Natur und schwer zu gewinnen, wenn du selbst dein eigener Jäger, aber gleichzeitig auch der Gejagte bist und die Jagd in einer surrealen Welt stattfindet. 

In der Psychologie nennt sich dieses Phänomen auch „overthinking“. Man könnte es auch mit dem deutschen Begriff „Grübeln“ gleichsetzen. So trivial dieser Begriff auch klingen mag – er ist viel komplexer, als man zunächst annimmt. Heutzutage gibt es so viele Stressfaktoren und psychische sowie physische Belastungen im Alltag, die Ängste in uns auslösen. Oftmals sind diese Ängste begründet, aber im Fall von „overthinking“ wechseln sie von Realität zu den schlimmsten Szenarien unserer Fantasie. Tobias Teichmann, der geschäftsführende Leiter des Zentrums für Psychotherapie Bochum, benennt die Ursache der Grübelei oder auch der Gedankenspirale folgenderweise: „Grübeln passiert im Zustand exzessiver Selbstaufmerksamkeit„. Folglich ist die Grübelei ein Resultat einer extremen Selbstfokussierung. Bei diesem Prozess kann man schnell in Selbstzweifel verfallen, die durch unsere ständige Abhängigkeit von der digitalen Welt nur umso mehr begünstigt werden. Wir vergleichen uns und kritisieren unsere Fehler. Jedoch wechseln wir nie die Perspektive, um unsere eigentlichen Makel nicht als Fehler, sondern als ein einzigartiges Merkmal anzusehen. Der Fokus liegt ständig auf der Frage: „Wie können wir besser sein oder was können wir anders machen?“. Stattdessen sollten wir uns so akzeptieren wie wir sind und nicht nach ständiger Optimierung streben. Denn andernfalls können wir nie vollends zufrieden mit uns und unserem Leben sein und so auch nicht die negativen Gedanken loswerden. 

Ein Tipp, den Teichmann an Patient:innen, die in einem sogenannten „Gedankenkarusell“ gefangen sind, weitergibt, ist, dass die Gedanken nicht Teil unserer Realität sind. Dieser Tipp lässt sich gut auf den Alltag vieler junger Menschen projizieren. Laut dem Digital 2020 Report für Deutschland von Hootsuite und We Are Social nutzen User das Internet rund 4 Stunden 52 Minuten pro Tag – 1 Stunde und 19 Minuten davon verbringen sie dabei auf sozialen Netzwerken. Wir verbringen folglich viele Stunden unserer Lebenszeit in einer surrealen Welt, die zur Selbstdarstellung und Inszenierung dient. Dabei kann nicht nur unsere Gedankenspirale angeregt werden, sondern auch eine Verzerrung der Realität. Für mich ist das der Startschuss für die Flucht. Eine Flucht vor meinen Ängsten und eine Flucht vor der Realität. Weiter und weiter in den Hasenbau der Ängste und der Nicht-Trivialitäten. 

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: Teresa Vollmuth

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